Kinder-Ich

Ich frage mich immer wie die Menschen das machen. Dieses sich daran erinnern, was sie meinten, damals als sie noch klein waren, wie es sein wird, das groß sein. Ich für meinen Teil kann das nicht. Ich kann nicht gedankenschwer meinen Kopf schütteln und sagen „Nein, so hatte ich mir das nicht vorgestellt, das erwachsen sein.“ Einerseits weil ich mich an mich als Kleinkind nur erinnern kann, weil man ab einem gewissen Alter ständig mit lustigen Anekdoten konfrontiert wird. Dinge wie „Als du soooooo klein warst, da haste jeden Mann mit Schnurrbart Papa genannt.“ Solche Dinge. Keiner kommt auf einen zu und sagt, dass man verträumt im Sandkasten saß und darüber philosophierte wie es sein wird, wenn man denn dann mal alt ist. Und auch als ich dann so ein weltenverachtender Teenager war, gab es nie den Moment wo ich mir ausmalte wie es sein würde, wenn ich denn endlich volljährig bin. Ich hatte vielleicht so kleine Vorstellungen die sich darauf bezogen, dass ich einen Führerschein haben werde und vielleicht noch, dass ich irgendwo arbeiten werde. Doch das war es auch schon. Einerseits bin ich ganz froh, dass es so ist. So habe ich zumindest nicht das Problem, dass ich mein Klein-Ich mit meinem Groß-Ich enttäuschen kann. Ich werde nicht mit glasigem Blick auf einer Parkbank sitzen, ketterauchend und mich bei mir selbst entschuldigen, weil ich alles so dermaßen verbockt habe. Es wird nicht passieren, denn seitdem ich denken kann, ist die Zukunft für mich ein einziges Nebelgedönse. Da ich mich seit Kurzem mal wieder mit einem dieser Scheidewege auseinandersetzen muss, weil meine Ausbildung bald dem Ende zugeht und ich nicht die Chance erhalte an meinem jetzigen Arbeitsplatz zu verweilen, bin ich also wieder einmal genötigt mir Gedanken zu machen. Und da sich seit ca. 10 Jahren nicht viel getan hat, im Bezug auf das Stecken von langfristigen Zielen, empfinde ich dies als ziemlich sackig. Ein Teil von mir versteckt sich hinter dem sicheren Gefühl, dass sich alles fügen wird. So wie sich nun mal immer alles gefügt hat. Bisher zumindest. Man sagt immer, dass das Glück mit den Dummen ist. Nennt mich Meister der Dummheit und reicht mir die dickste Kartoffel. Doch es wird mir auch bewusst, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Das ich langsam ein Alter erreiche wo es eben nicht mehr geht, dass man alles fließen lässt und darauf hofft, dass es die richtige Richtung einschlägt.

Jetzt steh ich also hier. Kein Kinder-Ich im Nacken das mir sagt, dass ich doch in meinem Alter schon bestimmte Dinge hätte erreichen sollen. Und in den Wurstfingern eine riesigen knittrigen Zettel. Es sollte so was wie eine Lebenslandkarte sein. Mit Wegen, Seen, Bergen und kleinen Fähnchen, die Teilstrecken markieren. Mein Problem ist, dass dieser Wisch total leer ist. Da ist nichts drauf. Nicht einmal ein Fliegenschiss hat sich darauf verirrt. Strahlend weiß liegt es in meinen schweißnassen Händen und wird immer schwerer. Man sagt immer, dass es doch schon mal gut ist, wenn man weiß, was man nicht machen will. Eine der lächerlichsten Aussagen, die ich jemals gehört habe. Es bringt mir einen Scheißdreck, dass ich weiß, dass ich in meinem Beruf, den ich bald mit der mündlichen Prüfung erfolgreich ausführen darf, nicht arbeiten möchte. Ja, ja, Schlaumeiers from all over the world. Ist mir schon klar, was ihr euch jetzt wieder fragt, warum ich das dann überhaupt gemacht habe. Nur kurz. Wie gesagt, ich dumm, Glück. Es ergab sich. So einfach. Ich war 24, arbeitslos, abgebrochenes Studium. Man hat irgendwann dann das Bedürfnis und das Gefühl der Verpflichtung irgendwas fertig zu bringen und nur, damit man sagen kann, man habe irgendetwas abgeschlossen. Ich erhielt das Angebot, ich ergriff die Chance und wechselte sogar einmal meinen Arbeitgeber (zwei Tage vor Ende der Probezeit). Deswegen habe ich es gemacht. Aber das Wissen, dass ich diesen Beruf nicht ausführen will bringt mir eben rein gar nichts. Weil die Alternativen trotzdem milliardenfach sind. Und doch fehlt mir für jede Möglichkeit ein Bruchteil an Interesse, Engagement oder Wissen. Es gibt Leute, die von sich behaupten, sie könnten alles, aber immer nur ein bisschen davon. Ich für meinen Teil, kann nichts und sollte ich was können dann dieses so stümperhaft, dass man nichts damit anfangen kann.

