Aufzugdrähte

Mein Bauchgefühl sagt „Übelkeit!“. Was vielleicht daran liegt, dass es jetzt ca. halb sechs ist und ich schon den ganzen Tag keine Nahrung zu mir genommen habe. Nicht weil ich Diät halte sondern weil das Bauchgefühl auch noch nach Alkohol schreit. Nicht nach Nahrung. Man muss sich keine Sorgen machen, dass ich eine Karriere als Alkoholikerin/Magersüchtige anstrebe. Doch Alkohol ist so ein schönes Klischee. Klischees sind so einfach. Sie werden von irgendwem bestimmt und es fällt einem so leicht sie zu erfüllen wenn man sich nur genügend Mühe gibt. Und der Durst nach Alkohol erfüllt das Klischee des Vergessen-wollens. Es ist das Synonym für Trauerbewältigung. Wenn im Kino die einsame Lady nur als Samenauffangbecken benutzt wurde und doch nicht geliebt wird, wie sie es sich erhofft hatte, geht sie erst mal in eine Bar und bestellt sich einen doppelten Wodka. Säuft sich selbst unter den Tisch um dann am nächsten Tag noch mehr zu leiden als sie es ohne Alkohol schon getan hätte.

Das Alkoholklischee wird dann später erfüllt. Jetzt muss ich erst meinem Emo-Ruf gerecht werden und wie einer bloggen. Über das traurig sein und das Gefühl durchzudrehen vor innerem Schmerz der sich in den Körper bohrt und einen in den Schwindel treibt der einen dann in die Knie zwingt.

Aber woher plötzlich diese Grabesstimmung? Ein Montag wie jeder andere Montag auch. Ich kam schlecht aus dem Bett weil ich mich zu lange schlafsuchend in selbigem gewälzt hatte. Dieser normale Montags-Unmut der sich bei mir meist bis zum Freitag hinzieht. Im Bus gesessen über eine Email gelacht und darüber nachgedacht, warum der Mensch eigentlich immer alles verkomplizieren muss. Gearbeitet, rumgelaufen, nett gewesen, Aufzug gefahren und mich jedes Mal daran erinnert, dass mir die nette Aufnahme-Tante sagte, dass die Aufzugdrähte auch nicht mehr die stabilsten sind. Papierstau hier, Unfähigkeit da, bei mir, bei anderen, Telefonanrufe und schön die Ablage machen, damit der Arbeitsplatz immer sauber und ordentlich aussieht. In der Mittagspause zur Post gehetzt, Päckchen mit Geschenken abgegeben und sich über die Mode der heutigen Jugend gewundert. Dummgelaber mit Raucherfraktion, wieder rein ins Büro und weitere unerledigte Dinge notiert um sie nicht zu vergessen.

