get nailed

Mein allererstes Tattoo ließ ich mir mit 18 Jahren stechen. Und wie ein Großteil der ersten Tattoos, ist es ein ziemlicher Bockmist. So wie das erste Kind, bei dem man noch schön alle Fehler macht, die man dann beim zweiten nicht mehr wiederholt weil man ja aus seinen Fehlern lernt. Aber es ist wohl auch das prägendste und entscheidet darüber, ob man sich jemals wieder unter die Nadel legt oder ob das ein einmaliger Ausflug in die Welt der harten Jungs war. Zum Glück fand ich schon zu dieser Zeit Schmetterlinge, Elfen, Rosen, chinesische Zeichen und Delphine ziemlich bescheuert, sodass seit diesem Tag eine Art Tribal, das zum Teil ein bisschen aussieht wie die Zahl Fünf, meinen Nacken ziert. So als kleiner Profitipp. Diese Stelle ist für Frauen, die sich ein erster Tattoo stechen lassen wollen und es auch nicht all zu offensichtlich in der Welt herumtragen wollen perfekt. Man sieht es den ganzen Tag nicht und man kann es wunderbar verstecken. Das rettet meinem wohl auch den Arsch. Ich weiß das es da ist, vergesse es zum Teil sogar manchmal, aber ich liebe es trotzdem. Nicht weil es so wunderschön es. Es müsste nachgestochen werden, weil es an ein paar Stellen ausgeblichen ist. Doch genau so soll es bleiben. Es entstand in der Zeit, als ich meine erste eigene Wohnung hatte. Es steht für die endgültige Abnabelung von den Eltern und auch ein bisschen für
Familie und das was man für so eine Familie macht. Ich bezahlte es mit den
5.000 € die mir meine Großtante zu meinem Achtzehnten schenkte. Es sollte wohl eher für so Dinge wie Führerschein und die obligatorische hohe Kante sein. Ich gab den Rest meinen Eltern um sie bei der Abzahlung ihres Hauses zu unterstützen. Der Nutzen meiner kleinen Spende war zwar gleich Null aber es heißt ja immer, dass der Wille zählt. Außerdem steht dieses Tattoo für den Wandel, den ich in den zwei Jahren durchmachte. Als ich vom kleinen, unscheinbaren Kind zu einem lauten, unscheinbaren Erwachsenen wurde. Es steht für gefälschte Unterschriften auf Entschuldigungen, für Wodka-Cola-Abende, für Griesbrei, kleine Drogenexperimente und schräge Nachbarinnen, die um 3 Uhr Morgens an der Tür klopfen und nach Kondomen fragen. Für das alles steht dieses kleine Bild in meinem Nacken. Für einen Unwissenden ist es ein komisches Tribal, das aussieht wie ne Fünf.

Seit dieser Zeit kamen vier weitere hinzu und auch heute wurde ich gehackt. Hinter jedem dieser Tattoos, steckt eine Geschichte. Ein Warum. Ich bin kein Mensch, der sich aufgrund von Trends oder vermeintlicher Gruppenzugehörigkeit bunte Bilder in die Haut ritzen lässt. Meine Schätzchen stehen für Menschen, Erinnerungen, Lebensabschnitte, Gefühlswelten und dafür was mir wichtig ist.

Bis vor Kurzem waren meine Tattoos nie ein Thema. Einerseits, weil ich darauf bedacht bin, mich dort „verunstalten“ zu lassen, wo ich es verstecken kann. Trotz der Arschgeweih-Schwemme die in den Neunziger Jahren stattfand, sind Veränderungen dieser Art immer noch nicht akzeptabel, wenn man seinen gutbürgerlichen Platz in der Gesellschaft finden will. Und da ich kein Mensch bin, der mit außergewöhnlichen Talenten gesegnet ist, muss ich auf der Büro-ordentlich-und-angepasst-Schiene mein Leben führen. Das finde ich vollkommen in Ordnung oder habe mich zumindest damit abgefunden.

Andererseits traf ich bisher nur auf Menschen die meine Körperkunst gut fanden oder diese zumindest akzeptierten. Oftmals, weil sie selbst mit den verschiedensten Motiven geschmückt waren oder weil sie es nicht mehr schockierte, da es üblich ist, sich freiwillig Schmerzen zufügen zu lassen nur um sich an etwas zu erinnern.

