Spiegelstreit

Es gibt so Momente im Leben, da beschimpft man jemanden. Man wirft ihm total haltlos Dinge an den Kopf, ohne wirklich einen Grund dafür zu haben.


Zumindest mache ich das. Ich werde ungerecht und meistens möchte ich auch einfach nur einen Streit anzetteln, um mich mal wieder ordentlich verbal auszutoben. In meinem Kopf horte ich schon alle Argumentationsketten um mich, sage den Schimpfworten sie sollen sich auf ein Gefecht vorbereiten und warte nur noch auf die Antwort, die mir dann vermeintlich das Recht gibt, so richtig schön im Verbalabfall zu wühlen.


Ich mache mich bereit. Hebe die Fäuste und bin darauf gefasst mich richtig gehen zu lassen. All-you-can-fight!


Ganz schlimm wird es dann, wenn ich ins Leere laufe. Wenn mein Gegenüber einfach nicht darauf eingeht. Auf diesen Kindergartenmist den ich mir so schön zurecht gelegt habe. Das macht mich dann noch wütender. Vor allem auf mich weil ich eigentlich keinen Grund habe. Die Person hat mir meist rein gar nichts getan und nur mein Kopf meint, er müsse jetzt mal wieder gepflegt gegen eine Mauer donnern um auch mal wieder etwas zu empfinden. Weil es ihm fehlt. Die Zornesröte die sich schleichend im gesamten Gesicht verteilt.


Und das Paradoxe ist, dass es jeden Menschen treffen könnte. Ich suche mir nicht explizit jemanden aus. Weil es ja ein absolut grundloses Unterfangen ist. Denn eigentlich möchte ich mit mir streiten. Ich möchte mich beschimpfen. Weil ich es wieder mal nicht auf die Reihe kriege. Dieses Leben, das erwachsen sein und Verantwortung übernehmen für mich und meine ach so rosige Zukunft. Weil ich mich wieder einmal lieber verstecken möchte, statt hochmotiviert mit Mut unter den Fußsohlen in mein Leben zu springen. Weil es mir gerade eigentlich gar nicht passt. Weil sich ein Großteil von mir wieder nach wohliger Uterus-Wärme sehnt und es einfach nicht sehen will, dass die Zeit gekommen ist, um über mich selbst hinauszuwachsen. Und weil ich so verbohrt bin. So stur. Ausreden suche. Sie mir schön zurechtlege. Jede kleine Ausrede wird poliert und vorsichtig vor mir aufgereiht. Fast stolz sehe ich sie mir an und rede mir dann selbst ein, dass diese Argumente doch jetzt wirklich gut genug sind, um mein Versagen zu rechtfertigen. Die Zeit, die ich mit dem Suchen und Finden von Ausreden verwende, könnte ich produktiver nutzen. Könnte mich auf meinen faulen Arsch setzen und die kunterbunten Pläne, die ich in mir habe, auch endlich mal in die Tat umsetzen.


Und weil ich dies nicht mache, möchte ich streiten. Mit mir. Und da ich noch nicht wieder an dem Punkt angelangt bin, an dem ich verheult vor einem Ganzkörperspiegel sitze, um mir all meinen Hass in mein Spiegelbild zu schleudern, muss jemand anderes dafür herhalten. Das ist ungerecht. Und lächerlich. Und total bescheuert. Aber in gewisser Weise hilft es mir. Weil ich zu feige bin mir selbst zu sagen, wie es wirklich ist, muss ein Platzhalter her. Und wenn es dich getroffen hat, dann tut es mir leid. Doch eins solltest du dir vielleicht merken.


Wenn ich sage, dass ich dich nicht mag, dann meine ich eigentlich, dass ich mich nicht mag.

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8 Gedanken zu “Spiegelstreit

  1. passt. obwohl ich weniger streite, als mich bemitleide. weil ich es so schwer habe. sehr schwer. zum weinen schwer. absoluter bullshit, aber mir widerspricht ja keiner.

  2. Oh ja, kann ich vollkommen nachvollziehen. Manchmal ist man so angefüllt mit Unzufriedenheit, dass es einfach irgendwann explodiert! Und du hast Recht, am schlimmsten wird es, wenn das Gegenüber nicht reagiert und man mit seiner Wut gegen eine Mauer prallt.
    Kindergartenmist, wie du schon sagst. Irgendwann sollten wir erwachsen genug werden, ein anderes Ventil für die eigene Untzfriedenheit zu finden. Das zumindest wünsche ich mir!

  3. Eine Sache verstehe ich nicht. Wenn man seine Fehler erkennt und darüber reflektieren kann – was wirklich nur sehr wenige Menschen hinbekommen -, warum begeht man sie dann trotzdem immer wieder? Wenn man *weiß*, dass man seine Mitmenschen gerade völlig grundlos ankackt, warum sucht man sich dann kein anderes Opfer oder richtet seine Wut auf Gegenstände?

    • Noch nie was vom „nie wieder Alkohol“-Sydrom gehört? Wie oft fällt nach einer durchzechten Nacht genau DER Satz? Und bei der nächsten Party liegt man wieder besoffen unterm Tisch.
      Man erkennt seine Fehler aber lernt zu selten draus. So ist es doch in vielen Bereichen. Und genau so ist es mit dieser Ungerechtigkeit anderen Menschen gegenüber. Nur weil ich weiß, das ich was falsch mache, muss ich noch lange nicht fähig sein das zu ändern.

      • Ja nun, ist DAS nicht gerade wieder eine dieser Ausreden, mit denen man „sein Versagen rechtfertigt“? Man muss sich selbst doch nicht immer alles durchgehen lassen.

      • Ich finde nicht, dass das eine Ausrede ist. Es ist einfach ur menschlich.
        Damit möchte ich das verhalten nicht gutheißen, aber gerade in sehr emotionalen Situationen sind wir doch meist nicht in der Lage, kühlen Kopfs zu handeln. Da kann man reflektieren und reflektieren -und glaub mir, das tue ich, und auch in diesem Artikel geht es ja wohl nur um Reflektion!- und trotzdem ist man manchmal nicht fähig, anders zu handeln.
        Wichtig isr nur, dass man nie aufhört, an sich zu arbeiten.

      • Danke. Und ja, genau so ist es. Sich seiner Fehler bewusst zu sein ist schon ein Schritt den viele nicht wagen. Und wie alles im Leben ist das nunmal ein Lernprozess. Und ich habe noch genug Zeit daran zu arbeiten. Und nur weil ich in dem Bereich nicht der beste Mensch bin, der ich sein kann, macht das nicht zwingend einen schlechten Menschen aus mir. Mir meiner Fehler bewusst zu sein und sie dann bei der Person einzugestehen ist viel Wert und sollte nicht mit einem „Ausrede“ abgestempelt werden.

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