Barbara meets Barbara

„Huhu! Hallooooohooooo!!!! Hier unten! Hallo!!!! Duhuuuuu!“

Irgendwas zupft mir an meiner Geldbeutelkette und brüllt mich an. Ich kucke nach unten und sehe ein kleines Mädchen. Dunkelbraune Haare, unglaublich blaue Augen. Kuckt mich strahlend an. Und irgendwie erinnert mich das kleine Ding an jemanden. Wenn ich nur drauf kommen würde… die sieht irgendwie aus… ja… wie ich. Ich bin verwirrt. Haben nicht normalerweise Männer dieses Erlebnis, dass sie auf Kinder treffen, die ihnen ähnlich sehen? Ob ich was zu dem Kind sagen soll? So was wie, „Hau ab oder ich schreie!“ Oder einfach gleich eine reinhauen und schnell weglaufen. So Kinder sind doch heutzutage unberechenbar. Und wenn sie auch noch aussehen wie du, das kann doch nur ein Freak sein. Aber da mich das Kind so vertrauensselig ankuckt, beuge ich mich doch zu ihm herunter und frage es, was es denn von mir will.

Und dann geht’s los.

„Naaaaaaa Kleines. Was kann ich für dich tun?“

„Erkennste mich? Na? Ich bins. Hihi! Du. Also ich, aber eigentlich auch du. So als klein jetzt. Wollt mal kucken was du so machst. Freust du dich?“

„Ähm, also… tja, das geht doch gar nicht. Wer hat dir Geld gegeben um mich zu verarschen. Los. Sag! Ich tu dir auch nichts. Versprochen.“

„Hihi! Also ich werde doof wenn ich älter bin. Mh. Das finde ich jetzt blöd. Du kriegst wohl selten Besuch, oder? So wie du dich aufregst. Und los, kauf mir ein Eis. Und dann erzähl mir ein bisschen was von uns.“

Immer noch ziemlich perplex setze ich mich hin. Starre mein Mini-Ich an und suche verzweifelt nach einer Zigarette. Die Mini-Barbara kuckt mich mit zur Seite geneigtem Kopf an. Sie mustert mich direkt.

„Mh! Wenn du nichts erzählen willst, dann frage ich dich halt einfach. Vielleicht bin ich so dumm geworden, dass ich von alleine nix erzählen kann. Also! Fangen wir ganz leicht an. Wie alt bist du jetzt?“

Immer noch ziemlich verwirrt zünde ich mir eine Zigarette an. „Kann doch alles nicht wahr sein.“, denke ich. „Ich wusste, dass ich irgendwann durchdrehen würde, aber so?! Aber gut. Wenn ich schon den Verstand verliere, dann kann ich mich auch mit meinem Mini-Ich unterhalten.“ Ich hole tief Luft. „Ich bin jetzt 26.“

Die Augen der Klein-Barbara werden groß. „Soooooo alt? Du siehst aus wie die ganz Großen im Gymnasium. Musst sicher bald sterben, stimmts? Achje. Aber wenn du so alt bist, dann hast du sicher schon Kinder. Hast du? Wo sind die? Kann ich die mal sehen? Hast du ein Foto?“

„Naja, also sooooo alt bin ich dann auch wieder nicht. Bin sogar noch ziemlich jung. Und nein, ich habe noch keine Kinder. Mama hat mich, also dich, ja also uns, auch erst mit 31 gekriegt.“

Entsetzt blickt mich die kleine Barbara an. „Aber dann bist du Verkäuferin geworden. Oder Kindergärtnerin. Oder? Und du hast wenigstens einen Mann. Und einen Hund. Und Katzen. Und Kaninchen. Hast du?“

Langsam nervt mich meine Miniversion ein bisschen. Diese bohrenden Fragen, dieser böse Blick. Mahnend kucke ich sie an. „Liebe Barbara. Nein, ich habe keinen Mann. Auch keinen Freund. So was brauche ich nicht. Und ja, ich habe zwei Katzen, aber ansonsten keine Tiere um die ich mich kümmern muss. Und ich bin gerade fertig geworden mit meiner Ausbildung als Informatikkauffrau. Ich suche momentan einen neuen Job. Gut so?“

Traurig blickt das kleine Mädchen auf den Boden und kickt mit dem Fuß kleine Kieselsteine weg. Sie wirkt enttäuscht. Nachdem wir einige Zeit geschwiegen haben, packt sie plötzlich meine Hand und schaut mir ernst in die Augen.