Vor kurzem wurde ich jedoch zum ersten Mal in meinem Leben mit einer gegenteiligen Meinung konfrontiert. Es war zwar nicht diese totale Abschätzung die mir da entgegengebracht wurde, sondern eher eine Art Unverständnis. Und wenn ich ehrlich bin, war ich überfordert weil ich noch nie auf einen Menschen der traf, der es einfach nicht verstand, warum man seinem Körper so etwas antut.

Die Situation brachte mich zum Nachdenken. Und als ich so
überlegte fiel mir auf, dass es in meinem Umfeld kaum Menschen gibt, die nicht mit einem Tattoo versehen sind oder zumindest mit dem Gedanken spielen, sich eines stechen zu lassen. Bodyart, wie sich das Ganze schimpft, ist in meinem Umfeld eine Art Normalität. Es ist nicht mehr so, dass man ein harter
Hells-Angel-Typ sein muss, um schon mal ein Tattoo-Studio von innen gesehen zu haben. Sogar meine kleine Schwester, die ein kleines Püppi ist, hat sich etwas für die Ewigkeit stechen lassen. Der Unterarm meiner besten Freundin (Ja! So nenne ich dich, Miststück! Hah! Eat this! Und ich kategorisiere!!!!) kann ganze Geschichten erzählen und sobald sie die Ärmel ihres Pullis nach oben schiebt, gibt es diese großen Augen bei nicht Eingeweihten und sie muss ihren Arm erstmal einige Zeit rumzeigen, bevor sie wieder Ruhe hat. Das alles ist nicht, weil wir einen Lifestyle pflegen und wo dazu gehören wollen. Wir tun dies alles weil es uns gefällt. Weil wir so einen Weg gefunden haben, uns etwas Gutes zu tun. Scheiß auf Spa und Fitness. Wir gehen zum Tattoo-Artist und werfen ihm unser hart verdientes Geld in den Rachen.

Als also dieser Mensch dieses Unverständnis präsentierte, es als einen Eingriff bezeichnete, was mich sehr an eine Operation erinnerte,
wurde mir klar, dass ich vergessen hatte, dass es für Außenstehende nur Farbe ist, die unter der Haut sitzt. Das es nichtssagende Bilder und Worte sind, die meistens keinen erkennbaren Sinn ergeben. Und ich begann es zu erklären. Ich machte mir die Mühe und erklärte ihm jede einzelne Geschichte zu jedem einzelnen Tattoo. Nicht weil ich dachte ich müsste mich rechtfertigen, sondern weil ich wollte, dass er es versteht. Das er sieht, dass das keine Dinge sind, die aus purer Langeweile entstanden und nur dazu da sind, um mich mal wieder abzugrenzen, sondern das dies meine Art ist, meine Gedanken und Erinnerungen festzuhalten. Andere Menschen kleben tausende von Bildern in Fotoalben, posten Fotos in Internetforen nur um ein Stückchen Erinnerung zu haben. Für die schlechten Zeiten. Für die Zeit in der man angetrunken alleine in seiner Wohnung sitzt und sich zurück sehnt in genau diese eine Zeit in der alles noch gut war. Ich glaube, dass er es dann verstand, dieser Mensch. Das er erkannte, dass ein Tattoo mehr sein kann als profane Stylerbitchigkeit. Das sich nicht nur der eklige Kerl von Gegenüber mit Pinups „verschönern“ lässt und das man nicht im Knast gewesen sein muss, um sich einer Tattoo-Nadel auszusetzen. Das es nichts mit Image oder Zugehörigkeit zu tun hat.

Während ich das hier schreibe, spüre ich dieses leichte Brennen. Dieser kleine Schmerz, der mich daran erinnert, was vor ein paar
Stunden war und was mich mein restliches Leben begleiten wird. Und vielleicht wird man das nicht verstehen aber es macht mich glücklich. Ich werde heute noch einige Male mit verklärtem Blick auf dieses neue Tattoo starren und es vorsichtig eincremen. Wenn dann die oberste Schicht langsam abheilt und es nicht fühlt, wenn man mit den Fingern darüber streicht, weil es ein Teil von mir geworden ist, werde ich mich weiterhin freuen. Weil es wieder eine kleine Stecknadel auf meinem Lebensweg ist, die mich an Gutes und auch Schlechtes erinnert.