Mir ist klar, dass ich mich mit mir zusammensetzen sollte. Mir Listen machen sollte mit Pro und Contra und endlich mal den Arsch hochkriegen sollte um nicht als gescheiterte Existenz zu enden. Doch da ich keine großen Erwartungen habe, in die Zukunft, in meine Zukunft, ich nicht von teuren Cluburlauben träume oder einem Loft in Berlin Mitte, fehlt es mir an Motivation. Ich bin ein genügsamer Mensch der irgendwann einmal gelernt hat, dass es nicht viel braucht im Leben. Und es ist niemand da, der mir sagt, ich solle was bewegen. Ist auch nicht die Aufgabe von irgendwem. Doch wenn man jahrelang gesagt kriegt, dass man das schon mache… Vertrauen in mein Tun in allen Ehren, verliert man den Biss den man bräuchte um sich selbst zu Höchstformen anzutreiben.

Und weil es nun mal so ist, baue ich mal wieder einen Flieger aus dem riesigen weißen Blatt und entlasse es in die Freiheit. Vielleicht kehrt es ja zurück und jemand hatte die Güte etwas drauf zu kritzeln.

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7 Gedanken zu “Kinder-Ich

  1. Behalte diesen „leeren“ Wisch. Jeder Wegwurf und sei er noch so gut gefaltet, wird seinen Weg zu Dir zurück finden. Ist nur n bisschen anstrengend und langweilig auf Dauer ewig das Gleiche zu tun. Behalte ihn, trage ihn bei Dir in der Tasche. Es ist Dein Plan, den Du in Händen hältst und darüber Dir Deinen Kopf zerbrichst. Deiner. Niemand anderes, nicht Deine Lehrer, Deine Freunde , Deine Eltern oder ich oder sonstwer ist fähig, ihn zu beschreiben. Und ohnehin bist Du zu beglückwünschen, dass Du Deinen leeren Wisch überhaupt gefunden hast, ihn in Händen hältst und somit erst be-greifen kannst. Was glaubst Du denn, wie viele Menschen der siebeneinhalb Milliarden auf diesem ehrwürdigen Planeten, überhaupt nur dies bereits erreicht hätten? Abzählbar mit Grundschulmathe! Nun, ja, wenn der Wisch nicht das Problem ist, fragt man/frau sich (hoffentlich), was, zum Teufel, ist denn das gottverdammte Problem dann??? Die Schablonen! Denn die passen offenbar nicht wirklich in Deinen Plan! Also, schnapp‘ Dir Stift, Zirkel, Raditzefummel und das Stück Papier in Deiner Tasche! Wahrscheinlich wirst Du feststellen, dass Du schon sehr, sehr viele Zeichnungen und anderes Zeug auf diesem scheinbar weißen unscheinbarem Dings hinterlassen hast. Viel Spaß beim Lesen und weiterschreiben, denn da bleibt niemandem von uns die Wahl. Nur die Flucht vor der Verantwortung…

    • Naja… darum geht’s mir ja. Wegwerfen und wenn er zurück kommt, wird schon wieder was drauf stehen. Wie die zig Male davor.
      Aber ich glaube auch, dass ich langsam in nem Alter bin, wo man nicht mehr versuchsweise rumkritzt. Mit 26 sollte ich Besseres zu tun haben als mich immer wieder aufs Neue auszuprobieren.

