Schweigen lernen

Szene 1:

Ein Gang in irgendeinem Bürogebäude. Zwei adrett gekleidete Damen kichern und unterhalten sich. Gegenstand ihrer Unterhaltung ist die Kollegin, die in dem Top, das sie ihnen stolz präsentiert hatte, wie eine billige Schlampe aussieht. Aber von DER, hatte man ja sowieso nichts Anderes erwartet. Die hat sich doch sowieso hoch geschlafen obwohl sich die zwei Damen ja wirklich fragen, was an dieser hässlichen Cellulite-Kuh so erotisch sein soll. Aber vielleicht macht sie ja Dinge, für die man eigentlich ins Gefängnis kommen sollte. Und während sie so plaudern und konstruktiv kritisieren, wie sie es immer so schön nennen, biegt besagte Kollegin freudestrahlend ums Eck, hört das Gesprochene und kann im ersten Moment nichts sagen, weil der Schock und die Enttäuschung zu groß sind.

Szene 2:

Ein Schlafzimmer. Sonnenstrahlen die vorsichtig auf das Bett scheinen. Eine Frau liegt halbnackt auf ihrem Bett. Alle Viere von sich gestreckt. Verschlafen und verkatert blinzelt sie ins Tageslicht und wirft einen Blick auf ihr Handy um die Uhrzeit zu erfahren. Gestern war es ein bisschen später und ein bisschen mehr betrunken. An Teile des Abends kann sie sich gar nicht mehr erinnern. Und der Blick auf ihr Handy verrät ihr auch, dass sie scheinbar kurzzeitig eine Phase hatte in der sie die Ehrlichkeit packte und sie ihrem Freund gestand, dass sie ihn vor drei Jahren mal mit seinem besten Freund betrogen hat. Zumindest kann man das aus der Reaktion des Betrogenen herauslesen, wenn man die SMS zu Augen kriegt.

Szene 3:

Ein kleines Angestelltentreffen auf dem Raucherplatz der Firma. Alle reden wie wild durcheinander. Beschweren sich und übertrumpfen sich in den Beschimpfungen, die sie für den Chef parat haben. Bis einer merkt, dass das Fenster des Büros offen ist, in dem der Chef gerade dabei ist, mal wieder ein bisschen auf Kosten der Firma Pornos zu kucken.

Dies könnte in ähnlicher Weise tausendfach so weitergehen. Es sind so diese Arschlochfickscheißendreckverkacktermistfotzen-Momente in denen man als Beteiligter, außer man hat die Coolness mit einem Schaufelbagger gefressen, im Erdboden versinken möchte. Weil man ertappt wurde und man gelernt hat, dass Ehrlichkeit zwar ein hochgeschätztes Gut ist, man sich aber nicht dabei erwischen lassen darf, wenn die Wahrheit, die man ausspricht, eine fiese, miese ist. Man schämt sich und möchte es ungeschehen machen. Redet sich vielleicht sogar ein, dass man es doch nicht so gemeint hat. Aber wie eigenartig wäre man, meinte es man in dem Moment nicht genau so, wie man es sagte. Viele Leute entschuldigen sich. Oder starten eine kleine Runde „Räuber und Gendarm“. Wegschleichen und wenn es die Mobilität zulässt einfach weglaufen. Nur nicht dem Anderen, zu dem man ach so gemein war, unter die Augen treten müssen. Und vielleicht hat man deshalb sogar schlaflose Nächte und besinnt sich auf christliche Werte zurück. Bittet um Vergebung und ist zu einer unbeteiligten Person plötzlich scheißfreundlich nur um das Karma auszugleichen, dass doch bekanntermaßen eine Bitch ist, und einen dann in den Arsch fickt, wenn man am wenigsten damit rechnet.

Ich bin von Grund auf ein sehr höflicher Mensch. Bin zwar plump in meiner Art mich auszudrücken und hau schon gern mal Aussagen raus, die man als bösartig empfinden könnte, wenn man nicht zu meinem näheren Umfeld gehört und weiß, dass ich das nicht so meine. Ich habe mich selbst schon dabei ertappt, dass ich auf vermeintlich Schwächeren herumgetrampelt bin, nur um mich vielleicht ein bisschen besser zu fühlen. Dies tut mir im Nachhinein sehr leid und das ich zu dem Zeitpunkt ein dummer Teenager war, will ich gar nicht als Ausrede verwenden. Ich war ein riesiges Arschloch. Tausendfach sagt man Dinge, die andere verletzen. Oder schafft es mit einem Blick. Dieses „Kuck dir mal DIIIIIIIE an.“ Der wissende Blick der zwischen zwei Freundinnen gewechselt wird, weil man weiß, man hat gerade den gleichen fiesen Gedanken und muss ihn gar nicht aussprechen.

