Arschlochsatz

In der zwischenmenschlichen Welt gibt es Aussagen, die im besten Falle nett gemeint sind, aber doch diesen bitteren Beigeschmack von unterschwelliger Kritik nach sich ziehen. Es sind so Sätze, die einem zwar ein geborgenes Gefühl geben aber irgendwo ist so ein kleiner Reißzwecken, der sich ganz vorsichtig in die Haut bohrt und einen zum Nachdenken anregt. Und oft weiß man gar nicht genau wieso. Weil man es nur unbewusst wahrnimmt und oberflächlich betrachtet, war das doch echt nett, was das Gegenüber da zu einem gesagt hat.

Einer dieser Aussagen, die ich bitte nie wieder hören möchte, weil er ein widerlich überheblicher Sausatz ist, ist folgender.

„Ich mag dich, trotz deiner Fehler und Macken.“

Wenn man diesen Satz oberflächlich betrachtet ist er doch echt nett. Man wird gemocht, so wie man ist. Man wird nicht aufgefordert sich zu verändern und darf weiterhin der schräge, plumpe Trottel bleiben, der man ist. Doch schon allein, dass eine Herzensbekundung mit negativen Worten ausgefüllt, ist sollte einem zu denken geben. Ich transportiere diesen Satz mal in ein anderes Umfeld, in einen anderen Kontext, um die wahre Bösartigkeit dieser Aussage zu verdeutlichen.

„Das Oberteil steht dir super und es lenkt so gut von deinem dicken Hintern ab.“

Fiese Scheiße! Fast jede Frau, die mit so einem Satz gestraft wird, wird sich wohl schluchzend mit einer riesigen Packung Eiscreme und allen erhältlichen Staffeln von Greys Anatomie in eine Decke einhüllen und schwören nie wieder das Haus zu verlassen. Wegen dem dicken Hintern. Obwohl ich ja, so am Rande, den Sitzkomfort eines dicken Hinters sehr zu schätzen weiß. Man hat immer ein Kissen dabei. Super praktisch. Ich weiche ab.

Man wird sich jetzt wohl fragen, was Hintern mit Macken und Fehlern zu tun haben. Man sollte aber bitte weniger die offensichtlichen Parallelen suchen, sondern sich mal auf die Intension des Satzes beschränken. Es ist diese Art von Satz, die kein Mensch leiden kann. Diese aber-Sätze. Diese Sätze, die positiv beginnen, so als Köder, und einem dann, im Abgang, schön eine reinwürgen.

Letztens habe ich Billard gespielt. Von fünf Spielen habe ich eins gewonnen. Einmal habe ich fast gewonnen. Ich habe souverän und mit ganz viel Zufall die schwarze Kugel zum richtigen Zeitpunkt versenkt und wackelte schon voller Stolz und Freude mit meinem Gesäß in der Gegend herum und dann, wie sollte es anders sein, purzelte die verdammte weiße Kugel gleich hinterher. Nach einem YEAH folgte ein OOOOOOH! Genau so sind diese Sätze. Sie beginnen mit einem JUHU und enden mit einem festen Tritt in die Magengegend. Solche Sätze sollen oft beschwichtigen. Sollen dem Gesprächspartner das Gefühl geben, das alles in Ordnung ist, doch wenn man sie genau betrachtet tun sie das eben nicht. Nach vorheriger Diskussion, die wahrscheinlich eben grad von den Macken und Fehlern handelte, soll dieser Satz versöhnlich wirken. Er soll das Gefühl vermitteln, dass alles gut ist und man doch eigentlich echt voll in Ordnung ist.

Vielleicht ist es nur eine Unart der Frau, Aussagen jeglicher Art zu überinterpretieren. Weil sie alles auf die Goldwaage legen und jede einzelne Aussage, jedes Zwinkern und jeden Schulterzucker fein säuberlich in Tupperschüsseln packen, diese beschriften und sorgsam wegpacken. Und vielleicht fällt auch nur mir das auf, weil ich ein Mensch bin, der gerne Fehler an sich selbst sucht und sich schon fast freut, wenn er welche findet, weil die ganze Suche dann wenigstens einen Sinn gehabt hat. Aber vielleicht ist dieser eine Satz genau das was ich in ihm sehe. Ein Arschloch-Satz Güteklasse A. Ein widerliches Monster, das mit Vergnügen nachtritt wenn man schon am Boden liegt.