      • Nun, mir geht’s darum, zu behaupten: mit dem Handlungsschema, das Du beschreibst und das uns als Bild für das Dilemma dient, hast Du Dich eben nicht ausprobiert. Du hast die Schablonen ausprobiert, im Leben wie in Gedanken, aber Beruf xy hat ne Kreisschablone und Dein Plan, Dein leerer Wisch, der Dir sagen soll, was das Beste für Dich ist, ist aber 17eckig oder das Haus mit *beliebiges Luxusgut einsetzen* verlangt glattes Papier, wo Du aber ne Welle und n Kaffeefleck hast. Kannst Dich nun gar nicht mehr leiden, weil Du ja gar nicht passt. Du bezeichnest das als „fehlenden Ehrgeiz“ und obendrein noch „Deine Schuld“! Dich selbst ausprobieren bedeutet aber: Verzicht auf Schablonenprobierei und was mit Deinen 17 Ecken, Deiner Welle und dem Kaffeefleck anzufangen. Oder: um diese Freiheit und Verantwortlichkeit zu erlangen, die Dich befähigt Dein Leben als gefühlt sinnhaft zu gestalten, musst Du diese Freiheit, damit die Urheberschaft der aus der Freiheit heraus getroffenen Entscheidungen und damit die Verantwortlichkeit für diese Urheberschaft anerkennen nicht als etwas Bedrohliches, einen Fluch, wo Du hoffst jemand anders setzt sich für Dich mit dem Monster auseinander, sondern als … nun, Freiheit… ein Fluch ist sie ja doch schon irgendwie, aber halt auch…ein Segen (Weihrauchgeruch und Orgelklänge, bitte!). Ach und ja, irgendwann sterben Menschen übrigens unweigerlich. Ein wenig über diese für wirklich sinnhaftes Leben unabdingbare Endlichkeit nachzuspüren, mag sich als hilfreich erweisen, zweifelsfrei zu erkennen und zu fühlen, dass der Begriff „gescheiterte Existenz“ schlichtweg in sich selbst sinnlos ist. This is the first day of the rest of your life! Was soll man sagen? Und Du bist vielleicht auf der richtigen Spur und alles ist einfach absurd und eigentlich ein herzhaftes Lachen wert. Keep on rocking!

      • Langsam sehe ich aber all meine Möglichkeiten ausgeschöpft. Ich hatte zig Praktika, habe studiert, habe gejobbt, habe Bücher gewälzt, Tests gemacht,… ich bin mit meinem Latein am Ende. Und es entsteht der Wunsch nach einer Konstante in meinem Leben. Und das ich schon wieder, zum gefühlten hundertsten Mal, ein Ziel suchen muss, ermüdet mich.

  2. So gerne ich dein Blog lesen – oft deprimiert es mich auch, aus verschiedenen Gründen. Dieser Post deprimiert mich zum Beispiel deshalb, weil du so wunderbar deine angebliche Talentlosigkeit beschreibst und dabei völlig verkennst, dass du dabei von zumindest einem großen Talent Gebrauch machst: deinem Schreibtalent.

    • Danke.
      Doch hier geht’s um beruflich verwertbare Talente. Und da sieht’s wie gesagt mau aus. Weil der Ehrgeiz fehlt. Bin ich selbst dran schuld. Und das ärgert mich und bringt mich doch kein Stück weiter.

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