Ich verstehe es, wenn man kein Fan von Bodyart ist. Ich finde den Leggins-Trend bescheuert. Jeder hat das Recht Dinge so richtig schön dämlich zu finden. Doch ich möchte wegen meiner Farbe unter der Haut nicht vorverurteilt werden. Und solltet ihr jemanden kennenlernen, dessen Haut bunter ist, als die eure, dann macht euch doch vielleicht mal die Mühe und fragt nach. Ok, ein Großteil wird eventuell genervt auf diese Frage reagieren. Weil sie schon zigmal gestellt wurde. Auch ich habe schon ziemlich schroff darauf reagiert als man mich fragte warum ich mir denn eine Fünf in den Nacken hab
stechen lassen. Aber seht drüber hinweg und erklärt diesem Menschen dann, dass ihr es verstehen wollt. Warum ein Mensch so etwas macht. Und vielleicht lernt ihr diesen Menschen dann von einer Seite kennen, die ihr ihm nicht zugetraut habt. Weil ihr nur die Farbe gesehen habt und nicht das was dahinter steckte.

Ach und bevor ich es vergesse und einer meint hier mit den Standard-Argumenten zu kommen gleich vorneweg.

„Aber das ist ja für eeeeeeeewig, also für immer, immer!“
Ja, das ist für ewig. Dessen bin ich mir bewusst. Genau deswegen mache ich das. Weil es eine haltbare Sache ist, die zwar verblasst aber nur dann weggeht, sollte ich gewisse Gliedmaßen verlieren. Es soll für immer sein. Sollte mir jemals meine Bude abbrennen, mitsamt den Briefen, den Fotos, den auf Festplatte gespeicherten Erinnerungsfetzen, das kann mir keiner nehmen.

„Ja aber wenn du dann alt und faltig bist, dann ist das doch nicht mehr schön und so.“
Glaubst du nicht, dass ich, wenn ich so richtig, richtig alt bin, andere Sorgen habe als meine faltigen Tattoos? Wie schon erwähnt ist meine Generation die, die sich jeden Mist in die Haut ritzen lässt. Ich habe heute sogar gesehen, dass sich jemand ein Zweiohrküken hat stechen lassen. Ziemlicher Blödsinn aber der Mensch wird schon wissen was er damit bezwecken will. D.h. wenn ich dann mal in einem Altenheim vor mich dahinvegetiere und jungen Zivis auf den Arsch starre, werden wir alle ziemlich affig aussehen. Vielleicht veranstalten wir dann statt
Singnachmittagen kleine Shows in denen jeder vorführen darf, wie er seine Tattoos am besten unter seinen schlabbrigen Hautlappen verstecken kann. Wer weiß. Aber es wird normal sein. Und ich werde mir mehr Gedanken darüber machen, ob ich noch ein Weilchen leben darf, ob mich meine imaginären Enkel denn dieses Wochenende besuchen und was eigentlich aus den netten Jungs von apRon wurde, als darüber, dass Krampfadern meine ausgeblichenen Tattoos verunstalten.

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2 Gedanken zu “get nailed

  1. bei mir sind es narben und die sind mindestens genau so ewig. was zählt ist das noch alles dran ist oder zumindest fast alles.

  2. ich finde das „alt und runzelig“-argument immer wieder zum lachen: ich mein, meine schlaffe und zerknitterte haut wird mit 80 untätoowiert ja WESENTLICH besser aussehen, als mit tattoos =__=

    ich muss sagen: ich liebe tattoos. aber ich überlege mir mindestens 3 jahre lang, ob ich eins haben will, weil ich es später nicht hassen will. weil es eben eine entscheidung fürs leben ist. vielleicht sind hässliche tattoos ja auch wichtige erinnerungen, aber ich will wirklich keine haben und finde deswegen leute, die sich ziemlich spontan irgendwas stechen lassen, nur weil sie grad so ne phase haben, meistens ziemlich lächerlich (natürlich in abhängigkeit davon, wie peinlich das jeweilige tattoo ist). das muss aber trotzdem jeder für sich selbst entscheiden. (schließlich trifft man auch entscheidungen fürs leben, wenn man raucht, fett wird oder leistungssport macht)

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