Futtern wie bei Muttern Maria

„Haha, die Prollschlampe Barbara hat mal Theologie studiert! Hihihi!“ „Religionspädagogik du Spast und jetzt fick dich und fahr zur Hölle.“

Wenn ich erzähle, was ich fünf Semester lang studiert habe, ernte ich immer wieder dieses WTF-Gesicht. Ihr kennt es alle. Diese plötzlich hervorstechenden Augen vielleicht noch gepaart mit einem weit geöffneten Mund. Dann dicht gefolgt von Gelächter. So. Und damit ihr alle noch mal schon dieses WTF-Gesicht machen könnt, ich sehe es ja nicht, also interessiert es mich nicht.

Ich habe fünf Semester lang katholische Religionspädagogik an der KU Eichstätt studiert. Ich habe erfolgreich das Vordiplom erhalten und
könnte, wenn ich mich denn bei der katholischen Kirche einschleimen würde, dieses Studium beenden und dann als Obertrottel neben dem Pfarrer arbeiten. So diese komische arme Sau, die immer die Fürbitten für die Kleinen auseinanderschnippelt.

Zu dem Studium kam ich natürlich wie die Jungfrau zum Kind. Wie sollte es anders sein. Ein Freund rief mich an, der früher als kleiner Junge schon den Wunsch hegte, Pfarrer zu werden, er würde am nächsten Tag nach Eichstätt fahren und sich einschreiben. Für dieses Studienfach weil es bei ihm aus purer Faulheit auch nur zu einem mittelprächtigen Fachabitur gereicht hatte. Vor Ewigkeiten hatte ich an einem der sagenumwobenen Wodka-Cola-Abenden verlauten lassen, sollte ich immer noch ziellos herumirren, wenn er seinen Abschluss macht, würde ich das selbe studieren wie er. Da ich nichts Besseres zu tun hatte und ich mir mal Gedanken um die Zukunft machen sollte fuhr ich mit. Schon bei der Einschreibung verliebte ich mich unsterblich. Nicht in die Stadt. Eichstätt. Ein Kaff. Klein und erzkatholisch. Punkt. Was mich verliebt machte, war der Typ, der sich auch einschrieb. Er hatte Tattoos, einen Tunnel im Ohr und diesen obercoolen Baggystyle bei dem man immer weiß, ob der Herr auch brav jeden Tag ne frische Unterhose anzieht. Leider konnte ich die zwei Jahre vor Ort auf keine Gegenliebe stoßen. Ich füllte also Formulare aus und war plötzlich ordentlich Studierende. Was auch immer das heißen mag. Ich hätte natürlich auch in München studieren können aber München, so teuer, kann sich doch kein Mensch leisten. Ich schaffte es trotzdem, mir wohl das teuerste Einzimmerwohnklo von ganz Eichstätt zu mieten. Weil musste ja dann alles sehr schnell gehen und da nimmt man dann einfach mal das Erstbeste was einem angeboten wird.

Zusammengefasst war es eine eher schräge Zeit. Schon der erste Tag, den ich total versoffen wegen vorangegangener dreitägiger Abschiedsfeiere mit Null Stunden Schlaf, über mich ergehen ließ, war eine Nummer für sich. Ich lernte Zenz kennen, die uns als erstes erzählte, dass sie in einer WG mit sechs Anderen leben würde und einer davon sei Marokkaner. Beeindruckte mich eher weniger, was aber vielleicht auch daran lag, dass ich nur schlafen wollte. Es hieß sich in die ersten Seminare einzuschreiben. Ich schickte den Kumpel rum und mir war egal wo er mich eintrug, Hauptsache ich hatte Seminare in denen ich meine verdammten Scheine ersitzen konnte. Naja, das erste Seminar, das eine Aktion von eineinhalb Tagen war, hab ich schon mal schön in den Sand gesetzt, weil ich am zweiten Tag, aufgrund von übermäßigem Alkoholkonsum freiweg verpennte. Aber am ersten Tag habe ich mir schon den Rebellenstatus aufs Hirn malen lassen. Gut gemacht. Der Dozent las einen Text vor, in dem Katholikenjünger davon sprachen, wie wichtig es ihnen doch sei, dass es die evangelische Kirche gibt mit diesem arroganten Unterton der deutlich mitteilte, dass sie sich trotzdem geiler finden. Als er unsere Meinung wissen wollte meldete ich mich tapfer und quasselte irgendwas von „Gehirnwäsche“. Sein Kommentar war dann: „Wenn das schon eine von UNS so sieht.“ Bis zum Ende des Studiums wusste ich nie genau was er mit diesem UNS meinte.

Man sollte vielleicht auch noch kurz erwähnen, dass unser Kurs der erste Kurs war, der einen solchen Andrang hatte. Wir teilten uns auf. Es gab die, die das Studium wirklich durchziehen wollten und dann die Trittbrettfahrer, die auf diesem Umweg ohne richtiges Abi Lehramt studieren wollten. Ich reihe mich einfach mal bei den Trittbrettfahrern ein. Diese Trennung war auch gut in Vorlesungen erkennbar. Es gab so diese Erstereihesitzer. Das waren natürlich die, die das Studium sehr ernst nahmen und auch brav Gottesdienste besuchten. Weil sie das alles aus einer tiefen Überzeugung heraus machten. Wir hatten sogar eine dabei, die wollte danach Nonne werden. So schauts aus. Gut in der ersten Reihe saß auch eine die hieß Fick (hihi, Fick!) aber der Name war dort wohl nicht Programm. Ich saß so im Mittelfeld. Immer schön mit etwas Anderem beschäftigt und ab und zu wäre ich auch beinah eingeschlafen.

