Das echte Leben

Barbara N. hat es geschafft mit 26 Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben etwas wirklich durchzuziehen. Na ja, das sollte man vielleicht relativieren. Sagen wir es so. Die junge Dame hat gestern einen Punkt in ihrem Leben erreicht, wo man sagen könnte, dass sie endlich mal anfangen kann was aus ihrem Leben zu machen, denn nun hat sie eine abgeschlossene Berufsausbildung.


Um fünf Uhr. Wach. Um sechs Uhr. Wach. Um 7 Uhr. Wach. Dann aufstehen. Weil man muss noch duschen, die Präsentation noch einmal durchgehen, sicher gehen, dass sie auch wirklich funktioniert und die Hose umnähen, um einen ansatzweise anständigen Eindruck zu machen, wenn man schon nicht mit Wissen glänzen kann. Um elf Uhr sollte es losgehen. Es war brütend heiß und ich wollte mich übergeben. Vor Aufregung. Weil es mir nicht liegt dieses vor Leuten sprechen. Vor allem nicht, wenn ich weiß, dass das über meine weitere Zukunft entscheidet. Im Studium die beiden mündlichen Prüfungen absolute Versager-Aktionen. Als ich dort war, baute ich meinen Mist auf, testete alles und harrte der Dinge die da geschehen werden. Schwitzte noch mehr und die Hitze stieg mir in den Kopf. Meine Hände zitterten. Dann als es so weit war, der erste Supergau und es funktionierte nicht so wie es nun mal funktionieren sollte. In meinem Inneren war schon alles gelaufen und ich wollte nur noch weg. Wem sollte ich bitte vormachen, dass ich auch nur ansatzweise eine Ahnung davon hatte, was ich da erzähle. Ich redete, stotterte und fuchtelte mit meinen Händen herum. Sah den Prüfern brav ins Gesicht und starrte nicht in den Boden. Als ich fertig war, gab es Fragen. So human, dass ich mich fragte ob es vielleicht nur noch Fragen sind, um die Zeit vollzumachen weil sie sowieso schon beschlossen hatten, mich durchfallen zu lassen. Einer der drei Herren meinte dann, dass es das gewesen sei. Ich war so froh, so dermaßen froh, dass ich ihnen überschwänglich die Hände schüttelte. Obwohl ich sie bei der Zeugnisvergabe im Anschluss doch gleich wieder sehen würde. Nach ca. einer Viertel Stunde Wartezeit bat man mich in einen anderen Raum. Ich ging hinein und teilte ihnen mit, dass ich doch eigentlich nur bestehen möchte. Sie meinten, wenn das so sei, müssten sie noch schnell etwas ändern. Kurzer Schock. Sie hielten mir ein Zeugnis vor die Nase, ich sah nur die Punktezahl, die mir gar nix sagte und strahlten. Es schien scheinbar gut zu sein. Sie erzählten mir, dass ich wirklich gut gewesen sei. Wünschten mir alles Gute für meine weitere Zukunft und entließen mich. Erst dann wurde mir bewusst, dass ich, der Verbaldepp in der Mündlichen zwei Zweier erhalten habe. Ich hatte es verdammt noch mal geschafft. Und das ist etwas, womit ich niemals gerechnet hatte. Ich habe es geschafft eine Berufsausbildung abzuschließen, die mich überhaupt nicht interessiert, die mir nicht im Entferntesten liegt. Wenn man meine schulischen Leistungen betrachtet, war ich das Mädchen das sich durchmogelte. Das viel gut machte, indem sie Referate hielt und milde Lehrer hatte, die ihr für ihr Gestotter, da vor der Tafel, gute Noten gaben.


Heute der erste Tag als Nicht-Azubi. Heute der erste Tag als vollwertiges Arbeitstier. Zum Glück habe ich einen Ausbildungsbetrieb der mich noch weitere drei Monate beschäftigt.


Und natürlich tauchen sie jetzt wieder auf. Jetzt wo sie alle wissen, dass ich es geschafft habe kommen wieder die Fragen nach dem „Und jetzt?“. Ich kann die Frage nicht mehr hören. Sie ist legitim die Frage. Natürlich. Aber ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich von hier weg will. Aber ich weiß nicht, was dort aus mir werden soll, in diesem WEG. Ich weiß, dass ich zu schlecht in meinem Job bin und zu wenig Interesse an diesem Kellerkind-Thema habe, als dass ich bis zur Rente darin arbeiten möchte oder auch könnte. Und das bedeutet wieder, dass ich anfangen muss mich neu zu orientieren. Mir neue Ziele zu stecken.


Montag. Ab Montag mache ich mir Gedanken. Dieses Wochenende will ich noch einfach nur froh sein. Glücklich sein, dass ich es mir selbst gezeigt habe. Das ich mich selbst überraschen konnte indem ich diese Ausbildung abgeschlossen habe.


Ich, Barbara N. bin seit gestern Informatikkauffrau. Mit 26 Jahren habe ich endlich etwas vorzuzeigen. Und auch wenn das etwas ganz Normales ist, das der Mensch etwas erlernt bin ich stolz auf mich. Jawohl! Andere Menschen in meinem Alter haben diesen Moment schon vor ca. 7 Jahren erlebt und sind jetzt schon in der Phase sich ihr restliches Lebensgebilde aufzubauen. Aber ich war in allem ein Spätzünder. Wieso sollte das also in beruflicher Hinsicht etwas anderes sein?

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5 Gedanken zu “Das echte Leben

  1. Gratuliere dir auch, grüsse von der bluesnight, andi ps: werd dan mal in zukunft meine tippsfinger bei mir lassen

  2. Du sprichst mir aus der Seele… aber sowas von Exakt.

    Naja fast… die Berufsbezeichnung ist anders, bin älter, als ich den ersten Erfolg diese Woche verbuchen durfte – also den ersten wirklich wichtigen. Und ja, ich werde wohl Kellerkind bleiben.

    Aber ich bin auch so stolz, dass wir es geschafft haben. An dieser Stelle möchte ich dir nochmal herzlichst für die Motivationsgabe und Aufbauhilfe in der Vorbereitungsphase danken – wo ich zeitweise echt das Gefühl hatte, dass nichts mehr geht. Vielen lieben Dank dafür – Und sollten wir uns jemals persönlich über den Weg laufen, geb ich einen aus 🙂

    Wünsche dir viel Erfolg für die Zukunft.

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