Hartzbreaker

Es ist 18:08 Uhr. Montags. Der rote 2008er Cimarosa Shiraz aus dem Weinfeinschmeckerhandel Lì`d`l gluckert direkt von der Flasche in meinen vor Wut geschwollenen Hals. Genau die richtige Stimmung um sich über meine wundervolle Zeit als Sozialschmarotzer auszulassen.

Nachdem ich mein Vordiplom erstanden habe, war ich, wie meistens in meinem Leben, ziemlich orientierungslos. Weitgebracht hatte mich dieses mistige Studium kein Stück, bis auf die Gewissheit, dass ich niemals im Leben Lehrer werden möchte. Ist doch auch schon mal viel wert. Die findige 22jährige denkt sich, wenn es mit 15 und mit 20 nicht gefruchtet hat, vielleicht bringt ein dritter Besuch bei einem Berufsberater die glorreiche Erkenntnis, was ich mit meinem weiteren Leben so beruflich anfangen könnte. Zuerst wollten sie mich gar nicht zu dem netten Herrn lassen. Meinten ich sei zu alt. Ich war dann aber so penetrant, sodass sie mir doch einen Termin gaben. Als ich dann bei diesem Herrn war, durfte ich mich zuerst einmal die erste viertel Stunde rechtfertigen, warum ich denn nun mein ach so aussichtsreiches Studium in den Wind geschossen habe. Die Frage: „Und Sie wollen wirklich nicht mehr studieren?“ fiel in dieser halben Stunde ca. 20mal. Scheinbar sind dem Arbeitsamt arbeitslose Akademiker lieber. Naja. Als er mich dann fragte, was denn meine Schwester mache und ich ihm erzählte, dass sie Einzelhandelskauffrau lernt, bot er mir die wunderbaren Möglichkeiten im Einzelhandel an. Mit Aufstiegschancen ins Unermessliche. Ich lehnte dankend ab. Sagte ihm, am liebsten hätte ich einen Job bei dem ich jeden Tag meine 200 Akten stempeln müsste. Damit wäre ich vollkommen zufrieden. Er druckte mir eine Ausbildungsstelle zur Fachkraft für Lagerlogistik aus und entließ mich in die böse Berufswelt. Ich bewarb mich, bekam den Ausbildungsplatz nicht und erhielt daraufhin eine nette Einladung vom Arbeitsamt. Sie hätten eine wundervolle Weiterbildungsmöglichkeit für mich.

Brav wie ich war, ging ich zu diesem Treffen. Der Altersdurchschnitt der anwesenden Sozialschmarotzer war so etwa Mitte 40. Selten kommt es vor, dass ich mal irgendwo die Jüngste bin. Dies war der erste Schritt in einen der allseits beliebten Kurse, in die man heutzutage als Arbeitsloser gesteckt wird. Vielleicht gibt es die schon ewig aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass besonders zur Zeit die Kurse, die von gewissen Institutionen umgesetzt werden, boomen. Ein Grund dafür ist vielleicht, dass man, sobald man in so einem Kurs ist, offiziell nicht mehr in den Hochrechnungen der Arbeitslosenzahlen erfasst wird. D.h. man ist trotzdem als arbeitsuchend gemeldet, erhält weiterhin sein Geld vom lieben Statt, erscheint aber nicht mehr in der Statistik. So wurde zumindest mir das mitgeteilt. Sogar von einem der Kursleiter, der es ja wohl wissen muss. Das nur kurz zu diesem kleinen Schandfleck der Politik, die das Arbeitsamt betreibt. Ich war also in dieser Einführungsveranstaltung. Mir wurde ein ziemlich interessantes Projekt vorgestellt. Aufgrund der stattfindenden Gartenshow in dem naheliegenden Kaff wurde ein Musikcontest veranstaltet. Diesen sollte das arbeitslose Pack mit Hilfe von Kursleitern umsetzen. Klang für mich um einiges besser als mich acht Stunden am Tag in einen öden Computerkurs zu setzen also sagte ich zu. Es wurde so getan als könnte ich mich da frei entscheiden. Das aber beim Arbeitsamt frei entscheiden heißt, entweder du tust es, oder du erhältst Kürzungen, sagte mir natürlich keiner.

Insgesamt sieben Monate durfte ich in diesem Kurs verbringen der zu 80 Prozent aus Menschen bestand, die entweder kein Interesse an Musik hatten oder einfach keine Lust auf gar nichts. Es kristallisierte sich langsam aber sicher heraus, dass eine weitere Kursteilnehmerin und ich, die ganze Sache bald fest im Griff hatten. Wir kommandierten herum und schrieben uns dann lustige Nachrichten bei myspace.

