highway to heaven

Nochmal kurz zur Erinnerung. Wir befinden uns rein geographisch in Eichstätt, einem kleinen verschlafenen, erzkatholischen, langweiligen Nest in der Nähe von Ingolstadt. Dort verbrachte ich ganze zwei Jahre und frage mich zum Teil noch heute, warum ich mich nicht einfach auf die Gleise der Bimmelbahn geworfen habe.

Ach ja, Bimmelbahn. Als ich das erste Mal nach Eichstätt fuhr, so ganz alleine mit Panik, dass ich diese störrischen Türen am Zug nicht aufkriege (ja, ich bin ein komisches Mädchen. Ich bin die, die immer da aussteigt wo mindestens noch ein Mensch aussteigt, weil es bei den alten Waggons nicht diese lustigen Druckknöpfe gibt, sondern bei denen muss man so einen Bügel nach rechts oder links drücken. Ich weiß bis heute noch nicht in welche Richtung und ich kann es einfach nicht.)…. Faden verloren. Achja… Bahnfahrt alleine nach Eichstätt. Nach der ersten Zugfahrt dorthin hatte ich scheinbar verdrängt, dass Eichstätt, vielleicht um die Pilgerstürme besser unter Kontrolle zu haben, gleich zwei Bahnhöfe besitzt. Der eine nennt sich „Eichstätt Bahnhof“. Als Unwissender steigt man aus und denkt sich „DA!“. Ganze zwei Gleise gibt es dort, aber einen Getränkeautomaten. Jetzt sucht man aber vergebens dieses Eichstätt. Wo versteckt sich dieses kleine Städtchen denn nur? Man will ihm ja nichts Böses. Als Eingeweihter und Mensch der fähig ist, seine kleinen Abfahrtszeiten auf dem Thermodrucksuperbiopapier der DB lesen zu können weiß man, dass man dort nur UMSTEIGT. Man steigt also am „Eichstätt Bahnhof“ aus, wo weit und breit noch kein Eichstätt zu erkennen ist und steigt dann in eine nette kleine Bimmelbahn, die einen dann nach „Eichstätt Stadt“ fährt. Man hat ein bisschen das Gefühl man befände sich in einer zu groß geratenen S-Bahn. Viele Haltestellen befinden sich dazwischen. Germering und wie sie nicht alle heißen diese kleinen Dörfers. Der Bahnhof „Eichstätt Stadt“ genau so ernüchternd wie der Bahnhof-Bahnhof. Aber ein Getränkeautomat. Und hab ich schon erwähnt, dass Eichstätt einen Mc Donalds hat? Ist ja wohl das heutige Eichmaß der Zivilisation. Sonst haben sie nix, außer Kirchen aber einen
Fetttempel. Es verwundert mich, dass ich nicht an einer Herzverfettung verstarb, da sich dieser Würgkotz in unmittelbarer Nähe zu meinem Wohnklo befand. Vielleicht weil die nicht meine Pfandflaschen als Gegenleistung gelten ließen, mit denen ich bei Lidl gegenüber zahlte. (Liebe Teenies, das war noch vor der Zeit als es diese Styloautomaten gab. Da zählte die nette Kassieren deine Mitbringsel in einen überdimensionalen Müllbeutel, in dem man den Jahresmüll einer fünfköpfigen Familie verstauen könnte.)

Diese beiden Dinge waren übrigens die einzigen „Institutionen“ die in meinem direkten Umfeld waren. Wir erinnern uns noch mal daran, dass Eichstätt ein kleines Kaff ist. Ich glaube sogar die haben mehr Kirchen als Supermärkte. Die haben ja sogar einen Dom. Sonst haben die nichts. Außer zwei Schlecker. Auf dem wurde ein „AR“ auf eins der Fensterfoliendinger gezeichnet. Ich fand es immer wieder witzig wenn ich dran vorbei lief. Ich bin halt einfach gestrickt. Alles weitere was ich erreichen musste befand sich mindestens 20 Gehminuten entfernt. Das war dann der Bahnhof. Zur Uni dann noch mal 10 Minuten. Kein Wunder, dass ich so oft Vorlesungen schwänzte. Das muss man jetzt schon mal verstehen. Dafür machte ich mich des Nächtens auf den Weg zu einem Freund weil er mich blutend und fast weinend darum bat ihm seinen Abwasch fertig zu machen. Er lockte mit Wein und Essen. Was sollte ich bitte tun?

