Seelenausverkauf

„Dicke Frauen, die mit einem T-Shirt rumlaufen, auf dem das Wort „Topmodel“ geschrieben steht.“

„Männer, die noch bei Mutti wohnen.“

„Jugendliche, die davon erzählen, dass diese Schwangerschaft mit ihren 16 Jahren geplant war, weil sie sich eine Familie wünschen und sich so viel erwachsener fühlen, als ihre Altersgenossen.“

„Frauen, die ihr Familienkonzept für vollkommen halten und über Haushalte herziehen in denen man nicht vom Boden essen kann, weil die 13 Katzen, 4 Hunde und 30 Hasen nun mal überall hinscheißen wo sie grade stehen.“

„Messis, die sich von einer dicken Frau mit schickem Kurzhaarschnitt ihre Bruchbude wieder hübsch machen lassen mit dem unvergleichlichen Ikea-Schick.“

„Eine Domina, der ein züchtiges Kostüm angezogen wird, die schwarzen Haare straff nach unten gekämmt und „die stille Treppe“ der neue Ort um endlich mal seine Ruhe zu haben.“

„Pärchen, die zusammenziehen und ganz Deutschland daran teilhaben lassen. Der Kerl werkelt brav die Spielwiese zusammen während das Püppi die Plastikdekoartikel in der Wohnung verteilt. Die Matchbocks-Autos des Liebsten in der staubfreien Tupperdose im Keller gebunkert weil es einfach nicht passt, zu dem Afrika-Thema.“

„Bauern, die ihren Zukünftigen wie ihren Kühen stramm auf der Schulter herumklopfen und ihnen damit zeigen, dass sie paarungsbereit sind.“

„Selbsternannte Individualisten ziehen in einen Container ein, lassen sich ihrer Menschenrechte berauben, horchen brav wenn der „Große Bruder“ spricht und lassen sich beim scheißen, wichsen, essen, kotzen und saufen filmen, während sie eine geistige Totalbremsung nach der anderen vollführen.“

„Dünne, zu große Mädchen lassen sich in eigenartigsten Posen fotografieren nur um sich von der Obermutti der Modelwelt sagen zu lassen, dass das Papier leider nicht gereicht hat, um ihnen einen Abzug davon zu machen.“

So sieht sie aus. Unserer Fernsehlandschaft. Das, was wir uns jeden Tag einverleiben.

Ich muss vorwegnehmen, dass ich zwar ein Fernsehgerät besitze, dieses aber, aus eigener purer Faulheit nicht dazu imstande ist, mir Fernsehen im klassischen Sinne zu präsentieren. Es ist also nicht zwingend eine freie Entscheidung meinerseits. Ich habe mich nicht bewusst dazu entschieden mich von der verdummenden Medienlandschaft, die einem die großen Sender Tag für Tag präsentieren, zu distanzieren.

Aber, aber, wird man mir vorwerfen. Es gibt doch noch mehr außer „Bauer sucht Frau, macht Frauentausch mit der Supernanny und lässt sich dann ordentlich von der Schwiegermutter den Marsch blasen“. So Nachrichten und so. Voll wichtig wegen Bildung und so. Weißt du Barbara. Und Gallileo tut es auch noch geben und die machen da echt voll wichtige Experimente und so und außerdem kommen da diese Blockbuster, so die Filme für die man vor ein paar Jahren ins Kino gepilgert ist. Kopf zu! Es ist mir vollkommen klar, dass Fernsehen, wie auch dieses Internet, immer das ist, was ich draus mache. Ich kann das Internet auch zu den verschiedensten Zwecken nutzen und bin nicht genötigt mir bei Farmville einen Tennisarm zu klicken weil die Pinguine mal wieder ordentlich durchgeklickt werden wollen. Doch mir geht es eben genau um das. Den Seelenverkauf der da Tag für Tag betrieben wird. Diese Sensationsgeilheit wenn der dicke Bauer Egon versucht seine Herzallerliebste Elfriede damit zu beeindrucken, dass sie sich auf einen Acker setzen und die Brote essen, die ihm die Mutti fein säuberlich geschmiert und in ein Körbchen mit Herzchenservietten gepackt hat.

Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Da ich grad keine Steine zur Hand habe und sowieso drauf scheiße, ob ein Jesus meint mir sagen zu müssen, wann ich wen mit Dreck bewerfen darf, schleudere ich so lange damit rum, wie es mir Spaß macht.

