Berührung

Er sieht mich an. Sieht mich an und sagt: „Du bist hübsch.“

Ich kucke zurück und erwidere: „Du lügst.“

„Wieso unterstellst du mir, dass ich lüge? Wieso sollte ich dich anlügen? Dich im Glauben lassen etwas zu sein, was du nicht bist?“

„Weil Menschen das machen. Sie meinen es hilft einem. Der Andere freut sich. Und dann ist mal selber ein bisschen mehr glücklich als davor, weil man jemandem Freude geschenkt hat. Und das man dafür gelogen hat, vergisst man irgendwann.“

„Du bist bescheuert.“

„Ich weiß. … Wenn du mich nur einmal berühren dürftest, und dann nie wieder, wo würdest du mich anfassen?“

„Wieso sollte ich dich dann nie wieder anfassen dürfen?“

„Weil es so wäre. Weil ich dann sterben würde. Genau. Ich würde bei der zweiten Berührung sterben. Würdest du das wollen?“

„Das ist doch blödsinnig. Kein Mensch stirbt von einer Berührung.“

„Sei doch nicht so schrecklich realistisch. Sag es mir.“

„Gut. Ich würde deine Hand nehmen und würde sie nie wieder loslassen.“

„Aber wenn ich mal aufs Klo muss? Ich nehme dich doch nicht mit aufs Klo.“

„Wer von uns beiden ist jetzt schrecklich realistisch?“

„Wieso die Hand? Wieso nicht das Gesicht? Nur einmal kurz. Wieso die Hand für immer?“

„Weil ich glaubte, dass du genau das würdest hören wollen.“

„Geht es immer nur darum was ich will? Oder vermeintlich will?“

„Gib mir deine Hand.“

„Wozu? Du würdest sie ja doch nicht für immer halten.“

„Vielleicht nicht für immer. Aber lange genug, um dir deine verqueren Gedanken zu vertreiben.“

„Denkst du, du könntest mich lieben?“

„Ich glaube nicht. Aber ich könnte es versuchen. Und das ist doch auch schon viel wert.“

„Vielleicht. Vielleicht will ich aber gar nicht von dir geliebt werden. Ist dir das schon mal in den Sinn gekommen?“

„Wenn du es nicht wollen würdest, würdest du nicht fragen.“

„Ich bin ein Seelenkrüppel.“

Er nimmt meine Hand. Ich will sie ihm entreißen aber er hält sie so fest sodass es fast weh tut. Ich halte still.

Er fragt ob es das ist was ich will. Ich sehe ihn an, blicke auf unsere Hände und schließe die Augen. Versuche das Gefühl vor meinem inneren Auge zu visualisieren doch alles was ich sehe ist das flackernde Licht das durch meine Lider dringt.

„Ist es denn das was du willst?“, frage ich ihn.

„Es geht nicht um mich. Auch nicht um dich. Es geht um uns. Ein anderes Wort und ein anderer Zustand. Eine Gemeinsamkeit. Kein „oder“ dazwischen.

„Ich würde wollen, dass du mich zweimal anfasst. Auch wenn ich dann sterben müsste. Denn das muss ich doch sowieso. Und durch eine Berührung sterben…“

Er küsst meinen kleinen Finger und sagt: „Du kuckst zu viele Filme. Hollywood hat dir dein Denken verseucht. Und jetzt halt doch einfach mal die Klappe. Sei froh, dass der Moment da ist, so wie er ist und lass das Grübeln. Du kleines Monster.“

Ich kucke ihn an und frage mich, ob es das ist was ich will. Meine Hand in seiner. Kein Für und Wider, sondern nur ein Ist-Zustand.

Ich blicke ihm in die Augen und sage: „Ich würde dich nicht berühren. Wenn ich wüsste, dass nur eine weitere Berührung dein Tod wäre. Ich würde es nicht wagen dich nur einmal zu berühren weil ich Angst hätte, dass es sich so richtig anfühlt, sodass es mich quälen würde, dürfte ich dieses Richtig nie wieder erfahren. Ich würde auf meinen Händen sitzen. Dir gegenüber und dich mit meinen Augen anfassen. Jeden Zentimeter deiner Haut. Und es würde mir reichen weil ich nie wusste wie es sich wirklich anfühlt.“

„Du hast einen Knall. Willst du noch was trinken?“

„Wirst du mich dann loslassen?“

„Ja vermutlich.“

„Dann nicht.“

Advertisements

3 Gedanken zu “Berührung

  1. Fantastisch. Ein untypischer Text für dieses Blog, der aber gleichzeitig auch einer der besten ist. Würde mich freuen, noch mehr von solch‘ poetischem Pussy-Zeug lesen zu dürfen. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s