Nichtficken

Sex! Alle reden davon. Jeder hat eine Meinung dazu. Und wenn es nur die Meinung ist, dass er keine Meinung dazu hat, weil die Welt sowieso schon zu versext ist. Schon das allein ist wieder eine Meinung zu Sex, nämlich das es eben zu viel des Guten ist. Und dann eben die Standarddinger. Wie war es am Schlechtesten, am Besten, am Längsten, am Woopidoosten. Wer hat wo, wann, mit wie vielen? Wer kann länger, hat den Längsten, die Dicksten? Wie mach ich ihn so richtig geil? Wo soll man es unbedingt mal getrieben haben? Liebe vs. Triebsteuerung! Das erste Mal. Das zweite, dritte, vierte, … , tausendste Mal. Anspucken, anscheißen, anspritzen, kratzen, beißen, schlucken, tiefer, fester, härter und bitte gib mir Tiernamen.

Ich finde es immer sehr nett, wenn man Storys über das erste Mal hört. Scheinbar lief das bei den meisten gleich ab und irgendwie gab es dann beim zweiten Mal eine Juhu-wie-geil-ist-Sex-Steigerung von mindestens 200%. Immer. Also dann bin ich mal wieder die, bei der die Ausnahme ihre Regel hat. Bei mir waren die ersten Male totale Reinfälle. Jedesmal.

Das allererste erste Mal fand rotzbesoffen in einem dieser Studentenwohnklos statt. Fummel, mach und tu. Oh nackt. Ähm, ja irgendwo waren da doch noch Kondome. Oh! Ja OK, also jetzt da so… rein… mh… au… äh… naja… stöhnen? Mh! Ach lassen wir das doch lieber, bringt ja nix. Wie? Ob wir es uns gegenseitig machen? Mh! Ja ne, ich geh dann mal lieber. Ja, bis morgen dann. Oh was bin ich besoffen, hihi, gleich kucken ob ich blute wie ein Schwein.

So ungefähr liefen die nächsten drei oder vier anderen ersten Male auch ab. Mit anderen Teilnehmern aber immer wieder dieses Aha-Gefühl. Das soll es also gewesen sein. Joa! Ich verstand danach nie, was die denn alle immer mit der Vögelei haben, denn ich hatte so überhaupt keinen Spaß daran. Ich zweifelte manchmal an mir, weil ich mir dachte, an mir sei anatomisch was kaputt. Oder vielleicht war ich doch lesbisch und sollte mich mehr auf Mösen als auf Schwänze konzentrieren. Der Höhepunkt der Lächerlichkeit war erreicht, als ich zum ersten Mal mit meinem jeztigen Ex geschlechtsverkehrt habe. Als er fertig war schrieb ich meiner Freundin, die sich im Nebenraum befand eine SMS die in etwa wie folgt lautete:

„Wenn das Sex mit einem Mann ist, dann kann ich da echt drauf verzichten.“

Irgendwann kam dann zum Glück doch der Moment wo Sex zu was wurde was man macht weil es Freude bereitet und nicht, weil man das macht weil es alle machen und weil man ja jetzt Pärchen ist. Aber das soll hier nicht zu einem Text mutieren der den Sex glorifiziert. Ich will nicht wieder in die Schiene rutschen in der man meint, dass einzige was mich interessieren würde sind pulsierende Schwänze die vibrierend alle vorhandenen Löcher penetrieren. Es geht darum, dass zwar alle davon reden, diesem Sex, dass aber selten welche darüber reden wenn es keinen gibt. Sex mein ich jetzt.