Ach wie habe ich sie geliebt. Die Donnerstag-Abende. Am Donnerstag konnte ich nicht weggehen. Nicht weil ich so verantwortungsbewusst war und wusste, dass ich am Freitag wichtige Vorlesungen habe, die ich ganz dringend verschlafen muss. Nein. Es lag daran, dass ich zur Primetime zu Hause sein musste, um mir das Elend von „Frauentausch“ anzusehen. Der nächste Tag immer ein Fest der Lästereien. „Hast du gesehen… und oh wie krass… und dann… ja aber wirklich jetzt…. wie kann man nur… also ich… hihihihi…“. So liefen sie dann ab, die Unterhaltungen während der Dozent da vorne versuchte uns was über die Entstehung des Alten Testaments zu erzählen. Ich war geil auf diese Bloßstellung die diese Menschen dort betrieben. Ich sah Haushalte in denen die Silberfische Namen hatten, Kinder kleine arme seelenlose Krüppel waren, die Machoväter und die Muttis, die irgendwann zusammenbrachen und zu der Erkenntnis kamen, dass ihr Heim nicht das ist, was sie wollen. Ich war dabei, wenn die Großstadtmutti sich auf dem Rad abmühte, um auf dem Land den Einkauf nach Hause zu schleppen. Die vielen Makeover die betrieben wurde und plötzlich wurde aus dem hässlichen Entlein ein hässlicher Schwan mit neuem Haarschnitt. Die obligatorischen Regeländerungen und natürlich die Videobotschaften. Herrlich. Ich sah es mir an und manchmal weinte ich. Vor Lachen versteht sich. Und je grotesker die Wesen da in diesem kleinen Kasten waren, desto mehr fieberte ich auf die Werbung hin, damit ich doch endlich aufs Klo kann weil war ja grad so spannend. Und vielleicht scheuert der Vati der Tauschmutti doch endlich mal eine. Verdient hätte sie es, die dumme Kuh. So sah das vor etwa 5 Jahren aus. Ich hatte jetzt zwei Wochen Urlaub. Ich lebe in einer Zweckgemeinschaft mit meinem Vater. Dieser hatte bis vor Kurzem den Fernseher im Wohnzimmer, der fähig ist „echtes“ Fernsehen zu empfangen, in Beschlag genommen. Als ich dann plötzlich sturmfrei hatte setzte ich mich mit einer Portion Nudeln vor den Kasten und schaltete ihn mal ein. Weil ich mal wieder wissen wollte, wie es denn so ist. Dieses Hartz4-Gefühl das sich da in das Wohnzimmer schleicht. Ich landete bei einer dieser We-are-familiy-mein-Leben-deine-Ghetto-Kinder-Jugend-ist-total-verratzt-und-wir-sind-nicht-besser-Sendungen. Dort war ein 16jähriges Mädchen. Hochschwanger. Von ihrem Freund versteht sich, den sie auch im Laufe der Sendung geheiratet hat. Der Typ war 32. Das Kind war scheinbar ein geplantes Ding gewesen und so durfte ich dabei sein, wie sie die Hochzeitsfeierlichkeiten planten, wie die Tante des Görs immer wieder betonte, dass sie dies nicht für gut heißen könnte und wie das Gör selber davon sprach, dass sie in der Schule nur gemobbt wurde und deswegen die Hauptschule ohne Abschluss abbrach. Ich war überfordert. Es war so einer dieser fiesen Brainfucks. Dieses Entsetzen gemischt mit Hihi-wie-hohl-die-doch-alle-sind und dem nicht verstehen können, dass Menschen so denken und leben. Ich konnte mir diese Sache genau zwei Portionen Nudeln lang ansehen. Dann ging ich in mein Zimmer, machte die Musik an, der Fernseher lief weiter vor sich hin und ich war mal wieder geheilt vom Bedürfnis mich wie ein mieser Voyeur am Unheil anderer aufgeilen zu wollen.

Auf Twitter sind solche Shows ein gefundenes Fressen. Auch wenn ich keinen Fernseher besitze, ich weiß immer ganz genau, wer gerade dem Raab die Fresse poliert, wer bei DSDS rausfliegt und welcher Bauer sich wohl mal wieder die dümmste Kartoffel ausgesucht hat. Nett finde ich es, dass diese Tweets dann immer nett mit einem Drogenday versehen werden, damit ich diese mit meinem geschulten Auge herausfiltern kann. Nicht weil ich da ja so was von drüber stehe und mich solch Gossengesabbel nicht interessiert. Wie schon erwähnt, Frauentausch, ich, Fan, damals. Also ich war schon gefangen in dieser Gafferhölle in der wir uns alle befinden. Das Elend der anderen, dieses total verkorksten Menschen, die sich dort präsentieren geben uns selbst das sichere Gefühl, dass wir scheinbar doch nicht alles falsch gemacht haben können, so wie es uns Mutti beim Sonntags-Essen einreden will. Am liebsten würde man ihnen sogar sagen „Aber Mama, der Emil aus Schwiegertochter gesucht, der ist 45 und immer noch Single. Und ich bin doch erst 31.“ Man verkneift es sich, aber es schlummert in einem. Diese Bestätigung, dass man, so oft man sich selbst als Versager sieht, es gibt da jemanden, der ist noch ein viel größerer als man selbst.

