Drum prüfe wer sich ewig bildet

Da ich vor einigen Tagen meine hoffentlich letzte schriftliche Prüfung meines Lebens hinter mich gebracht habe, lasse ich hiermit alle meine bisherigen Prüfungen Revue passieren. Weil man das so macht, wenn man etwas zum letzten Mal macht.

Meine allererste Prüfung an die ich mich vage erinnern kann, war die Fahrradprüfung. Macht man das heute noch? Man fährt mit einem übermotivierten Polizisten auf so ein Mini-Abbild des Straßenverkehrs und radelt und fuchtelt mit dem jeweiligen Arm wild durch die Gegend bevor man abbiegt. Die einzige Erinnerung die ich daran habe ist, dass alle einen Ehrenwimpel bekamen, den sie stolz hinten an ihr Rad bastelten. An meinem rosa Pegasus war keiner. Weil ich wohl die einzige war, die keinen bekam. Dieses komische Seepferdchen hab ich übrigens auch nie gemacht. War mir aber auch egal. Wieso sollte ich an meinen super Olympiade-Badeanzug vom Quelle-Katalog ein hässliches Seepferdchen nähen lassen. Sah ich gar nicht ein.

Die nächste Prüfung an die ich mich erinnern kann, war die Mittlere Reife. Wieso solch ein Wissensabfrage-Marathon was mit Reife zu tun haben soll, frage ich mich noch heute. Da ich in einer reinen Mädchenklasse war, war das Gegacker vor der jeweiligen Prüfung natürlich groß. Wie ich sie hasste, diese hysterischen Weiber. Als wäre eine Horde nackter Männer mit Riesenpenissen in eine Umkleide voller halbnackter Cheerleader gerannt. So führten sie sich auf. Hyperventilierten, stopften sich Dextroenergen in die Labelloverschmierten Mäuler und waren zu nichts zu gebrauchen. Schnell wurde noch mal alles was man in den letzten Wochen gelernt hatte eilig runtergerattert und verglichen. Wohl zur Bestätigung, dass sie doch besser gelernt haben, als die restlichen Weiber. Ich saß meist abseits und murmelte vor mich hin. „Haltet die Klappe, haltet die Klappe, haltet gottverfickt noch einmal die Klappe.“ In den vielen Schuljahren davor kristallisierte sich eins meiner Talente heraus. Immer früher fertig zu sein als alle anderen. Als ich das die ersten Male entdeckt hatte, hatte ich immer die Sorge ich würde die Light-Version der Schulaufgaben erhalten. Als ich dann aber immer brav mit meiner Banknachbarin verglich, wurde diese Sorge Gott sei Dank nicht bestätigt. Ein Grund dafür, warum die alle so langsam waren, war wohl, dass sie ihre Buchstaben MALTEN. Ich schrieb, sie zeichneten kleine Kunstwerke mit Häkchen und Bögen und Kringeln. Kein Wunder, dass denen nach so einer Deutschschulaufgabe der Arm halb abfiel. Was bei mir an Ästhetik fehlte machte ich mit Quantität wieder wett. In der Deutsch-Abschlussprüfung schaffte ich es, meine Argumentationen auf genau drei Bögen niederzuschreiben. Drei Bögen a vier Seiten. Und ich war trotzdem schneller fertig als die anderen und glotzte die letzte halbe Stunde dumm in der Gegend rum weil mich die Pisser nicht gehen lassen wollten. Ich könne mir ja noch mal alles durchlesen. Als hätte ich das nicht schon vorher zweimal gemacht. Mit Müh und Not schaffte ich es in Rechnungswesen, einem der Kernfächer meines Zweiges, oder besser gesagt, DAS Kernfach, eine fünf zu schreiben. Und das machte mich auch noch glücklich. Also kann man sich vorstellen wie gut ich in diesem Fach sonst so war.

Dann kam die FOS. Die erste Prüfungsprozedur die ich dort über mich ergehen lies, war super. Ich hatte den Plan eine Extrarunde zu drehen und war also nicht gewillt zu lernen. Während also meine Klassenkameraden in den Pfingstferien damit beschäftigt waren, sich Pädagogik-Definitionen und Kurvendiskussionen ins Kleinhirn zu prügeln, hatte ich Spaß. Zu jeder der vier Prüfungstage nahm ich mir in weiser Voraussicht ein Buch mit. Sollte ich Langeweile haben und keine Lust mehr haben meinem Vordermann auf den Hinterkopf zu starren. Ich schaffte es „Interview mit einem Vampir“ fertig zu lesen. Und wenn man durchfallen will, das ist eine große Kunst. Ich schaffte es nur ganz knapp mit einer grandiosen fünf in Mathematik die Sache mit dem Versagen. Ich wollte ja keine leeren Blätter abgeben und so kritzelte ich halt das drauf, was mir so einfiel. Es hätte fast gereicht mein Halbwissen. Jöckl, meine damalige Busenfreundin auf der FOS wollte nicht durchfallen. Tja, leider schaffte sie das dann doch. Fand ich persönlich eigentlich ganz gut, weil so kannte ich wenigstens jemanden in der neuen Zwölften. Natürlich habe ich dann nach der letzten Prüfung wüst mitgefeiert. Ich erinnere mich nicht mehr an viel. Beginn des Saufens zwei Uhr nachmittags. Ende ca. zwei Uhr Morgens. Ein alter Mann der uns anmotzte weil unsere leeren Flaschen am Inn rumlagen. Ich teilte ihm mit, dass wir hier ABM machen. Denn dank uns, hätten die Müllaufsammler der Stadt Passau wenigstens etwas zu tun. Ich erinnere mich an den Kerl, der ein Korn-Shirt trug und in den ich mich kurz verknallte. Ich glaub ich hab ihm das sogar gesagt. Hat ihn aber nicht interessiert.

