Muttertag

Erinnerungsfetzen

Mama nimmt mir all mein Spielzeug weg. Weil ich nicht aufräumen wollte und sie der Ansicht war, wenn ich es nicht aufräumen wollte, würde ich es auch nicht brauchen. Ich fand ein Stofftier. Nahm dieses, ging in die Küche, hielt es ihr entgegen und sagte, „Da Mama, den hast du vergessen.“

Dieser immerwährende, monotone, leise Singsang des Schmerzes. Die Bilder im Kopf wie sie hin und her wippt. Immer wieder.

Tränen. Literweise. Oft wegen mir. Weil sie es mir leicht machen wollte und als einzige etwas in mir sah, was sonst keiner sah.

„Barbara, du musst teilen. Wie der Sankt Martin.“ „Mama, sitz ich auf einem Ross, hab ich einen roten Mantel an?“

Selbstgebastelte Postkarten. Mit zittriger Hand unförmige Buchstaben darauf, weil die Hand nicht mehr so wollte wie sie sollte. Kein Geld weil nicht vorhanden. Rollen getauscht.

„Barbara, warum heißt das Rotkäppchen, Rotkäppchen?“ „Weil es nicht Rumpelstilzchen heißt!“

Der Feiertagsmarathon. Gleichbedeutend mit Kaufhausrausch und Glanz und Gloria in allen Ecken. Und dem Aufleuchten von blauem Blinklicht. Die Sirene. Jeder entgegenkommende Krankenwagen ein ungutes Gefühl.

Barbara soll auf der Tafel Häkchen malen. Vorne und hinten. Auf der Seite ohne Linien wird es schief. Voller Zorn wirft sie den Stift nach der Mutter. Sie packt das bockige Kind. Das Kind haut sich unglücklich am Eck vom Tisch an. Letzte Erinnerung. Ich liege auf der Couch mit einem Essiglappen auf dem blauen Auge und Mutter läuft wie ein aufgescheuchtes Huhn durch das Haus, weil man ihr das Kind wegnimmt, weil man denkt sie hätte es geschlagen.

Der erste Besuch dort, wo sie nun wohnt. Lange saß man dort, erzählte und zweifelte an seinem eigenen Verstand weil man meinte es würde etwas bringen. Sie könnte es hören.

„Sie müssen Ihre Mutter zur Seite drehen!“ „Wissen die Wichser wie viel die Frau wiegt?“

„Barbara hast du Hunger?“ „Nein Mama, ich hab einen Kaugummi!“

Der stete Wandel des eigenen Blickes für die Frau. Immer mehr wurde es dieses Übel und man konnte nichts dagegen tun. Man spürte dieses Grauen. Der Plastikschlauch im Hals immer da. Er wackelte beim Reden. Man konnte nicht wegsehen und leichte Übelkeit schoss in einem hoch.

„Das Kind mag mich nicht.“ Absolute Abneigung als Baby der eigenen Mutter gegenüber. Brav lag ich in ihren Armen wenn sie mich fütterte. War ich satt drückte ich mich weg von ihr. Wollte weg.

„Barbara du bist so schrecklich brutal. Mit deiner Ehrlichkeit.“

„Mama schau mal. Das ist doch schön. So was musst du dir kaufen.“ Das Kind deutet in einem Katalog auf die Abbildung mit den Putzkitteln.

„… und richte ihm aus, wenn er das mit dem Geld nicht endlich auf die Reihe kriegt, dann raste ich echt aus. Ich brauch das Scheiß Geld. Die Handyrechnung wird bald abgebucht. Tschüß!“ Das Ende des letzten Gesprächs.

Erinnerungsfetzen

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6 Gedanken zu “Muttertag

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