Seit fast drei Jahren bin ich bekanntermaßen Single. Kurz nachdem die Trennung vollzogen war wurde ich zum trotzigen notgeilen Weibsstück und dachte ich könne mich jedem dahergelaufenen Kerl an den Hals werfen. Denn wenn mich der A. nicht wollte, na dann könne mich jeder andere haben, weil es ja egal ist. Ich verlor meine Selbstachtung und versuchte die ich-bin-so-frei-und-kann-es-mit-jedem-treiben-der-mir-über-den-Weg-läuft-Schiene. Ehrlich gesagt klappte das nur zweimal. Und da auch nicht wirklich gut. Einmal auf einem Festival. Ich mir einen abgemüht in diesem Zelt und dem Typen fällt nichts Besseres ein als fertig zu werden, bevor es richtig losging. Und dann war da der andere Heini. Der fand mich schon immer geil und meinte eines Abends mich mit zu sich zu nehmen. Als ich dann meinte, dass wir doch mal endlich zur Sache kommen könnten, fing er an die Mädchenrolle zu übernehmen und meinte, dass wir uns vielleicht doch erst besser kennenlernen sollten. Ich habe ihm mitgeteilt er solle sich nicht so anstellen, wir landeten im Bett und im Nachhinein wäre ich froh gewesen, hätten wir uns doch einfach nur kennengelernt. Diese beiden Erfahrungen haben mir meine Karriere als Onenightstand-Luder ziemlich verhagelt wodurch eine Dürreperiode begann.

Ich Barbara N. habe seit über 2 Jahren keinen Sex mehr gehabt. [Hier bitte ein mitleidiges „Oooooooooh!“ einsetzen.]. Ja ne. Ist alles cool soweit. So keinen Sex zu haben ist schon voll in Ordnung. Ich könnte ja, rein theoretisch, wenn ich wollen würde und so. Es ist halt so eine Dummbatzsituation. Mit Eine-Nacht-Nummern habe ich es nicht, auf eine Beziehung habe ich keine Lust, da bleibt der Sexualtrieb nun mal auf der Strecke. Und so eine selbst auferlegte Enthaltsamkeit ist echt schwer. Nicht wegen den Versuchungen, denen man ständig widerstehen muss. Es ist einfach anstrengend. Weil auch wenn man sich im Klaren ist, dass es zu keinem Geficke kommen wird, der Unterleib redet ja doch ein bisschen mit einem. Und der hätte ab und zu echt Lust auf Geschlechtsverkehr. Und dann ist es ja auch noch so, dass man ständig kopfgefickt wird. Überall diese Männer mit ihrer Männlichkeit. Die Filme in denen sie es hemmungslos miteinander treiben. Man wird einfach nicht verschont. Und jedes Mal wieder ein trauriger Seufzer von Down-Under. Ja ist ja gut jetzt! Halt die Klappe und sei einfach da. Irgendwann wird man angefixt. Man hat vielleicht sogar irgendwann den besten Sex ever und beginnt zu sabbern wenn man daran denkt. Und wenn man es nicht kriegt, dann ist man zwar trotzdem ein froher und glücklicher Mensch, weil es nun mal wichtigeres gibt, als sich schweißgebadet aufeinander zu tummeln, aber dann eben doch nicht. Ich bin ja ein Mensch der auch über Sex reden kann. Ich kriege nicht diese Schamesröte sondern ziehe derbe vom Leder und erzähl dem gewillten Zuhörer wo der Frosch die Locken hat. Ich lese Bücher über Sex und ja, ich kenne Pornos und kucke diese auch. Ich komme ganz gut klar mit meiner Abstinenz. Aber in schwachen Momenten kommt so dieses „Gottverdammt, jetzt soll der Aufzug stecken bleiben, damit mich der geile Elektriker aber mal so richtig von oben, unten, hinten und vorne durchrammeln kann.“ Es sind Momente für die ich mich zum Teil schäme. Wenn ich mit meinen Augen die Ärsche von Kerlen abtaste und mir dann kopfkinomäßig FSK18-Dinge vorstelle, dann schäme ich mich. Weil ich mich frage ob es das wirklich ist. Diese Triebhaftigkeit. Ich stemple es als normal ab, gehe weiter und schon der nächste Arsch an den sich meine Blicke saugen können. Auf Dauer ein ziemlich frustrierender Zustand und ich bewundere all diejenigen, die gewillt sind freiwillig auf jegliche körperliche Lust zu verzichten. Wer mir jetzt mit einem Spruch kommt aus der Sparte „Ey Mädchen, lass dich mal wieder ordentlich durchvögeln, vielleicht biste dann auch nicht mehr so unentspannt und hassend!“ gibt’s aufs Maul. Ich war auch trotz Sex ein wütendes Zorn-Weib. Also total überhaupt kein Zusammenhang.

