Jägerzaun oder Jägermeister

Jeden Arbeitstag fahre ich vorbei an diesen Einfamilienhäusern. Und manchmal, da stelle ich mir die Frage, ob ich auch mal so etwas haben werde. Es ist kein Wunsch. Es ist eine simple Frage an das Universum.

Stelle mir die Frage, ob ich mir auch irgendwann ständig Gedanken darum mache, wo man noch was umbauen kann um es noch gemütlicher zu machen. Ob ich dann einen Mann habe. Einen, dem ich Abendessen koche, die Schlüpfer an die Wäschespinne hänge und über den ich mich heimlich aufrege, weil er nie der Romantiker war, den ich mir gewünscht hatte. Ob ich irgendwann auf Familienfeiern sitze, mir den geschwängerten Bauch tätscheln lasse, über Verdauungsfortschritte von Kind 1 spreche, während mich der Ehemann mahnend anstarrt, weil ich mir die zweite Buttercremetortenladung in die Backen stopfe. Jahreszeitendeko, Familienfotos, „Horst-Kevin on board“-Aufkleber auf dem Auto, praktischer Kurzhaarschnitt, Socken stopfen, Samstag ist Waschtag und Sonntag gibt es Braten, Schwiegermutterhass, Tupperpartys auf denen man uns eigentlich einen Dildo in die Hand drücken sollte. Geranien, Gardinen, Kaffeemaschine entkalken und Babyfotos in Alben kleben mit diesen lustigen Sprechblasenaufklebern. Frauenzeitschriften aus denen ich die 200 besten Rezepte für Hackfleisch ausschneide. Satte Zufriedenheit wenn man gemeinsam ein Glas Wein trinkt und dann leicht angetrunken einschläft bevor man den klitzekleinen Erotik-Moment auskosten könnte, der in der Luft lag. Hochzeitstag, Muttertag, Grabpflege. Großeinkauf, Aufklärung, Pubertätshass. „Als ich in deinem Alter war, …“, sagen und es auch so meinen. Vielleicht wäre ich sogar glücklich. Mit all dem. Mit den Wachsmalkreidekritzeleien an der Wohnzimmerwand und den kleinen Angstmomenten, wenn es plötzlich ganz still im Haus ist.

Doch ich glaube, dass mein Weg in eine andere Richtung führt. Ich denke, dass ich irgendwann, es war wohl schon im zarten Teenie-Alter, die andere Abzweigung genommen habe. Und in meinem Heute, macht mir das keine Angst. Ich finde es gut, dass ich nicht auf Biegen und Brechen versuchen muss, mir ein heimeliges Nest zu bauen.

Doch irgendwann, da werde ich Angst haben. Denn irgendwann wird ein Großteil meines Umfeldes in genau diesem Familienkonstrukt stecken. Und ich nicht. Ich werde der netten Nachbarin von Nebenan meine Ersatzschlüssel geben. Für den Fall aller Fälle. Sollte was passieren. Eine kleine Notfalltasche für einen Krankenhausaufenthalt schon fertig gepackt, damit sie nicht in meinen Baumwollunterhosen wühlen muss. Kein Testament, weil es nichts zu vererben gibt und niemanden der es erben könnte. Es wird vielleicht ein Hass entstehen. Auf Menschen, die gemeinsam glücklich sind. Auf das Kinderlachen. Und auf mich. Verbittert wird mein Denken sein. Jeden Abend der obligatorische Jägermeister. Und am Sonntag gibt es genau den selben Fraß wie den Rest der Woche weil nun mal alle Tage gleich sein werden, bis auf das Fernsehprogramm. Es wird einfach nichts passieren.

Vielleicht werde ich aber auch glücklich sein. Mit mir. So alt. Und vielleicht doch nicht so allein. Weil das Leben nicht immer eine Aneinanderreihung von Extremen sein muss.

Gespannt bin ich darauf, ob ich dann am Ende wirklich sagen kann. „Und ich hab’s doch gewusst.“

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5 Gedanken zu “Jägerzaun oder Jägermeister

  1. Ich hatte ja schon mehrfach überlegt, dass es sich wohl am leichtesten leben ließe, gelänge es, all die Sehnsucht abzustellen und einfach nur mit mir selbst zu sein. Das Problem jedoch ist, dass ich Menschen mag, und dass es unter ihnen durchaus hin und wieder auch ein paar gibt, die dazu einladen, sie mit meinen Emotionen zu bekleistern. Und dann kommt der Moment, in dem ich mir selber nicht mehr genug bin und die alberne Sehnerei anfängt.

    Doch prinzipiell glaube ich, dass es möglich ist, dass es gut sein kann, sich selbst genug zu sein.

    [Allerdings mag ich meine Nachbarin nicht.]

  2. Ich stelle mir manchmal die gleichen Fragen. Aber diese Vorstand Idylle will ich nicht. Ich werde sie auch nie wollen. Ich war ein Großstadtkind und bin ein Großstadtmensch geblieben. Mich stören die Hektik und die Menschen nicht. Aber trotzdem hoffe ich immer noch, dass ich in der Großstadt nicht auf ewig alleine sein muss. Jetzt ist es noch ok, ungebunden, frei und alles das. Aber irgendwann werde ich auch das Bedürfnis nach Frau und Kindern haben. Es wird aber sich nicht eine klassische, traditionelle Familie sein. Dazu koche ich selbst viel zu gerne 🙂

  3. Ich könnte mir auch nie sowas vorstellen. Nur den Horst-Kevin on Board Aufkleber find ich super. Würde ich auch ans Auto machen, wenn das Kind nicht so hieße.

  4. Da möchte ich mich dem Geschichtenerzähler anschließen. Ein Horst-Kevin-Aufkleber darf nicht fehlen.

    Deine Zukunft liegt wahrscheinlich zwischen den Extremen. Du wirst weder allein sein noch übermäßig abhängig von anderen.

    Es ist nicht das Schicksal allein, das Deine Zukunft bestimmt. Zum größten Teil tust Du das selbst. Mach Dir keine Gedanken, in welche Richtung Du gehen sollst oder gegangen bist – Du kannst die Richtung JEDERZEIT ändern.

    Man hat immer eine Wahl.

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