„Wir sind ziemliche Versager, stimmt’s? Nichts wird so, wie ich mir das vorstelle. Ich habe einmal mein 10-jähriges Ich besucht. Da saß ich gerade bei der Einschreibung zum Gymnasium. Ich wollte Anwältin werden. Und Papa sagte, wenn ich das Abi mit 1,0 schaffe, dann kriege ich ein rotes Cabrio von ihm. Du hast kein rotes Cabrio, stimmts? Und wahrscheinlich nicht mal ein Abi… ich glaube, ich gehe lieber wieder. Muss noch Hausaufgaben machen für Frau Nusko. Na also, dann mach’s gut. Siehste wenigstens nicht total hässlich aus und bist fett geworden oder so. Das ist doch auch schon mal ganz nett.“

Mini-Barbara drückt mir einen feuchten Kuss auf die Stirn und schlurft mit hängenden Schultern davon. Wie benommen bleibe ich sitzen und hinterfrage lieber nicht, ob mir das gerade wirklich passiert ist.

So würde es aussehen, träfen wir aufeinander. Mein Klein-Ich und mein Jetzt-Ich. Oder so ähnlich. Das Klein-Ich hätte eine andere Wortwahl und würde vielleicht noch bohrender fragen. Aber am Ende gäbe es immer diese Scham, dass ich es enttäusche. Das ich mich enttäusche. Das ich ein Leben führe, dass ich mir nie so vorgestellt habe. Ich hatte schon immer eine realistische Vorstellungen vom erwachsen sein. Doch dass es so aussehen würde, hätte ich nicht erwartet. Vielleicht sollte ich mich öfter an mein Kleinkind-Ich erinnern. Um mich selbst ein bisschen mehr zu motivieren. Mir in den Arsch treten lassen, um die Enttäuschung kleiner zu halten. Na gut, Anwältin werde ich sicher nicht mehr. Aber vielleicht schaffe ich die Sache mit dem roten Cabrio. Wer weiß.

Advertisements

2 Gedanken zu “Barbara meets Barbara

  1. Interessante Vorstellung und sehr bildlich wieder gegeben. Vermutlich wäre der kleine Christian, der jetzt eigentlich ganz andere Dinge machen wollte, ebenso enttäuscht.

    Etwas schade, das Du im Rückblick auf die vergangene Zeit anscheinend nicht viel positives mitnimmst.

    Sei froh, das Dich aber noch das Kind in Dir Dich anscheinend doch zu etwas motivieren kann. Ich wär durchaus interessiert zu lesen, was die 45-jährige Barbara sagt, wenn Sie auf die 26-jährige Barbara später trifft.

  2. Wow, eine extrem gute Geschichte mal wieder! Danke…

    Als ich 10 oder 12 war, habe ich mir vorgestellt, wie es wäre mich selber als 30jährigen zu besuchen. Meine größte Angst war, dass der 30jährige den 10jährigen gar nicht wiedererkennt und nichts von ihm wissen will. Wegen total anders weiterentwickelter Persönlichkeit. In der Hinsicht hätte ich mir keine Sorgen machen müssen, es ist im Lauf der Zeit viel weniger von „mir“ verlorengegangen als ich befürchtet hatte (gilt sogar auch jetzt noch, wo ich 45 bin). Und solche Themen wie Partnerschaft-Familie-Hausbau konnte ich mir mit 10 Jahren für keine noch so ferne Zukunft vorstellen. Ich hatte als Kind nie das Gefühl, dass das der naturgemäße Lauf der Dinge sei. Ist es ja auch nicht. Wie kam die Kind-Barbara eigentlich darauf, dass es so sein könnte? Aber egal. So im Rückblick finde ich, ich habe mich nicht so schrecklich weit von mir entfernt, dass ich davon enttäuscht gewesen wäre. Ab und zu würde ich jetzt gerne mal den 10jährigen besuchen, ihm ein paar Sachen aus der Zukunft erzählen, ihm mein Foto-Handy zeigen und im sagen dass er sich eigentlich gar keine großen Sorgen machen muss.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s