Kindheitsfetzen

Kindheitsflashback. Weil scheinbar alle so viel Wundervolles oder Abgedrehtes über ihre Kindheit zu erzählen haben. Naja, alle bis auf mich. Zusammengefasst kann man sagen, dass ich eine arschlangweilige Kindheit hatte.

Zu der Zeit als es so richtig schön abging in unserer kleinen Familie mit Dramen und Klinikaufenthalten kann ich mich nicht erinnern. Alle diese Erinnerungen aus dritter Hand. Als ich vor einem Martapfahl stand und ihn Vatamal nannte. Oder schreiend in der Badewanne saß weil ich nicht wollte, dass der Herr Vater außer Haus geht. Ach und wie witzig es doch war, als ich mit offenen Augen im Auto einschlief und meine Mutter ewig lang auf mich einredete und sogar wütend wurde, weil ich nicht reagierte, bis sie beim Aussteigen merkte, dass ich tief und fest schlief.

Die Zeit an die ich mich erinnere ist aber schlussendlich so richtig schön langweilig. Nichts Besonderes. Nichts was man abendfüllend erzählen könnte wo man sich frohlockend auf den Oberschenkel klatscht. Keine Landei-Anekdoten. Nur kleine Erinnerungsfetzen.

Dorfjunge der Ministrant war, älter als ich, und mit dem ich in einen Schuppen ging um Doktor zu spielen. Er nannte es „unser Geheimnis“. Fraglich ob ich das gut fand oder nicht.

Fahrradfahren im Stehen. Und immer wieder auf dem Pedal ausrutschen und mit voller Wucht gegen die mittlere Stange knallen. Keine Luft mehr kriegen und hyperventilieren.

Sportfest in der Grundschule. 100-Meter-Lauf. Der Totalversager, also ich, wird trotz absoluter Loserhaftigkeit klatschender Weise am Ziel erwartet.

Mimi der Rauhaardackelmischling der beim Bauern nebenan die Gülle des Misthaufens soff. Beim dazugehörigen Bauer musste ich immer Milch holen. Und er starb auf dem Klo. Der Landwirt.

Händchenhalten beim Schulausflug. Manuel und Daniel die mir um die Wette Blumen ausrupften. Daniel mein erster Freund. Wir waren in der vierten Klasse.

Salmonellenvergiftung. Einzige Erinnerung, dass ich auf das Lehrerklo gehen durfte, als es mir besser ging. Musste immer wegen dem Schlüssel fragen. War mir immer mehr als peinlich.

Blockflöte spielen. Hatte eine neue Flöte. Alle anderen hatten eine, bei der oben am Mundstück schon ein bisschen der Lack abgegangen war. Ich habe ihn mit den Zähnen abgeschabt weil ich das einfach cooler fand.

Hotdogs aus dem Dorf-Wirtshaus. Billiges Würstchen mit Ketchup in nem pampigen Semmelding.
Ein paar Erinnerungsfetzen. Mehr ist da nicht. Und das Tragische ist, dass ich, je älter ich werde, immer mehr vergesse. Vielleicht schreibe ich gerade deswegen jetzt alles auf. Weil ich es irgendwo festhalten will. Diese kleinen Erinnerungen an eine verdammt langweilige Kindheit. Wohlbehütet. Fast beneidenswert. Ich frage mich, wann ich dann so verbittert wurde. Wenn doch alles so easy war.

Vielleicht sollte ich mich mal mit meinem Vater zusammensetzen. Mit einem Notizblock und alles aufschreiben. Nur damit ich Gedankenstützen habe. Denn irgendwann werde ich vielleicht sogar den Ministranten vergessen der mir mit einem Stofftaschentuch sein Teenie-Sperma vom Bauch wischte.

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