STRG ALT ENTF

Ich bin jetzt 26 Jahre alt. Für ein dreijähriges rotznäsiges Kind, mit Schoko um den Mund, Glibberzeuch in den Hosentaschen und Flausen im Kopf, bin ich steinalt. Wenn man Tante Google fragt, wie alt denn der Deutsche so im Durchschnitt wird, spuckt sie einem aus, dass es für eine Frau mit durchschnittlich 81,2 Jahren an der Zeit ist, den Löffel weiterzureichen und es sich in einem plüschigen Sarg bequem zu machen. Demzufolge darf man sagen, dass ich noch als jung gelte. Behaupte ich jetzt einfach mit meinem unverdorbenen jugendlichen Leichtsinn. Und schon jetzt, obwohl es doch scheinbar noch so weit weg ist, habe ich Angst vor diesem ALT sein.

Ich arbeite jetzt seit ca. 1 ½ Jahren in einem Krankenhaus. Dort bin ich nicht diejenige, die den kranken Menschen das Essen klein schneidet und ihre Wunden mit Wundersalben voll schmiert. Ich bin diejenige, die von diesen Personen angemotzt wird, weil der böse Computer mal wieder so langsam ist und sie andere Sorgen haben als mir zu sagen, welches Licht denn jetzt genau am Drucker leuchtet. Doch trotzdem treffe ich auf sie. Diese kranken Menschen. Und wie man es von einem Krankenhaus gewöhnt ist, sind geschätzte 80% dieser Leute Rentner. Alternde Menschen die in den Gängen rumwackeln, auf ihren dürren Beinchen und husten, rotzen, spucken und vielleicht sogar manchmal pinkeln. Ich erlebe also jeden Tag die Hardcore-Variante des Altwerdens. Die Krankheitswelt. Wenn sie klein und zerbrechlich in ihren Betten liegen um in den OP geschoben zu werden oder
geröntgt oder bestrahlt werden. Die emsigen Krankenschwesterbienchen huschen von einem Zimmer zum nächsten um Exkremente jeglicher Art abzuholen, sie abzumessen, schriftlich festzuhalten, damit der Oberarzt in sein Diktiergerät flüstern kann, dass diese Menge an Stuhlgang erschreckend wenig sei und man vielleicht doch einmal über eine Darmspiegelung nachdenken sollte.

Freundlich sind sie, diese alten Leute. Wenn man in den Aufzug steigt und ihnen sagt, dass sie ihr Stockwerk erreicht haben, sprudelt ein Danke aus ihnen heraus, als hätte man ihnen gerade gesagt, dass sie mehr Rente kriegen. Mit ihren kleinen knochigen Fingern fummeln sie Kleingeld aus dem Geldbeutel um im Kiosk aufgewärmten Kartoffelsalat zu kaufen, weil sie denn nicht essen können, wenn er so kalt aus dem Kühlschrank kommt. Herzerwärmende Begebenheiten die einen schmunzeln lassen. Eine alte Dame fuhr scheinbar nicht so gerne alleine Aufzug. Ihr wurde ein Zivi an die Seite gestellt um sicher im richtigen Stockwerk anzukommen. Verschüchtert stand sie im Lift und starrte ängstlich auf die Etagenanzeige. Als sie ankam, huschte sie eilig aus dem Aufzug und bedankte sich tausendfach bei dem Zivi der nur neben ihr stand, aber das hatte scheinbar gereicht.

Ich habe keine direkte Meinung zu alten Leuten. Es ist schwierig mit ihnen. Denn scheinbar erreicht man irgendwann einen Punkt in seinem Leben, wo man nicht mehr mag. Wo man einfach keine Lust mehr hat, sich auf Neues einzulassen. Man wird verbittert, weil man zu viel Zeit hat sich über seine Vergangenheit und die verpassten Chancen Gedanken zu machen. Dann gibt es noch die Über-Omas und –Opas für die man die Welt ist und die man liebt wie keinen anderen Menschen je zuvor und wohl auch nach ihrem Ableben wird es keinen Ersatz für diesen Menschen geben. Alte Leute sind wie die meisten Menschen, die man in eine Gruppe stopft. Sie haben ihren eigenen Geruch, ihre eigene Sprache und ihre eigene Vorstellung von falsch und richtig. Entweder man hasst sie, liebt sie oder sie sind einem egal.

