Erbaulichkeit und Fellatio

So manch einer wird sich fragen, was man denn so lernt, wenn man katholische Religionspädagogik studiert. Wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich noch heute nicht, was so manche Fächer sollten. Also was mir da schlussendlich beigebracht wurde. Entweder weil ich mich tief in meinem Inneren total dem katholischen Glauben verschloss oder weil die Professoren vielleicht selber manchmal nicht wussten, worum es eigentlich geht.

Eins der Fächer, das für mich auf ewig ein Buch mit drölfmilliarden Siegeln blieb war wohl „Dogmatik“. Als ich in die erste Vorlesung ging dachte ich an Ben Affleck und Matt Damon. Wenn man Wikipedia fragt, die alte Besserwissersau, dann sagt die einem, dass ein Dogma eine fest stehende Definition oder eine grundlegende (Lehr-)Meinung ist, deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich gilt. Das heißt also ich saß in einer Vorlesung in der mir die nette Professorin Wahrheiten über Gott erzählte, die man nicht anzweifeln darf, weil die Kirche sagt, dass das jetzt ein Dogma ist. Der Studienkollege mit dem ich mich eingeschrieben hatte, wagte es einige Male Frau Lumberjack Edelweiß (so wurde sie liebevoll von ihm getauft weil sie entweder in Holzfällerhemden oder Tracht erschien) in eine Diskussion zu verwickeln. Irgendwann kam aber immer der Punkt an dem sie folgenden Satz von sich gab: „Schlussendlich ist alles ein großes Geheimnis.“ Aha! Danke für die Information. Dies ist also der Beweis dafür, dass wir was lernten, was zwar grundsätzlich unwiderlegbar ist, aber dann doch einfach nur frei erfundendes Geblubber, weil genau wissen wir jetzt auch nicht was Sache ist.

Dann gab es noch den Herrn Nudel aka Mr. Tagliatelle. Eigentlich hieß der anders aber ich konnte mir seinen Namen nie merken und weil er Italiener war und sich sein Name sehr nach dieser Nudelsorte anhörte, wurde er einfach mal umgetauft. Diesen netten kleinen dicken Herrn hatten wir in „Exegese des Alten Testaments“. Eine der Vorlesungen auf die ich gut und gerne verzichtet habe weil ich es einfach nicht ertrug und weil die meisten Partys immer am Tag vor dieser Vorlesung stattfanden. Vormittags. Da musste ich schlafen. Versteht man doch. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Vorlesung dazu diente den lernwilligen Studenten total zu verwirren. Er erzählte uns von der Entstehung des besagten Buchteils und hüpfte in der Geschichte herum wie ein schizophrener Geschichtslehrer auf Speed. Meine Notizen die ich machte, wenn ich denn imstande war mitzuschreiben, waren eine sinnlose Aneinanderreihung von Jahreszahlen und krakeligen Informationen, die ich meist nicht mehr entziffern konnte. Einer seiner Lieblingsaussagen war, dass das aaaaaaaalte Testaaaaaaameeeeeeent seeeeeeeeeehr eeeeeeeerbaulich sei. Diesen Herrn durfte ich ganze vier Semester genießen. Er riet uns außerdem, dass wir nicht in seiner Vorlesung sitzen sollten, hätten wir die Bibel nicht gelesen. Dies sah ich als persönliche Aufforderung an, den Vorlesungen fern zu bleiben, denn ich hatte mich erst im vierten Semester zum Kauf einer solchen entschieden. Vorher empfand ich es als unnötig Geld für so einen alten Schinken auszugeben außerdem musste ich doch Käse, Brot und HappyHour-Cocktails kaufen. Da hatte man kein Geld für die Bibel.

Dann war da noch die Tante, die ich bei der ersten Vorlesung für die Putzfrau hielt. Sie lehrte uns die „Exegese des Neuen Testaments“. Diese bestand darin, dass wir uns alle eine Synopse kauften in der die ersten drei Evangelien zum exegetischen Vergleich bereit nebeneinander aufgelistet wurden. Unsere Aufgabe bestand darin die Parallelen und Unterschiede herauszufinden und diese farblich zu markieren. Wozu das Ganze gut sein sollte, bin ich mir nicht mehr ganz sicher. Ich glaube es ging immer darum, dass man erkennen sollte, welche Gemeinden hinter dem jeweiligen Evangelium standen. Oder so ähnlich. Das einzige woran ich mich noch erinnern kann ist, dass mich diese Professorin freundlichst darum bat, meinen Lutscher aus dem Mund zu nehmen, denn das würde sie stören. Ich saß in einem mittelgroßen Hörsaal mittig und leckte fröhlich an diesem runden Ding aus purem Zucker, ohne merkliche Geräusche zu erzeugen. Doch die Evangelien-Liesel störte das. Wir durften bei ihr auch nichts trinken oder essen. Von dem Zeitpunkt an konnte ich sie nicht leiden. Sie tat ja grade so als hätte ich mir eine dicke Line auf dem Tisch gezogen und sie geräuschvoll durch die Nase gezogen. Vielleicht machte sie das ganze auch nur geil und sie hatte Sorge, dass sie einen der Streberkerle in der ersten Reihe anspringt. Ehrlich gesagt will ich es gar nicht wissen.