Das zweite Mal Fachabiprüfung hatte ich natürlich gelernt. Und ich schaffte etwas, was ich nie für möglich hielt. Ich schrieb in der Mathematik-Prüfung eine drei. Ich! Der Mathedepp vor dem Herrn. Und hätte ich mich ein bisschen mehr mit Urnen und Wahrscheinlichkeiten beschäftigt, ja Mist, dann wäre es wahrscheinlich sogar eine zwei geworden. Heureka! Die Feiere am letzten Prüfungstag fiel softer aus, weil wir uns alle nicht leiden konnten. Jöckl und ich verbrannten Pädagogikunterlagen. Ist gar nicht so befreiend wie man sich das immer vorstellt. Ziemlich langweilig sogar.

Und dann gab es da noch das Studium. Jedes Semesterende ein paar nette kleine Prüfungen und dann im vierten Semester Hardcore-Lernsession. Dies bedeutete plötzliche Erschlankung weil ich nur mit rauchen, lernen, Bitterschokolade fressen und rauchen beschäftigt war. Ab und an heulte ich auch einfach. Meistens total grundlos. Saß in meiner Wohnung vor dem Spiegel und flennte. Fand ich sehr angebracht zu dem Zeitpunkt. Und natürlich schaffte ich es dort, in DEM Fach durchzufallen das so die Basis des Studiums ausmacht. Religionspädagogik. Jeden anderen Bockmist habe ich bestanden. War ja klar. Um sich mal ein Bild davon zu machen, welchen Blödsinn ich doch wirklich geschafft habe, hier die Auflistung der Fächer die wir hatten.

Altes Testament
Neues Testament
Philosophie
Fundamentaltheologie
Dogmatik
Religionspädagogik
Religionspädagogik im Bereich Heilpädagogik
Gemeindepastoral/Kirchliche Bildungsarbeit
Jugend-/Schulpastoral
Soziologie
Pastorale Gesprächsführung
Rechtskunde

Bei manchen erinnere ich mich nicht einmal mehr, was wir denn da gemacht haben. Ich weiß, dass ich die ersten hundert Seiten von „Die wahre Religion“ von Aurelius Augustinus gelesen habe. Weil wir in Philosophie ein Werk unserer Wahl interpretieren mussten. Wir sollten uns dann hundert Seiten aus dem Buch aussuchen und über die was schreiben. In der Prüfung tauchte dann die Frage auf, warum ich gerade die hundert Seiten wählte. Ich war kurzzeitig versucht zu schreiben „Weil ich keine Lust hatte den Schnodder weiter zu lesen.“ Fand ich aber dann doch ziemlich unangebracht. Und in Religionspädagogik erinnere ich mich auch nur noch an den Dozenten der uns immer wieder selbstgemalte Bilder von Kindern an die Wand projizierte und irgendwas von dem kindlichen Gottesbild schwafelte. Ich hörte ihm ja meistens nicht zu. Hatten ja nette Literaturvorgaben von ihm gekriegt. Wer braucht da noch ein Skript. Bestanden habe ich den Mist dann beim zweiten Anlauf auch nur, dank meiner lieben Banknachbarin. Danke für deine deutliche Schrift, für das unauffällige Platzieren deiner Aufzeichnungen neben dir damit ich alles gewissenhaft abschreiben konnte. Sonst hätte ich wahrscheinlich noch mal verkackt. Hatte das halbe Jahr einfach besseres zu tun. Vögeln, saufen und ja, das war’s.

Dann gab es da noch die Zwischenprüfung. Eine der sinnlosesten Veranstaltungen, die meine Ausbildung mit sich brachte. Man stelle sich folgende Situation vor. Die ganzen Kellerkinder werden für ein paar Stunden in einen großen Raum gepfercht, müssen dann eine Prüfung schreiben die, man halte sich fest, nicht gezählt wird. Man schreibt also alles was man meint zu wissen auf diesen Bogen vor einem und hat rein gar nichts davon. Und trotzdem legen die Chefs auf diese Prüfung ganz viel Wert, sodass man nicht einfach sagen kann, leckt mich am Arsch, diese Farce mache ich nicht mit. Und dann gibt es natürlich auch diese Kandidaten, die vor so einem Mist aufgeregt sind. Kinder, Kinder. Nervös horten sie sich um den Aschenbecher und brummeln das OSI-Modell vor sich hin.

Tja und vor zwei Tagen die letzte Prüfung. Drei Prüfungen insgesamt. Dauer der Party insgesamt vier Stunden. Die erste Prüfung schon mal schön verkackt. Da geht man doch gleich viel gelassener in die restlichen zwei weil man weiß, dass es nicht schlimmer werden kann. Nach der zweiten Prüfung spürte ich mein Genick nicht mehr und konnte nicht mehr geradeaus kucken. Sowieso war plötzlich alles verschwommen. Als wir fertig waren freuten sich die ganzen Kinder wie frisch polierte fünfzig Cent-Stücke. Ich weiß auch nicht warum. Nur weil es rum ist, heißt es doch nicht, dass es wirklich vorbei ist. Vielleicht darf man in einem halben Jahr noch mal antraben. Einen Vorteil hätte das Ganze dann zumindest. Ich hätte für ein halbes Jahr einen sicheren Job. Aber jeden Tag den Blick des Chefs der einem sagt „Du alte Versagersau, los, geh dich erhängen!“ ist wohl auch nicht grade das, was man sich wünscht. Eine Prüfung wartet noch auf mich. Die Mündliche. Dort darf ich mein Projekt vorstellen von dem ich keinen blassen Dunst habe. Aber hey, immer schön optimistisch bleiben.

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