Sonne aus dem Arsch

Ich bin umgeben von ihnen. Diesen Menschen. Oder besser gesagt dieser einen Sorte von Mensch. Diesen Speziellen die etwas Besonderes sind, obwohl es scheinbar normal sein soll. So zu sein wie die. Wird zumindest
behauptet.

Es sind diese Leute, die scheinbar immer fröhlich sind. Die, die wie ein Bluthund der auf eine Fährte gestoßen ist, nach sozialen Kontakten gieren. Wenn man mit ihnen unterwegs ist, dann steht man brav daneben während sie ihre Bakterien durch Umarmungen, Küsschen hier, Handschlag dort, im gesamten Club verteilen, weil sie scheinbar alle kennen. Man steht daneben, wird vielleicht vorgestellt, ja und das war’s dann auch schon. Man wartet brav ab bis man wieder beachtet wird und schlurft einen Meter weiter um von der nächsten Begrüßungsflut fast umgerannt zu werden. Es sind die Menschen die, wenn über sie gesprochen wird, ein seliges Grinsen bei den Gesprächspartnern erzeugen. Wie satte Babies sehen sie einen mit glänzenden Augen an und schwelgen in Erinnerungen. Weil es gibt Tonnen von diesen Erinnerungen. Spannende Storys. Groteske Begebenheiten die einem da um die Ohren gepfeffert werden. Man selbst geht mit der Person Kaffee trinken. Leckt ab und zu an dem Esprit, den sie versprüht, und kehrt dann zurück in den hauseigenen Bunker aus Belanglosigkeit und Langeweile. Weil man sich dort eigentlich ganz wohl fühlt. Weil man es nicht für nötig befindet sich einzureihen in diese Gruppe von „everybodys darlings“.

Es scheint fast so als umgebe diese Menschen ein Strahlen. Als scheine ihnen die Sonne so dermaßen offensichtlich aus dem Arsch, sodass sie von einem steten Sonnenschein umgeben sind. Wenn sie einen Raum betreten spürt man eine Welle von Wärme die einem entgegen schießt und man weiß genau, dass es nur an dieser einen Person liegt. Es sind die Menschen, die auf jedem Foto die einzigen sind, die trotz spontaner Fotografie hübsch anzusehen sind und ein wunderschönes Lächeln auf dem Gesicht liegen haben.

Einerseits bewundert man sie. Schon allein für dieses Namensgedächtnis. Wo speichern sie die Namen nur alle ab und wo sammeln sie dann die ganzen sinnlosen Informationen, die man sonst so Tag für Tag in sich aufsaugt? Sind beliebte Menschen also gleichzeitig superintelligent? Und dann beneidet man sie ein bisschen. Weil man selbst nicht so ist. Man selbst betritt einen Raum und es passiert nichts. Bei Fotos versteckt man sich hinter dem einen Menschen der größer ist als man selbst. Man fährt in eine andere Stadt und muss sich dort nicht, wie das Schätzchen von Dienst, bei trilliarden Leuten melden, weil die sonst beleidigt wären. Man läuft anonym durch die Straßen und weiß ganz genau, dass man niemanden treffen wird, so ganz zufällig, der einen dann spontan zu einem Kaffee einlädt. Man kennt keine Barkeeper, Türsteher, Filmvorführer, Cafe-Betreiber, Dönerbudenbesitzer. Man existiert einfach nur. Hat seinen kleinen Freundeskreis, seinen winzigen Bekanntenkreis. Wenn man gefragt wird ob man die Person kennt, die wahrscheinlich im selben Dorf wohnt wie man selbst, zuckt man unwissend mit den Schultern. Weil man sich nicht für die Dorftrottel interessiert die um einen herum sind. Man geht nicht auf die Feste die veranstaltet werden um sich in bierseeliger Laune in die Arme zu fallen und die Zunge in den Hals stecken zu lassen.

So war man nie. Während die coolen Kids auf alkoholgetränkte Hüttenparties gingen, ihre Unschuld verloren und am Abend mindestens dreimal kotzten, vielleicht sogar während dem Verlieren der Jungfräulichkeit, lag man selbst brav schlummernd im Bett, rauchte vorher vielleicht noch heimlich ein Zigarette am Balkon und war zufrieden. Weil man meinte sich selbst dazu entschieden zu haben so zu sein. Weil man meinte eine Wahl zu haben.