Dann gab es noch das Partyseminar. So nannte ich es immer, denn es ging um kirchliche Feiertage. Deren Herkunft, wie man sie wo feiert, den ganzen Blödsinn eben. Der Dozent ein altersschwacher Mann bei dem ich jedes Mal die große Sorgen hatte, dass er genau JETZT tot umfällt und wir nicht wissen was wir tun sollen. Es war eines dieser Seminare in denen ich die Muse fand meinen Daheimgebliebenen Briefe zu schreiben. Wir mussten nichts machen außer ab und zu „Hier!“ zu sagen, wenn er unsere Namen aufrief.

Psychologie-Seminar war für mich so der Versuch aus dem katholisch verseuchtem Bereich auszubrechen und auch mal etwas zu lernen was mich wirklich interessierte. Es war wohl eins der nervigsten Seminare in dem ich je saß. Wir mussten einen Versuch durchführen. Es ging darum herauszufinden ab wann man einem Menschen hilft. Das Szenario sah vor, dass ein Student einen anderen um seine Unterlagen bittet. Einmal waren diese befreundet, dann kannten sie sich nur vom Sehen und im letzten Fall, war es ein total Fremder. Dann natürlich noch die Umstände, warum der liebe Student keine eigenen Notizen hatte. Einmal wegen Krankheit und der andere Grund war der Besuch des Freibads. Von meiner Gruppe wurde gerne als Alternative meine Person genannt. Mit der Begründung saufen gewesen zu sein. Man merkt, ich hatte meinen Ruf weg. Wir erstellten Fragebögen und machten die Erfahrung, dass Psychologie ein Fachbereich ist, der die Wortklauberei erfunden hat. Es gab eine ca. halbstündige Diskussion darüber, ob man bei dem Fragebogen den Befragten mit einem distanzierten „Sie“ oder einem freundlichen „Du“ ansprechen soll. Und so ging das jedes Mal.

Philosophie war auch so eine Nummer für sich. Mir tat der Professor leid. Nicht weil er körperliche Gebrechen hatte. Sondern weil er dazu verflucht war uns kleinen Minigeistern die Welt der Philosophie beizubringen. Er betonte gerne, dass er nicht so tief einsteigen könnte, weil er nicht von uns verlangen könnte, dass wir uns so sehr auf sein Fach konzentrieren. In meinen Ohren klang das wie folgt. „Ihr seid zu dumm. Ich hätte hier lieber einen Haufen RICHTIGER Philosophie-Studenten sitzen als so einen kleinen Möchtegernhaufen der denkt wenn er den Nagel liest, hätte er einen Ahnung von der philosophischen Welt. Ihr Trottel.“ Ich mochte ihn. Er gab mir eine 1,7 für meinen idiotischen Blödsinn den ich bei der Prüfung ablieferte. Meine beste Note im gesamten Studium. Ach mich kann man so leicht für sich gewinnen.

Meistens waren Vorlesungen eigentlich nur der Beweggrund um aus dem Haus zu gehen um dann schlussendlich in der WG-Küche bei Zenz zu landen um dort Kaffee zu trinken und enorm viel zu rauchen und Blödsinn zu reden. Sonst wäre ich ja nie aus dem Haus gekommen. Irgendwann saßen wir in den Vorlesungen und spielten Reise-Scrabble. Was sollten wir denn sonst tun? Dort entwickelte ich auch eine gewisse Sudoku-Sucht, die ich Gott sei Dank überwunden habe.

Uni ist schon was Schönes. Ja doch. Man lernt sehr viel. Zumindest über sich und seine absolute Bildungsverweigerung.

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3 Gedanken zu “Erbaulichkeit und Fellatio

  1. Ah ok, dieser Post hier war natürlich der erste und Einzige, den ich (bisher) gelesen hatte 😉 Danke für den Link.

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