Diese ganzen Sendungen werfen aber Fragen auf, die ich hier und jetzt auflisten möchte und auf die ich echt mal gerne Antworten hätte, weil ich es nicht verstehe.

Was treibt einen Menschen dazu, sein Leben so breit treten zu lassen? Kennen die diese Sendungen nicht? Haben die vorher noch nie erlebt, wie einem durch solch einen medialen Supergau, jede Möglichkeit auf ein normales Leben fast unmöglich gemacht wird? Oder sind diese Menschen wirklich so sehr davon überzeugt, dass sie, so wie sie leben, nicht so sind, wie ihre Vorgänger? Besitzen sie trotz ihrer offensichtlichen Evolutionsbremseritis die ausreichende Arroganz um zu denken, dass sie, als Krönung der Menschheit, nicht in die Schublade gesteckt werden, wie die Bauern, Muttersöhnchen und miesen Muttis vorher? Wie viel Geld verdient man bei so einer Sendung? Nach welch einem Muster werden die Kandidaten ausgesucht? Muss man dort einen Fragebogen ausfüllen der Fragen enthält wie „Wenn ihr Haus brennt, was würden Sie retten? A) Meine Diddlmaussammlung B) meine Mama C) Ich habe kein Haus, ich heiße Öff Öff und leben von Luft, Liebe und Geschenken D)Fickenscheißemistdreckfuckkack“? Wann wird es zu viel des Guten und wann erkennt man, dass diese Zurschaustellung von menschlichen Abgründen kein Entertainment ist, sondern ein Grund den Bau einer großen Atombombe anzukurbeln um der Menschheit ihren wohlverdienten Gnadenstoß zu erteilen? Wird Deutschland endlich mal fündig bei der Suche ihres nächsten Topmodels das singen, tanzen, dem Dee den Schwanz lutschen und sich vielleicht noch gratis zum totalen Volldeppen machen kann? Wann sind wir es leid auf Menschen lächelnd herabzublicken, die scheinbar nicht wissen, was sie da tun? Die davon überzeugt sind, dass sie dies machen weil, ja warum nur? Ist es das Geld, der Wunsch nach Anerkennung oder die neue Methode des Hilfeschreis der aber nicht gehört wird, weil sich ganz Deutschland gegenseitig den Bauch hält vor Lachen? Und wann höre ich auf den totalen Moralapostel zu spielen und mache einfach wieder mit? Weil es so viel leichter ist, sich klatschend einzureihen als den Oberlehrer zu spielen.

Ich frage mich, wo das enden wird. Ich frage mich, ob es einfach in der Natur des Menschen liegt sich am Leid der Anderen zu ergötzen, von denen man brav distanziert ist durch eine Glasscheibe. Und ich frage mich, wann es denn endlich den ersten Menschen-Zoo gibt. Das wäre doch eine spannende Idee für die man viele Menschen finden könnte. Vielleicht sollte man Themenparks errichten in denen Bauern um die Gunst von Tine Wittler buhlen, während sie 16jährigen Teeny-Müttern Tipps gibt, wie man sich trotz Stütze ein nettes Kinderzimmer zusammenbasteln kann.

Ich geh jetzt auf die stille Treppe, dreh mir ein paar Kippen weil ich momentan im Armenbereich bin und mache dann mein Statement in dem ich erzähle, dass die Tussi über uns, echt ne totale Trampelkuh ist. Und sollten beruflich alle Stricke reißen, diese Anmeldungen… hat sich da mal einer informiert? Gibt’s da Onlineformulare? Ich mach euch auch den Bachelor und verteile Rosen…

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6 Gedanken zu “Seelenausverkauf

  1. Mir ist komplett unklar, was Menschen dazu treibt, sich vor Publikum derart zu entblößen und zum Affen zu machen. Ich gehöre allerdings auch nicht zu denen, die sich solche Unfälle ansehen; mein ganzer Fernsehkonsum besteht aus gelegentlich einer Folge Simpsons beim Abendessen.