Und das Gute ist die Tatsache, dass ich schon jetzt haargenau sagen kann, wie ich werde, wenn ich denn mal alt bin. Ich werde mit einem Kissen bewaffnet an meinem weit geöffneten Fenster im dritten Stock hocken, mich rauslehnen und kleine Kinder mit Steinen bewerfen. Ich werde Säcke mit Kleingeld mit mir herumschleppen um diese dann an der Kasse des Supermarkts meines Vertrauens vollständig zu entleeren. Meistens am Samstag. Kurz vor Ladenschluss. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ich werde brav meine Tabletten schlucken, die mir mein Arzt verschreibt aber wenn ich er mich auf meine erhöhten Zuckerwerte anspricht werde ich ihn ungläubig ankucken und innerlich schmunzeln weil mir die Sahne von der Megatrippleschokotorte noch im Gebiss klebt. Mit gebückter Haltung werde ich mich auf den Gehwegen der Nation breit machen und allem und jedem im Weg rumstehen. Im Bus werde ich den Arschficksong rezitieren, weil mir nun mal keine alten Gedichte einfallen, die ich in der Schule gelernt habe. Ich werde also eine Arschlochvariante sein, die man am liebsten ohne Umschweife in ein tiefes Loch schubsen will. Da mir das bewusst ist, macht mir das keine Angst. Meine Angst vor dem alt sein bzw. alt werden, bezieht sich auf diese Krankheitsnummer.

Schon jetzt graut es mir vor dem Moment, an dem ich nicht mehr
dazu imstande bin, meine Blase zu kontrollieren. Ein kleines Niesen und zack, 50 ml Urin im Baumwollhöschen. Wenn ich daran denke, dass mein Alltag von Arztbesuchen bestimmt wird, kriege ich diesen eiskalten Schauer, der mir gruselig über den Rücken kriecht. Schon jetzt überkommt mich das Schamgefühl das ich empfinden werde, wenn mir die arme Praktikantin im Pflegeheim den Hintern abwischen muss, weil ich dazu nicht mehr imstande bin. Es ist mir vollkommen klar, dass ich schon in den nächsten Jahren von einer plötzlichen Krankheit erfasst werden kann, die diese Momente dann schneller als erwartet in mein Leben schleudert. Doch zum jetzigen Zeitpunkt bin ich gesund und wie jeder Liebesfilm mit einem Happy End abschließt ist es nun einmal eine Tatsache, dass das Altern mit einem langsamen Verfall beginnt, der unausweichlich und unaufhaltbar ist. Und wenn ich jeden Tag sehe, mit was ich zu rechnen habe wenn ich ins Rentneralter hinüber gleite, dann packt mich eine unbeschreibliche Angst. Nicht davor auszusehen wie eine verschrumpelte Rosine in der Mittagshitze, nicht davor sich nicht mehr daran erinnern zu können, wer jetzt noch mal diese eine Castingband war, die als allererste bei Popstars zusammengewürfelt wurde, nicht davor, dass ich mit meinen Nippeln aus dem Stand lustige Bilder in den Sand malen könnte. Ich habe Angst davor, dass ich genau dort ende wo sie jetzt alle zu finden sind. In Heimen, Kliniken, Krankenhäusern. Von einem Spezialisten zum nächsten. „Nein danke, heute Vormittag habe ich keinen Hunger. Ich habe schon 25 Tabletten gefrühstückt. Ach, noch zwei Zäpfchen? Kein Problem. Könnten wir danach vielleicht noch ein bisschen kuscheln?“ Und vor allem wenn ich mir meinen Lebenswandel bzw. meine Wegwerfhaltung zu meinem Körper ansehe, dann weiß ich jetzt schon, dass ich dieses büßen werde. Tausendfach werde ich es büßen. Jedes Kippchen, jeden Schnaps, jeden Burger, jede durchgemachte Nacht. Sie werden sich zusammenhorten, diese schlechten Dinge, und mich in meine Grenzen weisen. Sie werden mir hart gegen das Schienbein treten und mir zeigen was ich davon hatte, dass ich nicht früher daran dachte, dass der Verfall auf mich wartet.

