Antirealität

„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen.“


Eigentlich war es keine richtige Reise, und eigentlich habe ich nichts zu verzählen. Aber der Blogbetreiber, der sitzt in der Bahn und beginnt irgendwann zu reflektieren. Weil die mitgeschleppten Bücher einschläfern, die Gespräche der Mitreisenden langweilen und der Gameboy einen auch nur in den Wahnsinn treibt. Er packt sich einen Zettel und schreibt Wortfetzen. Verwackelte Buchstaben die er nachher kaum entziffern kann. Irgendwann fließt alles aus ihm heraus und das Ergebnis ist ein dämlicher Text der nur geschrieben wurde, weil er es leid war, den Bäumen beim Vorbeirasen zuzusehen. Und so auch hier. Bei mir. Mit Gänsehaut an den Beinen und Müdigkeit im gesamten Körper. Worte hingeschmiert und aus dem Kopf gefallen. Schlechte Grammatik und falsche Kommasetzung. Buchstaben vergessen und eigentlich findet man alles nur total dämlich, was man da von sich gegeben hat. Aber man denkt, vielleicht interessiert es einen. Irgendeinen. Vielleicht sogar jemanden den es betreffen könnte, wenn er denn dabei gewesen wäre. Und so schreibt man über ein Wochenende, das sich schon fast anfühlte wie Urlaub, weil man so was wie richtigen Urlaub eigentlich gar nicht kennt.


Es wer nicht eins dieser Wochenenden wie sonst. Sondern dieses mal-nicht-zu-Hause-vor-Langeweile-und-sich-selbst-Anödung-Verenden. Vielleicht war es nur diese Flucht vor der Realität. Ein bisschen fühlte es sich so an. In dieser kleinen Wohnung, in der die Hitze stand. Eiskalter Weißwein und Sterne kucken auf dem Parkplatz. Auf dem Rücken liegen und nur kucken. Nicht daran denken, was man eigentlich tun müsste. Das man momentan Wichtigeres zu tun hätte als überbelichtete Selbstportraits zu schießen. Alles klebte an einem. Immer. Wegen der Hitze. Überall war sie. Die Hitze. Eine Wanne voller lauwarmem Wasser. Der Pool für Leute die nicht ins Freibad gehen, weil sie verklemmte Vollidioten sind. Neongelber Kuchen und immer wieder froh sein, einfach nur weg zu sein. Weg von der Verantwortung die man sich selbst gegenüber hat. Alles fotografiert um sich selbst ein bisschen mehr nach Urlaub anzufühlen. Zumindest so auszusehen. Filme, die WM und ein Ventilatorgeräusch das sich anhört wie Dauerregen. Ab und zu berührt werden. Etwas was sonst nicht mehr passiert. Einschlafen, aufwachen ohne das Wundern darüber, dass man wo liegt, wo man sonst nicht liegt. Dieses, es ist OK, dass du einfach mal machst ohne zu denken. Jede Konsequenz wird in die Ecke geschoben. Lächeln, die man zum Teil nicht deuten kann, weil man sie zu selten sieht und sie einem fremd erscheinen. Man hinterfragt sie weil man nicht will, dass man ausgelacht wird und lacht dann doch gemeinsam, weil man nicht aufhören kann zu zweifeln an einem selber. Weil doch eigentlich alles in Ordnung ist. Weil man sich mag. Irgendwie. Man liegt in der Wiese und überlegt sich, ob man was sagen soll. Und ob man vielleicht jemanden neben sich hat, bei dem man nichts sagen muss. Schnelle Zigaretten vorm Haus. Ein Blick über den eigentlich fremden Ort, und man ist froh dort zu sein. Nicht weil es genau dieser Ort ist. Sondern weil es eben ein Ort ist, an dem man nicht konfrontiert wird, mit dem was einen eigentlich beschäftigen sollte. Und dann sitzt man im Zug und will eigentlich gar nicht weg. Nicht weil man dort für immer bleiben will, sondern weil man nicht zurück will in die eigene Realität. Sobald man wieder den altbekannten Boden unter den Füßen hat, hat man auch die Verantwortung an den Beinen hängen. Sie klammert sich fest und kratzt einem blutige Wunden in das Fleisch. Der Wunsch in ein Zeitloch zu fallen oder einfach nur die Zeit zurück zu drehen. Hinauszögern und sich vor den Tatsachen verstecken.


Nur noch ein kleines Glas Wein? Ein kleiner nutzloser Smalltalk über geschnittene Fingernägel? Ein kurzes Gefühl der Verantwortungslosigkeit? Eine trotzig gerauchte Zigarette auf dem Bordstein vor dem fremden Haus?


Und ich hatte doch keine Möglichkeit schöne Menschen zu sehen. Nur ein kurzes Verknallen in die eine Kellnerin weil sie mir Melonenbrause und riesige Eiswürfel brachte. Ich hätte mich doch viel mehr verknallen müssen. Viel öfter in den Fluss spucken müssen und noch viel mehr Fragen stellen müssen. Nur kurz? Des Moments wegen?


Die Realität macht mir Angst und das Wegfahren hatte sie verscheucht. Jetzt steht sie wieder bedrohlich vor mir und spuckt mir böse in die Augen um sie mir wieder klar zu machen.


Vor der Realität weglaufen schmeckt nach Pizza, Schweiß und Bier. Es riecht nach abgestandenem Flusswasser, Duschgel und Guten-Morgen-Atem. Weglaufen fühlt sich an wie Sonnenbrand, Schweißperlen und Finger am Nacken.


Und eigentlich ist es ziemlich albern. Alles. Dieses kleine Wochenende als Davonlaufen zu bezeichnen wo es doch nur ein Hinauszögern des Offensichtlichen war. Es war ein Wochenende wie jedes andere Wochenende auch. Nur das es nicht in meinen eigenen vier Wänden stattfand. Und doch… irgendwas war anders.

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Ein Gedanke zu “Antirealität

  1. Sowas wie dieses Wochenende erlebe ich alle paar Wochen, wenn ich träume. Ich hab mich oft gefragt, warum sich diese Träume so anders (und besser) anfühlen als die Realität, denn eigentlich passiert da nichts aufregendes. Ich mache mit Freunden irgendwas, wir gehen irgendwo hin, scheinbar wie im realen Leben. Die Landschaft und die Städte, in denen das alles spielt, sind nicht real, wiederholen sich aber und sind vertraut. Irgendwann hab ich gemerkt: Es liegt daran, dass es da keine Vergangenheit gibt, keine Zukunft, und keine Verantwortung. Und dass ich genau das genieße. Und ich achte seitdem auch im realen Leben ein bisschen darauf, ob sich nicht der eine oder andere Moment in diese Richtung ausdehnen lässt. Durch mal-einen-Moment-ganz-stillstehen und nur sehen, hören, riechen; mit etwas Konzentration verschwinden dann Vergangenheit, Zukunft und Verantwortung mal kurz. Aber das sind leider immer nur Annäherungen.
    Dein voriges Wochenende war anscheinend so was ähnliches; es könnte eine von den Szenen werden, die später mal als Rückblende in deinen fertigen Film eingesetzt werden, in Zeitlupe und im Gegenlicht. Kitschig? na und wenn schon.

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