Masse

Im Anprangern bin ich gut. Sobald sich mir die Chance bietet, werfe ich mit Verurteilungen um mich, als hätte ich meinen eigenen kleinen „kaufen Sie zehn und Sie erhalten zwölf Verurteilungen“-Stand auf dem Hamburger Fischmarkt. Besonders hier halte ich keine meiner verqueren Meinungen zurück. Weil es ein natürlicher Drang ist, denn ich verspüre. Ich will niemanden bekehren und zu einem besseren Menschen machen. Doch ich will verstehen. Während des Schreibens dazu lernen und erfahren, ob es nur mir so geht oder ob ich doch nicht allein bin mit meiner Meinung.

Und besonders heute könnte ich diesem Drang nachgehen. Denn
heute durfte ich wieder die Erfahrung machen, dass der Mensch eben nicht von Grund auf gut ist, sondern von vornherein darauf getrimmt ist, sich seine Vorteile zu beschaffen. Ich durfte heute wieder erleben, wie dem vermeintlich Guten die Maske vom Gesicht gefallen ist. Ich durfte einen kurzen Blick auf die Fratze werfen, die sich dahinter verbirgt. Stundenlang könnte ich darüber philosophieren wie verroht die Welt doch ist und wie gemein wir doch zueinander sind, nur um uns dadurch besser dastehen zu lassen.

Doch ich bin müde. Ich bin es leid. Ich habe den Zeitpunkt in meinem Leben erreicht, an dem ich nicht mehr gewillt bin, mich damit auseinanderzusetzen. An dem ich das Gefühl der totalen Leere empfinde obwohl es mich aufwühlen sollte. Wahrscheinlich ist dies nur ein kurzer Moment, der sich bald wieder in Luft auflöst, doch ich habe das Gefühl, dass er mich wohl mehr prägen wird, als jemals etwas zuvor. Denn es zeichnet sich langsam aber sicher ab, dass auch ich der absoluten Lethargie verfalle, die ich bei allen anderen anprangere.

Es ist nicht einmal mehr dieses „Ach leckt mich doch einfach alle am Arsch!“ dass ich sonst gerne voller Wut in eine imaginäre Masse in meinem Kopf brülle. Es ist nur noch dieses „Bitte lasst mich doch einfach in Ruhe mit eurem Menschsein. Mit euren Belangen und Bösartigkeiten. Lasst mich bitte, bitte in Ruhe.“ Ein Flehen darum, dass ich nicht mehr mit Dingen
konfrontiert werden möchte, die mich aufwühlen könnten, wenn ich noch dazu in der Lage wäre. Ich konnte es nie verstehen, wenn Menschen ab einem gewissen Alter anfingen, es einfach über sich ergehen zu lassen. Dieses Leben. Und scheinbar habe ich jetzt genau dieses Alter erreicht. Ich bin an dem Punkt angelangt, an dem mir die Kraft fehlt mich darüber aufzuregen, dass mir freiweg ins Gesicht gelogen wird. Ich habe keine Energie mehr, mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Mir fehlt das Interesse an meinem eigenen Dasein scheinbar so sehr, sodass ich es einfach geschehen lasse. Abwarte und hoffe, dass es schnell vorbei ist, damit ich mir zum tausendsten Mal „Fight Club“ ansehen kann. Und wahrscheinlich ist genau heute der Tag an dem mich dieser Film kein bisschen fesseln wird, so wie er es die 999mal vorher getan hat. Weil ich die Botschaft an mir vorbeirauschen lassen werde. Denn dieses Mal würde ich ihn nur sehen, um die Zeit zu überbrücken, bis ich doch endlich mal schlafen kann. Mit offenen Augen schlafe ich heute schon den ganzen Tag. Doch endlich auch physisch die Augen schließen und sich selbst einsperren, den Schlüssel wegwerfen und sich dann auch noch wohlfühlen in dem selbstgewählten Gefängnis.

Ich habe Kopfschmerzen. So beginnt es wohl. Dieses Sterben des Kampfgeistes. Denn er versucht sich noch zu wehren. Prügelt auf die
Gehirnwindungen ein, bis ihm die Fäuste bluten. Doch wozu gibt es Tabletten die den Kampfgeist auf stumm zu schalten?!

Ich werde mich jetzt einhüllen in absolute Lethargie mir gegenüber. Das „Es ist mir egal“ wird sich dazu gesellen und wir werden uns anschweigen. Denn wir haben uns nichts zu sagen.

Vielleicht ist es morgen vorbei. Oder vielleicht hat er genau jetzt angefangen. Der Prozess des Massewerdens.

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4 Gedanken zu “Masse

  1. Wenn man nie Masse war, wird man auch nie Masse werden können. Zumindest nicht auf dauer. Auch wenn man noch so lethagisch wird kommt irgendwann wieder der Punkt an dem man irgendwas anzünden möchte.

    …War nur Spass liebes BKA

  2. Hm viel ist es aber auch das man sich wirklich darein fallen lässt und sich in dieser letagie sult. Wenn man dagegen Kämpft kommt man auch schnell dahinter wie sch**sse es eigentlich ist.

  3. Ach, seufz. Menschen sind anstrengend. Wenn man nur wollte, könnte man sich den ganzen Tag darüber aufregen, warum manch einer sich so konsequent vermehren darf. Nützt aber alles nix. Also Kopf hoch, Frau Bodensatz 😉 Solange Sie noch so denken, ist das nix mit Masse werden.

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