Keinen Sex zu haben, obwohl man Sex eigentlich gar nicht so doof findet, ist eine Scheiß Situation. Sagen wir es wie es ist. Das Triebtier in einem brüllt einem Schweinereien ins Ohr und man versucht das Ganze mit der Tetris-Melodie wegzusummen. Weil einfach genug Dinge dagegen sprechen. Weil jeder Akt bedeuten würde, dass man entweder seine Selbstachtung oder sein Herz verschenkt. Jetzt speziell in meinem Fall. Ich will hier keineswegs Frauen verurteilen, die sich holen was sie brauchen. Ein kleiner Teil in mir bewundert diese Wesen sogar, weil sie wissen wie es geht und sich ihrer Triebe nicht schämen.

Ich habe mich vor Kurzem mit dem Thema Asexualität auseinandergesetzt. Kann man sich so was aussuchen? Also man wacht morgens auf und sagt: „Liebe Welt, ich bin asexuel!“. Wahrscheinlich nicht. Fände ich persönlich aber ziemlich gut. Wenn ich schon nicht gefragt wurde, ob ich Junge oder Mädchen sein will, fände ich es nett wenn ich mir aussuchen dürfte, ob ich Sex haben will und wenn ja mit wem. Genau!

Ein anderer Plan sieht es vor, dass ich die Schwester Oberin in der Arbeit mal frage, wie sie das denn macht. Dann soll sie mir mal sagen, wie so eine Abstinenz richtig vollzogen wird und ob es vielleicht ratsam wäre, trotz meines Mangels an Gottglauben, in ein Kloster einzutreten. Des Seelenheils wegen. Wir werden sehen. Und bis dahin mach ich mal die drei Jahre voll. Schade, dass ich nicht genau sagen kann, wann das letzte Mal für mich war damit ich mich an dem Jahrestag standesgemäß besaufen kann. 3 Jahre wieder Jungfrau. Das muss doch gefeiert werden. In diesem Sinne, ficken ist nicht alles und nicht ficken ist gar nicht mal so leicht.

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9 Gedanken zu “Nichtficken

  1. Dann mach’s Dir doch selber. Ordentlich. Wenigstens Sex mit jemanden, den man leiden kann. Ist auch gut für den Beckenboden. Bestimmt.

    • Auf solche selten dämliche, unqualifizierte Kommentare kann ich gut und gerne verzichten, Herr Doktor. Danke!

      • Hoppala! Wer kommentiert denn da mit meinen Namensbruchstuecken? Und dann auch noch so unqualifiziert?

        Ich denke (und da spricht ein klein bisschen Erfahrung raus), dass es ganz auf den Partner ankommt, ob es gut wird oder langweilig. Ich behaupte mal frech von mir, dass ich mich in dieser Angelegenheit nicht grossartig verbessert oder verschlechtert habe, allerdings bei verschiedenen Freundinnen verschiedene Effekte ausloeste. Von „boah, koennen wir nicht lieber was anderes machen?“ bis zu „nochmal, bitte…“ Und in Ihrem Fall ist eben noch nicht der Richtige im Leben aufgetaucht.

      • Guten Tag Herr Doktor.
        Na ich hatte schon guten Sex. Das möge man nicht nur an den ersten Malen festmachen. Ich hab halt jetzt keinen. Und darum geht’s. Nicht um gut, schlecht oder mittelmäßig. Sondern darum, dass gar keiner vorhanden ist.

  2. obwohl ich ein kerl bin und es für mich inzwischen auch nicht mehr so ganz problemlos wäre „was abzukriegen“, sprichst du mir aus der seele… zumindest wenn du die männerärsche mit frauenärschen austauschst…

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