Und nicht nur, dass ich das teuerste Wohnklo hatte, das stank als wären tausend Marder in den Abwasserrohren verendet. Nein, das lag nicht an mir. Da roch es so als ich einzog, da dachte ich noch der Vormieter hätte halt einfach einen schrägen Eigengeruch, und es roch dort so, als ich auszog. Also muss es die Wohnung gewesen sein. Nein, natürlich hatte ich es auch geschafft dort zu wohnen, wo die liebe kleine Bimmelbahn im regelmäßigen Zyklus hin und her fuhr. Ich wusste schon immer wann sie kam, diese Bahn, denn sobald ich ein Fenster geöffnet hatte, gab es dieses nette Summen der Schienen, die mich darauf hinwiesen, dass ich jetzt die Chance hätte mich in Slowmotion zu Matsch quetschen zu lassen. Trotz der geringen Entfernung zu den Gleisen habe ich es nie gewagt, mich mal kurz probeweise drauf zu legen. Denn dann hätte ich wahrscheinlich noch den Müll mit runter nehmen müssen, weil ich ja dann direkt an den Mülltonnen vorbei gelaufen wäre.

Und weil das nicht reicht war mein Nachbar links von mir, ein Profi-Taktmacher. Er saß wohl stundenlang mit Musik auf den Ohren, ich wagte es nie rüber zusehen aus Angst er könnte vielleicht nackt sein, auf dem Balkon und trappelte den Beat der Musik mit. Mit seinem Fuß. Stundenlang. Ständig. Immer. Andauernd. Damals gab es ja noch so Sommer mit schwitzen und so. Deshalb musste ich die Balkontür weit öffnen um nicht in meinem eigenen Schweiß zu ertrinken. Und er trommelte. Immer ein und denselben Takt. Ich versuchte es kurzzeitig mit Gegenprogramm. SOIL auf laut. Es hat ihn nicht gestört. Er trommelte weiter. Der Nachbar rechts von mir war eher ein stiller Genosse. Naja, außer am Wochenende wo ich offiziell ausschlafen durfte. Dort bohrte er. Er bohrte die ganzen zwei Jahre. Ich hatte kurzzeitig die Theorie, der wolle sein Wohnklo vergrößern und irgendwann bricht die Wand zwischen uns einfach durch, weil er mühevollst mit einem kleinen Akkubohrer an der Wand herumdoktert. Bei kleinen Anfällen totaler Paranoia suchte ich die Wände nach kleinen Gucklöchern ab. Zu Gesicht bekam ich den Herren nie.

Dafür die Zeugen Jehovas. Die hatten es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht, alle Studenten die dort lebten, zu bekehren. Die beiden Weibchen, die mich nach einem Gespräch regelmäßig besuchten und mir nette Literatur zum wegwerfen schenkten waren so meine einzigen neugewonnen Freunde unter den Einwohnern von Eichstätt. Sie freuten sich immer wie kleine Kinder, wenn ich ihnen die Tür aufmachte und ihnen interessiert zuhörte wie sie mir Bibelverse um die Ohren pfefferten. Einmal bedankten sie sich sogar, dass ich die einzige sei, die ihnen nicht sofort die Nase vor der Tür zuschlägt. Einer der Gründe war aber einfach, dass ich keinen Türspion besaß und so beim Fenster neben der Tür rauslugen hätte müssen um zu sehen, wer das denn ist. Dies hätte bedeutet ich hätte den Vorhang lüften müssen was sofort signalisiert hätte, dass da wer zu Hause ist. Ein Teufelskreis. Und weil ich nun mal ein höflicher Mensch bin, hörte ich mir alles brav an, bedankte mich dafür, dass sie meine arme katholische Seele retten wollen und wünschte ihnen noch viel Spaß auf ihrer Mission. Einmal hatten sie sogar einen knackigen jungen Kerl dabei der sich krampfhaft an einer Bibel festhielt. Sex sells! Auch bei den Zeugen. Leider bot ich zu dem Zeitpunkt einen widerlichen Anblick, sodass ich ihm meine Paarungsbereitschaft nicht glaubwürdig genug unterbreiten konnte. Ich wette der hätte das Ave Maria gesungen wenn er gekommen wäre. Und ich hätte ihn ausgelacht. So lebte es sich also ich Eichstätt. Ob die Zeugen da immer noch rumlaufen und ob sie sich noch erzählen von dem netten Mädchen mit den schwarzen Haaren, das ihnen höflich die Tür öffnete?

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