Und davor habe ich Angst. Davor eines Tages aufzuwachen, plötzlich alles verschwommen zu sehen, weil ich mit der Lesebrille eingeschlafen bin, nach nur ein paar Stunden Schlaf, denn alte Leute brauchen kaum Schlaf. Alles tut weh. Ich humple in das Bad und habe dort wahrscheinlich einen Kalender hängen in dem ich notiere wann ich Stuhlgang hatte und wie die Konsistenz war. Denn scheinbar tun das alte Leute so genau wissen die immer Bescheid darüber. Und wenn da drei Tage nichts steht sofort nach dem Tablettenfrühstück und dem koffeinfreien Kaffee auf zum Hausarzt. Man hat ja sonst nichts zu tun und der hört sich meine nicht-kacken-können-Geschichten doch so gerne an.

Alt werden ist für mich nicht der optische Verfall. Für mich ist es dieses krank sein und nichts dagegen tun können sondern nur noch darauf warten, wann der erlösende Herzinfarkt kommt. Und genau davor habe ich Angst.

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8 Gedanken zu “STRG ALT ENTF

  1. „Tausendfach werde ich es büßen. Jedes Kippchen, jeden Schnaps, jeden Burger, jede durchgemachte Nacht.“

    So jetzt stell dir mal vor, du bist alt und hast nichts von dem gemacht. Alt und nicht gelebt.
    Welche Verschwendung.

    • „Leben“ ist nicht gleichbedeutend mit „sich gehen lassen“. Und hier geht es nicht darum, ob ich etwas bereuen werde, irgendwann wenn ich alt und runzelig bin, sondern darum, dass ich diesen Lebenswandel büßen werde. Gesundheitlich. Und genau vor diesem Teil des Altwerdens habe ich Angst.

    • Das ist ja eben das Problem. Es ist egal wie man vorher lebt. Am Ende liegt man in seinen eigenen Säften, alles tut weh, man röchelt und spuckt… stirbt in Raten.
      Und durch ungesundes Dasein beginnt dies vielleicht sogar noch früher als man selbst denkt.

  2. Wie ich sehe, bin ich nicht allein in meinen Angstgedanken übers Altwerden und die ganzen beschissenen Folgen. In eigenen Säften verrecken und durch ne Magensonde am Leben erhalten zu werden… Dann lieber gleich Herzinfarkt. Und bis dahin Kippen und Burger als Beschleuniger. Klar, keiner von uns ist mit gesunder Lebensweise davor versichert, gesund zu sterben. Aber ich finde, man sollte es nicht forcieren. Kippen und Burger sind auch ok, aber alles in gut in Maßen. Hier meine Betrachtungsweise, wenn’s jemanden interessiert: http://bit.ly/asMabf
    LG

    • Vielen Dank für den Link. Und ja, ich gestehe. Ich Barbara N. bin eine faule Sau. Ich bin die, die rumwinselt weil ihr Rücken schmerzt. Und ich habe nicht vor etwas dagegen zu tun. Es gibt keinen inneren Schweinehund den ich überwinden müsste. Ich bin der Schweinehund.
      Aber ich muss auch sagen, dass ich, auch wenn mich ein Gesundheitswahn heimsuchen würde, ich doch, wie alle Menschen, genau bei dem alt/tattrig/kränkelnd ankommen würde. Weil das der Lauf des Lebens ist. Und ich bin der Meinung, dass ich weniger Energie in das „Hinauszögern“ des Verrotungsprozesses setzen sollte, als mich darum zu kümmern wie und wo ich irgendwann in meinem eigenen Dung liege. Denn das wird es sein worauf es ankommt. Nicht die Tatsache wann ich langsam vergammle sondern wo und unter welchen Umständen.

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