Gottesdienste waren sowieso eine wichtige Angelegenheit. Die Relpäd-Jünger hatten so ein lustiges Sektenhaus in dem sie sich trafen, in dem Seminare abgehalten wurden und in dem man Vesper feierte. Ich glaub das Ding nannte sich KHG und man konnte da auch hingehen, sollte man irgendwelche Sorgen haben. Ich spielte oft mit dem Gedanken dort hinzulaufen und denen vorzuheulen ich hätte mir einen Tripper eingefangen. Nur um zu sehen, wie die Köpfe kurz vorm Platzen sind weil ich zur Tripperisierung ja Sex haben müsste und pfui, Sex, örgs. Igittigittigittigitt! Ab und zu ging ich mit zu dieser Vesper. Es gab einer dieser trendy Jugendgottesdienste wo auch mal aus so nem fancy Gesangsbuch gesungen wurde und ab und zu wurde auch mal auf einem Keyboard statt einer Orgel geklimpert. Mit Beat. Ja, dieses komische kleine Häuslein hatte eine Orgel. Der wahre Grund warum ich da hinging war natürlich das Essen. Da ich sowieso nie Geld hatte weil das für Happy Hours, Kippen und Bröselkaffee drauf ging, fand ich es ganz nett, dass ich mich auf Kosten anderer voll fressen konnte. Die Gottesdienste saß ich halt ab und lauschte brav. Stand auf aber kniete mich nie hin, wie all die andren Katholikenkinder. Ich saß stur auf meinem Platz und kuckte mir die andächtigen Gesichter an. Auch das Glaubensbekenntnis brabbelte ich immer nur zu einem gefühlten Zwölftel mit. Ich wollte ja nicht lügen und das während Gott gerade auf uns herabsieht. Die Hostie holte ich mir auch nie ab. Macht ziemlich einsam so ein Dasein als Mensch mit Prinzipien. Ich war der Überzeugung, dass ich nicht das Recht habe geschmacklose Oblatten in mich zu stopfen ohne wirklich daran zu glauben, dass diese Aktion jetzt einen besseren Menschen aus mir macht. Natürlich wurde ich jedes Mal schief angekuckt, wenn ich sitzen blieb. Aber da ich ja den Rebellstempel auf der Stirn hatte, durfte ich das. Einmal wurde der gesamte Kurs zu einem Gottesdienst bei dem Mönchen eingeladen. Ich wollte eigentlich nicht hingehen aber dann erfuhren wir, dass das Essen dort immer super sein sollte. Und wenn es um Futter geht… ihr wisst Bescheid. Wir also da hingepilgert, es war eiskalt. Drinnen in dieser Kirche noch kälter als draußen. Ich fror, hatte Hunger und spielte mit dem Gedanken meinen Discman auszupacken um mich von Innen mit Musik zu wärmen. Als die Kirchenaktion endlich zu Ende war, freute ich mich wie ein Kind auf Weihnachten, auf das versprochene Essen. Es gab Kartoffelsuppe. Mit altem Brot. Kartoffelsuppe? Das war wohl die Strafe Gottes dafür, dass ich Nahrung erschleichen wollte. Vielleicht habe ich auch deswegen einige Tage später dem Herrn Mixa vor sein Bischofspalais gekotzt. Volle Möhre vor die Tür. So als Ausdruck meiner Unzufriedenheit über die Kartoffelsuppe. Habe ich natürlich erst im Nachhinein erfahren, dass der da wohnt. Da wir aber alle sowieso der Meinung waren, dass der Mixa ein Wichsa ist, fand ich persönlich diesen Akt des würgenden Protests sehr angebracht. Einmal nahm ich an einer Wallfahrt teil. Nicht weil mich plötzlich die Zunge Gottes abgeleckt hatte, sondern weil ich die Stunden brauchte für mein Gemeindepraktikum. Und so ein bisschen Bewegung hat ja noch keinem geschadet. Hätte mir vorher einer erzählt, dass ich da eine Stunde lang einen Berg hoch hecheln muss, nur um dann eine weiter Stunde in der sengenden Hitze zu stehen, ich hätte mich lieber noch mal ein paar Stunden in so eine Vereinssitzung gesetzt. So sah das mit den Gottesdiensten aus.

Schaltet auch das nächste Mal wieder ein wenn es heißt „Die Barbara verarbeitet ihre zwei Jahre im katholischen Exil im Blog um endlich darüber hinweg zu kommen“.

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4 Gedanken zu “Futtern wie bei Muttern Maria

  1. Man kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie es zu den WTF-Gesichtsausdrücken kommt, überhaupt nicht!

    und nu schieb gefälligst Prüfungsangst vor morgen!

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