Wenn ich einem Menschen sagen will, dass ich ihn mag, kann ich das dann nicht einfach so sagen? Oder beabsichtigt man sogar seinem Gegenüber noch schön ins Gesicht zu rotzen, weil man meint er hätte es verdient? Muss ich den Menschen, den ich vermeintlich so gern habe, daran erinnern, dass man ihn eigentlich nur erträgt und das obwohl er so ein fehlerbehaftetes Idiotenwesen ist? Fühlt man sich dann dadurch besser, wenn man von seinen eigenen Fehlern ablenkt und sich ganz auf die Macken des Anderen konzentriert?

Wenn ich jemanden mag, dann mag ich ihn. Wahrscheinlich mag ich ihn nicht trotz seiner Spinnereien, sondern gerade deswegen. Weil mir jeder Fehler, jede Dummsauigkeit dieses Menschens klar macht, dass er eben auch nur ein Mensch ist. Es macht mir klar, dass ich nicht besonders sein muss um neben ihm zu bestehen, weil er das auch nicht muss.

„Ich mag dich.“ Punkt! Kann doch bitte nicht so schwer sein.

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10 Gedanken zu “Arschlochsatz

  1. Ich mag Sie nicht, aber Ihre Fehler sind mir so richtig vertraut, da wirds mir warm ums Herz.

    Spass beiseite, Benutzerkollegin, die eigentliche Frage ist eine andere: Wer entscheidet, was ein Fehler und eine Macke ist?

    • Das macht nichts, Frau Liese, weil die Frau Bodenschatz hat dem Herrn Pulsiv seinen Kommentar auch bereits vorweggenommen, in ihrem Beitrag nämlich. Meines Ermessens nach arbeiten Sie beide nicht, sondern nehmen schlimme Drogen, die viel Geld kosten, das Sie nicht haben, weil Sie nicht arbeiten.

      • Frau Bodensatz bitte. 😉 Und sicher arbeite ich hier angestrengt an meiner wunderbaren Projektdokumentation. Die Blogeinträge klaue ich meiner kleinen Schwester aus dem Online-Tagebuch. 😉

  2. der satz drückt genau das aus was er soll: einiges an dir geht mir auf den sack, aber das positive überwiegt. und so ist es doch auch meistens wenn das gegenüber keine völlig eindimensionale flachpfeife ist, es ist gemischt und so bleibt es auch.

    • Aber muss man das extra betonen? Reicht es nicht, dass ich einem Menschen sag das ich ihn gut finde? Muss ich ihn in diesem Moment wirklich dran erinnern, dass er ein fehlerbehaftetes Wesen ist? Das weiß man selbst doch gut genug und sieht oft sogar noch mehr Fehler als das Gegenüber.
      Es gibt Zeiten zum Bestätigen des „mögens“ und Zeiten zum Kritisieren. Aber das sollte nicht in einem Satz passieren.

  3. ich habe mal eine geburtstagskarte bekommen „Freunde sind Menschen, die dich mögen, obwohl sie dich kennen.“ erst nach wochen habe ich darin das positive gefunden, wie es wohl ursprünglich gemeint war.

    bei arschlochsätzen kommt aber sicherlich auch der aspekt hinzu, wie man zu der person steht, die sie sagen (oder als grußkarte verschenken). ich sehe mehr negatives wenn ich die person eh nicht ausstehen kann.

  4. …es gibt sogar Übungen,z.B. für Eltern, die loben üben sollen – oder Pärchen…die angeboten werden, um es endlich mal hinzukrigen, jemandem einfach mal was nur nettes zu sagen ohne ihm/ihr hinten rum, mir der zweiten Hälfte des Satzes wieder in die Magengrube zu hopsen! Finde „aber“- Sätze genauso bescheuert, wie Sie, verehrte Frau Bodensatz. Sind meiner Meinung nach auch so`n Ego-Ding. Wenn ich jemanden Konkurenzlos mag, brauche ich keine „Aber“- Sätze. Da sagt man einfach“ Ich liebe deinen dicken Hintern- und jut isset. Oder: Hast lecker gekocht! – ohne erwähnen zu müssen: hach, mit noch biiiischen mehr Knobi wär`s nooooch leckerer gewesen. Eine nennenswerte Technik, die beide Aussagen zulässt, aber komplett anders wirken kann, ist wenn man mit der negativen Aussage anfängt und bei der positiven endet:Du hast voll die Macke und ich liebe dich! Funktioniert das???Naja, besser ist, man entscheidet sich, ob man mit jemandem motzen, kritisieren oder liebevoll sein will. Die Mischung ist echt sehr kontraproduktiv, weil das Negative immer die stärkere Wirkung hat! Es sei denn, man findet sich voll super und ist 0 abhängig davon, was andere über einen denken. Aber wer ist schon so…!
    Sind „so“-Leute nicht auch `n bisschen gruselig?
    hochachtundsvoll
    Frau Sieben

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