Dann steigst du in den Aufzug. Denkst an nichts Böses. Machst du jeden Tag. Du steigst ein, grüßt freundlich und steigst irgendwann wieder aus. Und dann passiert es. Ein kleiner Moment der dazu führt, dass du an dir und deinem Verstand zweifelst. Ein Bett wird reingeschoben. Nichts Aufregendes wenn man in einem Krankenhaus arbeitet. Und dann siehst du sie wieder. Die Parallelen. Und wirst zurückgeworfen in eine Zeit, die du zwar nicht vergessen, aber verdrängt hast, um zu funktionieren. Du siehst diesen Menschen an und spürst wie sich dir die Kehle zuschnürt. Du weißt du musst jetzt Haltung bewahren denn man kann doch nicht einfach vermeintlich grundlos in einem Aufzug stehen und losheulen. Du starrst auf die Anzeige über der Tür und verfluchst die Langsamkeit dieser Uraltaufzüge. Du steigst aus und spürst wie sich das Wasser in deine Augen presst. Du kannst nichts dagegen tun. Stellst dich ans Fenster, suchst in der Ferne einen Anhaltspunkt. Willst dich darauf konzentrieren um dich von deinen eigenen Gedanken abzulenken die dir sagen, dass du nicht jetzt heulen kannst. Du bist doch stark und es sind bald zwei Jahre. Zwei Jahre in denen der Mensch nun einmal weg ist und langsam sollte es auch die letzte Faser deines Körpers verstanden haben. Doch du findest den rettenden Punkt nicht und so stehst du dort. Immer mehr Wasser sammelt sich in deinen Augen und du versuchst es wegzuatmen. Wenn du doch Zigaretten dabei hättest. Rauchern hilft das doch immer. Nikotin rein in den Körper, fiese Gedanken mit jedem Zug an der Zigarette raus. Aber so musst du dir anders behelfen. Du atmest bewusst ein und aus. Immer tiefer und je mehr du das machst, desto klarer wird dir, dass es rein gar nichts bringt. Du kannst dich nicht dagegen wehren. Also blickst du suchend umher. Wagst die Flucht nach vorne. Strebst das Treppenhaus an aber willst du von einem Zivi gefunden werden? Wie du an die Wand starrst und rhythmisch deinen Tränenrotz hochziehst, während du still und heimlich in dich hinein weinst. Und dann siehst du die Tür. Ein Schild daneben. Besucher-WC für Rollstuhlfahrer. Du reißt die Tür auf, suchst den Lichtschalter. Wie ein Junkie der sich schnell einen Platz sucht um sich den erlösenden Schuss zu setzen. Hektisch bist du denn die Gefahr, dass dich jemand so sieht, ist einfach zu groß. Zu verheult siehst du schon aus, als dass es nicht zu Fragen käme oder zumindest zu diesem Blick. Schnell sperrst du ab und merkst wie die Knie immer weicher werden. Du verstehst es nicht. Wie kann dich das immer noch so mitnehmen. Wie kann es sein, dass so Kleinigkeiten bei dir solch eine Reaktion auslösen? Du zweifelst an deinem Verstand. Das muss es sein. Du drehst langsam aber sicher durch. Du wusstest schon immer, dass es passieren würde. Das du irgendwann meinst alles nicht mehr auszuhalten und einfach bekloppt wirst. Es würde einiges erklären. Du fängst an zu hyperventilieren. Erinnerst dich dann daran, dass du dich gerade eingesperrt hast und das so eine Ohnmacht jetzt wohl das dämlichste wäre was dir passieren könnte. Du gehst in die Hocke. Versuchst ruhig zu atmen. Bemerkst den aufkommenden Schwindel und spürst nur Trauer. Pure eiskalte Trauer die sich eng um deinen Hals zieht. Einfach genommen hat man dir diesen Menschen. Und keiner hat dich gefragt ob du überhaupt schon bereit bist, ohne ihn zu sein. Und so weinst du. Vielleicht weniger um den Menschen als um dich und die Angst, mit der dich dieser Mensch allein gelassen hat. Du weinst und kannst nicht aufhören. Stehst auf, starrst in den Spiegel und erkennst wieder, dass weinen so unglaublich hässlich macht. Deswegen weinst du lieber allein auf Toiletten als in den Armen eines Anderen. Weil dich der Anblick so dermaßen anwidert. Du siehst auf die Uhr. Nur noch ein paar Stunden und du darfst nach Hause. Hätte es nicht zu Hause gereicht? Versuchst die Fassung wieder zu erlangen und beschimpfst dich selbst. Weil es nicht sein kann, dass du dich so gehen lässt. Kaltes Wasser ins Gesicht. Abtrocknen und noch einmal nachsehen ob die Augen zu sehr gerötet sind. Tief einatmen, tief ausatmen und die Tür wieder vorsichtig öffnen. Das Licht ausschalten und mit dem schönsten Fake-Grinsen zu den Krankenschwestern um ihnen zum zigsten Mal zu erklären, dass sie Etiketten aus dem oberen Fach drucken sollen weil es sonst Papierstau gibt. Die restlichen Stunden wieder nur ein Schatten meiner selbst. Entrüstet. Weil es mich wieder einmal gepackt hat. Weil ich wieder zu schwach war. Und weil ich es nicht fassen kann. Am 23. Juni sind es zwei Jahre. Und noch immer bin ich nicht darüber hinweg. Ist so Liebe? Denn wenn das Liebe ist, dann will ich nie wieder lieben. Denn es frisst mich auf und treibt mich in den Wahnsinn.

Meinen heutigen Abend werde ich damit verbringen mich selbst mit Weiswein abzufüllen. Um dann den Galgenhumor wieder zu finden. Bis zum nächsten Mal wo ein Bett in den Aufzug geschoben wird. Vielleicht nehme ich ab sofort doch lieber die Treppe. Vor allem wo ich doch weiß, dass die Drähte des Aufzugs auch nicht mehr die stabilsten sind.

Advertisements

2 Gedanken zu “Aufzugdrähte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s