Ich habe mich selbst dabei ertappt, dass ich zu schonungslos wurde. Zu offen damit umging alles aus mir herauszubrüllen was ich in mir trage. Mein Fehler war es, dass ich es nicht in der Realität gemacht habe. Ich habe es im Internet gemacht. Ein Ort der dank zigfacher Verlinkungsmöglichkeiten und Tante Google ums Verrecken nichts vergisst, die alte Pottsau. Ich habe irgendwann die Scham verloren, die man im echten Leben mit sich herumträgt und einen davor bewahrt, dass man in regelmäßigen Abständen eine aufs Maul kriegt. Vielleicht sollte ich in gewissem Maße stolz darauf sein. Weil ich es geschafft habe, mein Innerstes nach Außen zu kehren. Ich wurde so gesehen der beste Mensch, der ich sein kann. Weil ich nun mal schmuddelig bin, innen drin. Ich habe zwar auch kleine niedliche Glitzerpartikelchen, aber eben auch ganz schön viel Darmstoff, der sich da in meinem Inneren ist. Klar. Im echten Leben, da bin ich lauter. Da bin ich zu direkt, zu unbedacht und platze mit so mancher Äußerung heraus. Und doch habe ich Tuschelmomente. Einen dieser Tuschelmomente hatte ich vor Kurzem auf Twitter. Ein Ort den eigentlich kein Realweltmensch kennt. Weil ich auf die Frage, wie ich da denn hieße, immer brav sage „Das geht dich nichts an.“ Weil ich keine Lust habe von Menschen verfolgt zu werden, die mir dann Vorhaltungen machen, weil ich so fies bin oder so versaut oder so derbe und grob und sich vielleicht sogar ein bisschen für mich schämen. Ich will meine beiden Welten sauber halten. Zumindest die eine vor meinem Schnodder-Ich. In Maßen. Und dann dieser Tuschelmoment. Es fühlte sich nicht gut an. Ich fühlte mich ertappt und bekam ein schlechtes Gewissen, obwohl ich gar keins bekommen müsste. Weil ich nun mal genau so denke und nicht anders. Weil dieser Verbaldurchfall meinen Gedanken entsprungen ist und mir nur die Eier fehlen, dies auch laut auszusprechen.

Aber es fühlte sich plötzlich alles nicht richtig an. Und ich begann an dem, was ich da mache zu zweifeln. Weil ich es zu weit getrieben haben. Schien mir zumindest so. (Ey Kinder, keine Angst, dass ich kein, boohoo, ich geh weg-Ding) Ich weiß für mich jetzt, dass ich meine Gedanken zügeln muss. Oder zumindest die, die ich in welcher Form auch immer verbalisiere. Und sollte dies dazu führen, dass Twitter und auch Blog so enden sollen, dann soll das wohl so sein. Und eigentlich, ist es doch mal so rotzenegal ob ich rumtwittere wie beschissen arschig doch alles ist. Mal ganz ehrlich. Das machen andere viel besser und mit weniger Fehlern. Und es ist auch so was von egal ob ich die Internetwelt mit elendig langen Halbwahrheiten und Pseudoweisheiten pflastere. Weil auch das schaffen viele um so vieles besser. Also lasse ich die Zeit einfach entscheiden, was passiert. Und so schnelllebig und crazy wie ihr alle seid, ist das doch kaum ein Problem für euch. Hab ich Recht? Seht ihr.

Alles wird gut, solange ich mal anfange das Iphone ganz weit weg zu werfen, sobald ich betrunken bin.

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7 Gedanken zu “Schweigen lernen

  1. ich verstehe nicht, was dich das juckt: entweder du stehst dazu, was du denkst und schreibst oder suchst dir eine andere möglichkeit, dein zeug loszuwerden. ich täte ja ersteres empfehlen. 😉
    hau, es hat gesprochen.

    • Kennst du nicht das Gefühl bei was ertappt zu werden? Dieses sich ducken wollen, vor sich selbst verstecken wollen, weil man sich schämt? Wie ich sagte, eigentlich sollte ich mich nicht schämen. Weil ich nunmal genau so gedacht habe. Aber das um mich Herum ist nunmal ein Platz, auf dem es nicht „erlaubt“ ist immer alles so von sich zu geben, wie man es denkt. Worum ich persönlich ja schon auch froh bin, weil ich sicher keine Lust hätte, dass mir jeder Horst erzählt, was für eine hässliche, dumme Kuh ich doch sei. Aber genau das ist das Problem. Ich versuche ehrlich zu sein. In allem was ich tue. Doch manchmal sollte man Dinge auch für sich behalten und wenn man das nicht tut und es eigentlich heimlich machen will, dann aber dabei erwischt wird, dann führt das dazu, dass man sich verschämt in ein Eckchen sitzt und sich selbst fragt, ob man nicht doch übertreibt.

  2. doch ich kenne das. danach habe ich alle meine blogbeiträge gelöscht. und später irgendwann das neue blog auch noch. haha. das sind halt die tücken des internets 2.0. man ahnt es erst gar nicht, dass dich jemand „verfolgt“ und irgendwann verrät er sich und obwohl er eigentlich derjenige ist, der ertappt wurde, fühlt man sich selbst ertappt. irgendwie bescheuert. im endeffekt ist das doch nur so, weil sich die leute alle viel zu ernst nehmen. sagt die, die aus tweets romane interpretieren könnte… 😀

  3. Bitte bleib uns erhalten. Es ist mir immer ein Hochgenuss, etwas von deinem Gefasel lesen zu dürfen.

    LG und Danke für alles bisherige (auch privat)

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