Vera

Wie eigenartig der Mensch doch ist. Es gibt so Dinge, die macht er. Immer wieder. Die einen öfter, die anderen eher seltener. Und dann ist einmal dieser Moment, an dem er sich an etwas erinnert. An irgendwas aus diesem Damals. Einer dieser Momente, wo er diesen leeren Blick kriegt und man meint man könne ihm beim Hohlrausausen zuhören. Doch hinter diesem Blick läuft Vergangenheitskino. Erinnerungsfetzen werden einem da ins Gehirn projiziert und das alles nur, weil man etwas getan hat, was man vorher schon wohl zigtausend Mal gemacht hat. Warum das so ist, weiß ich nicht. Kann man alles sicher total wissenschaftlich erklären mit Synapsenschaltungen im Kleinhirn die sich dann… egal.

Dank Brummsel, dem Superheldenkäfer, der durch Glasscheiben fliegen kann, wurde ich gestern wieder einmal ins Kopfkino eingeladen und sah mir einen ziemlich alten Schinken an. Eine der Zeiten in meinem Leben, an die ich lange nicht mehr gedacht hatte. Brummsel weckte mich zum dritten Mal und ich hatte plötzlich das Bedürfnis mir ein Glas Milch zu holen. Was sollte einem auch sonst einfallen um drei Uhr Morgens. Und als ich so auf meinem Bett saß, mir das Kuhwasser schmecken ließ, erinnerte mich dieser Geschmack an meinen ersten Kuss. Es war kein Kuss im klassischen Sinne mit Zunge in den Hals und Augen zu und dem Versuch doch mal kurz da hinzufummeln, wo man sonst nicht hinfummeln darf, wenn man nicht gerade tief mit der Zunge im Hals eines Anderen steckt. Es war dieser erste bewusste Kuss von kleinen Kindern. Dieses die Lippen fest aufeinander pressen, so wie man es in den Filmen sieht. Ohne verliebt zu sein.

Mein erster Kuss war mit Vera. Wir gingen in eine Klasse. Sie lebte auf einem der größten Bauernhöfe bei uns in der Umgebung mit Unmengen von Kühen und kleinen Kätzchen. Vera konnte wunderschöne Bilder malen. Nicht wie wir alle anderen kleinen Dreckspatzen, die total unkoordiniert im Malkasten herumfuhrwerkten. Vera hatte schon in der Grundschule dieses Talent. Dafür beneidete ich sie ein bisschen. Sie war auch eins dieser Kinder, das man mögen musste. Egal wie tief der Menschenhass in einem war, wäre man auf diese kleine Vera getroffen, man hätte sie nicht nicht mögen können. Sie hatte dunkle braune Augen, mittellange braune Haare und immer dieses Lächeln im Gesicht, dass man nur von wirklich glücklichen Kindern kennt. Ich durfte sie besuchen. Wir spielten in ihrem Zimmer Chef und Sekretärin. So wie wir uns das in unserem kindlichen Gemüt vorstellten. Natürlich war der Chef unsterblich in die schicke Tippse verliebt. Und wenn man verliebt ist, dann muss man sich doch auch küssen. Ich kann mich nicht mehr genau an diesen Kleinkinderkuss erinnern. Aber ich weiß noch, dass sie nach Milch schmeckte. Als würde man seine Lippen vorsichtig auf die Oberfläche einer Milchpfütze drücken. Und nachdem ich mich an diesen Geschmack erinnerte, den ersten bewussten Kuss meines Lebens, erinnerte ich mich auch daran, dass Vera schon lange tot ist.

Schon insgesamt zwei Menschen, mit denen ich eine Schule besucht habe, wurden beerdigt. Die eine starb vor ein paar Jahren bei einem Autounfall. Ich war auf ihrer Beerdigung auch wenn ich nichts mehr mit ihr zu tun hatte und auch zu Realschulzeiten keinen Bezug zu ihr hatte. Eine Freundin meinte, man müsse dort hin. Wegen dem Anstand. Weil man das nun mal so macht. Ich war in der Kirche, die überfüllt war. Ich musste nicht mitweinen. Keine Solidaritätstränen purzelten aus meinen Augen, weil ich eine zu große Distanz dazu hatte. Als sich die Massen dann um das Grab horteten und ihre Familie mitleidig anstarrte, wartete ich am Auto und rauchte. Weil ich es nicht ertrug weiter so zu tun als würde es mich etwas angehen. Als könnte ich durch meine pure Anwesenheit den Schmerz mindern.

Und dann eben Vera. Bei Vera wurde irgendwann, als sie etwa in der fünften Klasse war, ein Gehirntumor festgestellt. Sie hatte schon in der Grundschule oft Kopfweh. Aber sie war so ein zartes Kind, man schob es auf die Sonne, den Wetterumschwung oder einfach nur auf den kleinen kreativen Kopf, der so viele Ideen verarbeiten musste, sodass er müde wurde. Dass sie krank war, erfuhr ich aus zweiter Hand weil ich zu dem Zeitpunkt in ein anderes Dorf gezogen war. Für Kinder ist das oft wie die Reise in ein fernes Land. Meine Mutter informierte sich immer wieder darüber, ob es ihr schon besser ginge. Ob sie ihr diesen Tumor denn entfernen konnten. Wie viele Operationen sie hinter sich hatte, weiß ich nicht. Ich weiß nur noch, dass mir ihre damalige beste Freundin erzählte, dass sie zu Hause gestorben ist. Die Fenster abgedunkelt, weil jeder Sonnenstrahl unmenschliche Schmerzen bei ihr auslösten. Sie soll zu ihrer Mutter gesagt haben, dass sie sich keine Sorgen machen solle. Sie käme in den Himmel und würde auf sie aufpassen. Ein Bild springt mir in den Kopf, wie dieses Kind, noch zierlicher als je zuvor, durch die Krankheit gezeichnet, ohne Haare auf dem Kopf, immer noch mit diesen dunkelbraunen Augen, ihre Mutter ansieht. Wahrscheinlich immer noch mit diesem unvergleichlichen Lächeln und ihr Mut zuspricht. Sie soll nicht gelitten haben. Als sie starb. Auch dort war ich auf der Beerdigung. Ich war überfordert. Diese vielen weinenden Menschen. Viele bunte Blumen, ich glaube ich habe noch nie ein solch buntes Grab gesehen. Sie war elf oder zwölf Jahre alt, als sie starb.

Und an all das erinnerte mich, als ich gestern dieses Glas Milch trank. Etwas, was ich vorher schon zigmal machte und wohl noch tausendmal machen werde. Es erinnerte mich an den ersten Kuss. An Vera und ihr Lächeln das nach Milch schmeckte.

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