So ein Tag in einem dieser Kurse läuft in etwa so ab. Man erscheint um 8 Uhr Morgens in dem entsprechenden Gebäude. Dann wird erst einmal durchgezählt. Soll heißen, es werden erst einmal alle aufgeschrieben, die unentschuldigt fehlen. Das war am Tag mindestens einer. Das wurde dann postwendend an den entsprechenden Fallbearbeiter weitergeleitet, der einem dann eine Kürzung schenkte. Dann wird unkoordiniert rumgewurstelt bis mir das alles zu blöd wurde und ich vorschlug, dass wir uns vor „Arbeitsbeginn“ doch bitte zusammen setzen und besprechen, wer sich um was kümmert. Denn es sollte doch einiges koordiniert werden. Die Bands die auftreten, Sponsoren, Bühnenaufbau, etc. Wenn man so einen Kurs besucht, verliert man irgendwann den Blick dafür, dass dies doch eigentlich nur eine Übergangssache ist. Man hat irgendwann das Gefühl, dass das wie ein Job ist und vergisst vollkommen, dass der Fokus seines Bestrebens darauf gelegt sein sollte, dass man sich um einen neuen Job bemüht. Die Veranstaltungen an sich waren super. Ich war für die Bandbetreuung zuständig, durfte die arrogante Kuh Julia Falke (erinnert ihr euch noch an Julia Falke? Die Bayernbraut die bei DSDS mitgewirkt hat?! Die saß bei uns in der Jury. War mir ziemlich egal. Sie war auch sehr brüskiert als ich ihr nur ihren Ausweis in die Hand drückte und sagte, wo sie denn nun hingehen sollte. Dachte wohl ich trage sie dort hin. Jetzt singt sie übrigens bei einer popeligen Coverband und hat bei einem ihrer ersten Auftritte den Text von 99 Luftballons vergessen. Nur mal so am Rande.). Und während man dann also vor sich hin arbeitete verging die Zeit irgendwie und man durfte um vier endlich nach Hause. Gelernt hatte man nichts, ich für meinen Teil musste mich mindestens einmal über irgendwas aufregen und so vergingen die Monate. Uns wurde auch der Erwerb eines total wichtigen Computerführerscheins versprochen. Haben wir dann auch gemacht, das Ding. Die kleine Version. Wohl die günstigste. Einigen Teilnehmern, unter denen ich auch war, wurde eine weitere Qualifizierung versprochen. Hab ich nie gemacht. Da scheinbar die Gelder gekürzt wurden, wurde der Kurs kurzerhand umgetauft und wir mussten alle ein Praktikum machen. Da wir in einem Gründerzentrum beherbergt waren, konnte ich mein Praktikum bei einem der Mieter machen. Der übernahm mich dann auch gleich postwendend und bot mir die Möglichkeit ein EQJ bei ihm zu machen.

Für alle die nicht wissen was das ist. Ein EQJ ist eine Einstiegsqualifizierung für Jugendliche. Wird vom Arbeitsamt mit 192 Euro gesponsert. Das Geld erhält der Betrieb. Dieser ist aber nicht verpflichtet dieses Geld an den Praktikanten weiter zu geben. Das Praktikum erfolgt in einem bestimmten Berufszweig. Man kann die Berufsschule besuchen, ist jedoch nicht dazu verpflichtet. Der Plan dieser Aktion ist es, Betrieben die Ausbildung von Jugendlichen schmackhaft zu machen, denn so ein erfolgreich abgeschlossenes EQJ wird einem dann an die anschließende Ausbildung angerechnet. Ich für meinen Teil sehe darin eine weitere Möglichkeit, sich billige Arbeitskräfte zu beschaffen an denen man sogar noch ein kleines Zubrot verdienen kann. Scheinbar war ich im Landkreis eine der wenigen, die in eine Ausbildung übernommen wurde und sollte dann sofort als neues Vorzeigegirl herhalten. Mit Foto und Presse und freudig strahlend dem Ausbildungsvertrag in der der Hand. Sah ich nicht ein, da ich mit einem Verein wie der Agentur für Arbeit nicht in Verbindung gebracht werden wollte. Der Artikel erschien trotzdem. Aus dem ging hervor, dass Arbeitslose, wie ich es einer sei, oft arbeiten wollen. Man solle auch mal nicht nur auf Zeugnisse achten (mein damaliger Chef hat nie ein einziges meiner Zeugnisse gesehen) und man solle auch bedenken, dass hinter jedem dieser Menschen eine Geschichte steckt. Zusammengefasst wurde ich als arbeitswillig, dumm mit tragischer Lebensgeschichte hingestellt. Fand ich weniger gut und mich verwundert es auch nicht, dass mein Chef damals nicht freudestrahlend mit dem Zeitungsbericht im Büro auftauchte.

So war das, als ich in einem dieser netten Kurse war. Ich stelle mich schon jetzt seelisch darauf ein, dass ich als ausgebildete Informatikkauffrau in einen Excel-Kurs für Anfänger gesteckt werde, sollte das mit der Arbeitssuche nicht so laufen, wie ich mir das vorstelle. Keine Frage, es war eine lustige Zeit mit eigenartigen Begebenheiten und absoluten Lachanfällen. Z.B. als uns die Mittvierzigerin, die irgendwann den Titel „Brüllaffe“ erhielt, meinte uns vor dem gesamten Kurs dissen zu müssen, weil wir ja denken, wir hätten die Weisheit mit dem Löffel gefressen. Oder der Raphi-Affi, das Schneckal oder der Geist. Alles eigenartige Gestalten, die man nicht kennen will aber wenn man sie kennt, findet man sie witzig, weil sie so kaputt sind, dass man es nur noch lustig finden kann. Der Geist hatte z.B. nur eine Hose, ein Shirt, ein Cap und eine Jacke. Er sollte bei einer der Veranstaltungen sogar weggesperrt werden, weil man sich für ihn schämen musste. Ein lustiger Kerl und wenn ich ihn heute laufen sehe, muss ich schmunzeln. Der sah sich im Kurs Pornos an. Harter Kerl. Aber eins habe ich gelernt. Dass ich es mir nicht zu bequem machen sollte. Denn schnell passiert das und je länger so ein Kursaufenthalt dauert, umso schwerer wird es für einen, etwas zu finden, was einen beruflich weiter bringt.

Ach und damit sich so eine Anzeige wegen Rufmord von Julia F. auch lohnt. Sie gab unserem Tontechniker einen Packen Autogrammkarten, bevor sie ging. Er warf sie in ihrem Beisein in den Abfall. Coole Sau. Er jetzt.

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