Und wer kennt ihn nicht. Den Klassen-Loser. Der eine Mensch in der Klasse, den scheinbar keiner haben will. Über den gelacht wird und der auch noch brav mitlacht weil er hofft das mache ihn besser. Er trägt die falsche Brille, sitzt nagend an Muttis Pausenbrot in der hintersten Ecke und vielleicht fallen ihm auf der Heimfahrt die besten Kontersprüche der Welt ein. Immer dann, wenn es schon zu spät ist und die anderen schon lange vergessen haben, worüber sie sich lustig gemacht haben. Das Schlimme ist, wenn man sich mit so Sonnenstrahlkindern umgibt, dann fühlt man sich genau so wie dieser arme Tropf. Man knabbert an seinen Fingernägeln und wünscht sich ein großes Loch das sich auftut um darin verschwinden zu können. Weil einem diese Menschen bewusst machen, dass man selbst scheinbar ein gewaltiger Loser ist. Einer der nicht in das soziale Gefüge Menschheit passt. Einen daran erinnern, dass man wohl
vielleicht doch alles falsch gemacht hat. Schon damals als man sich noch heimlich die Bravo kaufte weil die Mutter die Nacktbilder so abstoßend fand. Dann fängt man an sie zu beneiden. Man will dazu gehören und macht sich wie der Klassentrottel zum Vollhorst. Vielleicht besäuft man sich um es sich selbst leichter zu machen und eine gute Ausrede zu haben, sollte es aus dem Ufer laufen. Man hampelt herum, reißt Witze auf eigene Kosten und fühlt sich wohl, wenn sich die anderen die Bäuche halten vor Lachen. Und doch bleibt man im Endeffekt nur eine kleine Lachnummer des Abends. Ein heiterer Abendfüller dessen Namen man schon am nächsten Tag nicht mehr weiß. Und wieder kehrt man in den Bunker zurück und sucht die Geborgenheit des uninteressant seins.

Möchte ich aber wirklich dazu gehören? Ein Teil dieser „party all night long and
everywhere I go“-Meute sein. Aus jedem Moment ein Fest machen und die halbe Welt daran teilhaben lassen? Weil man es kann und weil man eine gewisse soziale Verantwortung hat die besten Party-Pics in allen bekannten Portalen zu posten. Oder sollte es mir reichen, dass ich als einzige Frau in meiner Klasse mit 95% Kerlanteil als ebenbürtig anerkannt werde, dass ich ab und zu auf großartige Konzerte gehe und noch andere Interessen kenne außer meine Leber zu strapazieren?

Wir werden sehen wie sich mein Leben in den nächsten zehn Jahren verändert. Wenn es sich denn verändert. Wenn alle anderen durch Vitamin B in ihre Festanstellungen rutschen werde ich wohl weiterhin in dem einen Cafe sitzen in dem ich immer sitze, mich über das Licht und die Musik beschweren, werde weiterhin armselige Artikel verfassen in denen ich die Menschheit verfluche und davon träumen einen Lebenstraum zu haben. Ich werde mit meinen Katzen leben, das wenige Geld, das mir Vater Staat in den Arsch schiebt für Sinnlosigkeiten ausgeben und mich fragen ob ich nicht vielleicht irgendwann etwas falsch gemacht habe.

Advertisements

6 Gedanken zu “Sonne aus dem Arsch

  1. Wie man sie hasst diese Sonnenmenschen, denn ohne sie würde man sich nicht so klein und unbedeutend fühlen 😦
    Du sprichst mir aus der Seele…

  2. Das ist ja nicht das Problem der Sonnenmenschen. Wenn es Euch stört, klein, unbedeutend und langweilig zu sein, gibt es zwei Möglichkeiten:
    1. Was ändern und sehen, on es nun besser ist
    2. In Selbstmitleid zerfliessen und vielleicht später eine veritabele Depression zu entwickeln

    Ist alles Kopfsache – das muss man aber erst mal begreifen.

    • Sicher ist das nicht deren Problem. Habe ich nie behauptet und würde ich mir auch nie anmaßen. Und ich hoffe das ich nicht das Bild vermittle, dass ich darunter „leide“. Ich finde es ganz in Ordnung so wie es ist. Das hier handelt davon wie ich die Welt und ihre Menschen erlebe. Ganz einfach. Nicht mehr und nicht weniger.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s