    Vor ein paar Jahren wurde ich auch einmal für eine Fernsehshow gecastet. Es ging um eine Quizshow, man suchte Kandidaten mit Fachgebieten, ich hatte eine Website und wurde angeschrieben ob ich Interesse hätte. Aus Neugier ging ich zu dem Casting, wo mir vor einer Kamera diverse Fragen gestellt wurden, ein paar Tage später bekam ich den Anruf, ich wäre angenommen worden.

    Erst war die ganze Sache noch ganz interessant, nach einigen Gesprächen mit den Verantwortlichen über die Details habe ich dann aber schliesslich abgesagt. Mir wurde klar, dass ich dort wie ein Freak präsentiert werden sollte. Das Nerd-Mädchen mit dem Tick für Martial Arts Filme. Wobei dann natürlich kein noch so dämliches Klischee ausgelassen wird, das gibt Einschaltquote. Frauen die auf Prügelfilme stehen, sowas in der Art.

    Ich hatte keine Lust, mich zum Deppen machen zu lassen. Wer ich tatsächlich bin und was mich interessiert wäre in der Sendung verwurschtelt worden, zu dem, was sich die Macher der Sendung so als Klischee mit dem größtmöglichen Freakfaktor vorgestellt hatten. Die Person, die an meiner Stelle dann an der Quizshow teilnahm, wurde übrigens genau so vorgeführt, wie ich es befürchtet hatte.

  2. ich habe mal einen erfahrungsbericht einer familoie gelesen, die bei frauentausch mitgemacht hat. die meinten, dass sie eigentlich teilgenommen haben, weil sie mal ein positivbeispiel sein wollten, weil sie ihre familie bis dahin für glücklich und intakt gehalten haben. aber dann war man in der sendung 24/7 von kameras umgeben, wurde gestresst und herumgescheucht (so lange, bis der vater vor der kamera ausrastete), irgendwo wurden staubhäufchen gefunden, die man dann in großaufnahme zeigte, …. und so wurden sie dann im tv zu noch einer dieser „asi-familien“.

    deswegn muss ich sagen: ich glaub das alles nicht, was da erzählt wird. und gucke gleich lieber (wenn ich nachmittags unbedingt irgendein gequatsche nebenbei laufen haben will) gerichtsshows und frau kallwas. die tun wenigstens nicht so, als wär das echt.
    und die auswanderer-sendungen sind teilweise wirklich interessant, weil sie größtenteils wirklich einfach menschen zeigen, die was neues erleben, und nicht nur den „allerletzten abschaum“ (der wahrscheinlich zu 90% inszeniert ist).

  3. Mein Freund schaut sich mit Begeisterung Frauentausch und diesen ganzen Mist an, wärhend ich es ziemlich wiederlich finde. Genauso geht es mir bei den Castings von DSDS oder GNTM oder blah. Ich hab so ein massives Fremdschäm-Gefühl, wenn das anläuft, ich muss wegschalten.
    Wie Asu schon sagte, man soll nicht alles glauben, was da produziert wird.. das Fernsehprogramm wird von den Konsumenten bestimmt, und sich das (angebliche) Leben anderer anzugucken, um sich selber zu beweisen, dass man so schlimm gar nicht ist oder weil man einfach ein bisschen dumm ist und sowieso über alles lacht, weils im Hirn zu mehr nicht reicht..typsich Deutschland.

    • Ich bin nicht der Meinung, dass das ein typisch deutsches Phänomen ist. Die meisten der Shows die uns dort gezeigt werden, wurden aus andren Ländern „importiert“. America’s Next Topmodel, diese Superstarnummer, Big Brother. Diese Sensationsgeilheit ist also kein Übel „Deutschlands“, sondern eins des Menschen. Und wer behauptet er habe sich noch nicht dabei ertappt, Stielaugen zu kriegen sobald er an nem Autounfall vorbei fährt, lügt meistens. Und so ist das Fernsehen. Ein schwerer Autounfall bei dem man vielleicht ein bisschen Blut zu sehen kriegt.

      • Ich finde es nur schade, dass die deutsche Fernsehgesellschaft Erfolg mit dem Import solcher Formate hat. Eigentlich sollten wir es doch besser wissen, das würde meine Meinung definitv revidieren. Warum boykottieren wir das nicht einfach? (Das Beispiel mit dem Unfall trifft es ganz gut. Es erfordert Pietät, nicht zu gaffen.)

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