Blauer Bademantel

Hellblauer Bademantel. Graue Haare, die dreckig aussehen. Die aussehen, als hätte man sie jahrelang nicht gekämmt und gewaschen. Ein liebloser Haarschnitt. Hauptsache die Haare fallen nicht mehr in das
verbitterte Gesicht. Ein Rollstuhl. Der Beutel des Blasenkatheters daran befestigt. Urin der einfach nur noch aus der Frau herausläuft. Sie muss gar nichts mehr machen, es läuft einfach. Egal ob sie es will oder nicht. Beim Essen, Rauchen, während dem Trinken oder im Schlaf. Ein Körperfunktion deren Kontrolle ihr abgenommen wurde. Eine Infusionsnadel im Unterarm. Zugeklebt. Man sieht nur die rosa Spitze der Kanüle. Um sie voll zu pumpen mit Medikamenten die ihr das Leben erleichtern sollen. Kleine Hände die nicht mehr dazu da sind um sich im Alltag zurecht zu finden. Sie müssen nur noch das Nötigste. Gabel, Messer, Löffel oder Glimmstengel halten. Vielleicht wird diese Hand ab und zu gedrückt. Mitleidig, weil man das Flehen in den verquollenen Augen sieht. Weil man meint es würde helfen. Dieses Drücken. Ganz klein sind diese Hände und unbeholfen wenn sie die Zigarette festhalten. Die einzigen Momente in denen sie dem Raum entkommt, der wahrscheinlich wie alle Räume grün gestrichen ist. Ein Fernseher, ein Kreuz, eine Pinwand mit den wichtigsten Informationen die man wissen muss, wenn man im Krankenhaus ist. Essensplan, Bedienung des Fernsehers und des Telefons sowie die Uhrzeiten des Gottesdienstes. Mehr muss der Mensch im Krankenhaus nicht. Fressen, fernsehen, hoffen das jemand anruft und beten. Denn dort ist man nicht ohne Grund. Nicht aus Spaß lässt man sich um 6 Uhr Morgens wecken, um aus winzigen Plastikbechern die Himbeermarmelade zu kratzen und aus kleinen Papiertütchen Zucker in den viel zu schwachen Kaffee zu schütten.

Ihre dicken Beine treiben den Rollstuhl an, sobald sie sich wieder in Bewegung setzt. Schwer fällt es ihr und man würde ihr am liebsten helfen. Man fragt und es wird dankend abgelehnt.

Plötzlich war diese Frau da. Sie tauchte auf und seitdem will sie nicht verschwinden. Sie verfolgt mich wie ein Schatten und hört nicht
auf die Geister der Vergangenheit wachzurütteln. Als ich sie das erste Mal sah erschrak ich. Tränen schossen mir in die Augen und zügig rauchte ich meine Zigarette fertig. Gab dem Mädchen gegenüber zu verstehen sie solle sich beeilen, denn der Anblick dieser Frau erinnerte mich zu sehr an Vergangenes. Den restlichen Tag starrte ich wie paralysiert auf den Bildschirm und nahm nichts mehr wahr. Vor meinem inneren Auge sah ich sie. Diese Frau und suchte die Parallelen. Ich fand sie in allem was ich sah. Ich erinnerte mich an jede einzelne Bewegung und musste schlucken. Weil es mich zurückwarf. In eine Erinnerung die ich jeden Tag gut verdrängte. Seit dem einen Tag der vieles verändern sollte verdrängte ich. Gönnte mir kurze Pausen vom Verdrängen und stürzte mich wieder kopfüber in diese wohlig weiche Umarmung des Selbstbetrugs. Doch diese Frau riss mich heraus aus diesem Erwachsen und presste mich mit aller Gewalt ins Kindsein zurück. Ich versuchte es zu akzeptieren. Versuchte mich wieder darauf zu konzentrieren stark zu sein. Denn darin bin ich gut. Doch ich hielt es nicht aus. Jedesmal wenn ich sie sah warf ich ihr verstohlene Blicke zu. In meinem Kopf eine Stimme die ihr sagte sie solle doch bitte verschwinden. An manchen Tagen wollte ich allen Mut zusammenfassen und sie ansprechen. Nur um die Illusion zu zerstören das die Ähnlichkeit nur eine idiotische Idee meines Kopfes sei. Ich traute mich nicht.

Ich bemitleide sie, diese Frau mit dem Schlauch zwischen den Beinen und der Einsamkeit in jeder fahrigen Bewegung. Ihr Blick sagt mir, dass sie sich sicher ist, das alles nicht verdient zu haben. Den Sinn verloren im Dasein. Ballast ist sie geworden. Vor allem für sich selbst.

Ich arbeite an dem Ort den ich am meisten hasse. Und dort treffe ich sie. Die Projektionsfläche meiner Erinnerungen. Fast jeden Tag. Im Aufzug, im Raucherzimmer, vor dem Gebäude. Es versetzt mir Stiche ins Herz.

Es erinnert mich daran, dass dieser andere Mensch, bevor er eingeäschert wurde ausgeweidet wurde wie eine Weihnachtsgans. Gelb soll das Fleisch sein wenn es tot ist. Es soll stinken. Ein Gestank den man nur in der Hölle vermutet. Aufgeschlitzt soll sie in einer Wanne gelegen haben. Alles Blut musste raus aus ihrem Körper. Jedes Organ untersucht. Körper ausgestopft mit Zeitungspapier. Andere Papiere mit Daten bekritzelt, die offene Brust wieder zugenäht, nur notdürftig denn der Brennofen wartete schon. Ein Häufchen Asche blieb übrig.

Es erinnert mich an viele Menschen. Menschen die mich mitleidig ansehen und versuchen hinter meine Sonnenbrille zu blicken. An Umarmungen die mich abstoßen. An Worte die ich nicht hören will. An einen Organisten der vor seiner Orgel sitzt. Sein Hemd nicht richtig in der Hose, sein Blick suchend nach dem Pfarrer. Nervös rutschte er auf der Bank hin und her. Ich wollte ihn packen, gegen das Musikinstrument pressen und ihn anschreien. Die schwarze Strumpfhose die zu klein war und zwickte. Das Schluchzen. Der schwere Körper einer Frau die ich stützen musste. Sie weinte mir in die Haare und ich wusste nicht was ich zu tun habe. Sollte ich nicht diejenige sein welche? Der Friedhof. Die engste Familie um die Urne. Ich außen vor weil ich den Anblick nicht ertrug. Weiße Taschentücher die gegen Nasen gehalten wurden. Ein innerer Aufschrei. Anschreien wollte ich sie. Sie als Heuchler bloßstellen. Wenn du lebst interessiert man sich nicht an dich. Doch wenn du dann tot bist fährt einem das schlechte Gewissen in die Knochen und man weint. Weil es einem doch so leid tut. Menschen die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe sitzen dann bei Kaffee und Kuchen. Ich stehe draußen und rauche. Wir trinken Bier und rauchen.

Es erinnert mich an das letzte Telefonat. Daran, dass mir gesagt wurde, dass sie wegen mir geweint hat. Weil sie meinte ich hätte Besseres verdient als dieses Leben.

Es erinnert mich daran, dass mir was genommen wurde, was mich über 20 Jahre meines Lebens begleitet hat.

Es erinnert mich an Schmerz.

Das alles schafft diese einzige Frau die wohl am liebsten alles hinter sich hätte. Weil es keinen Ausweg gibt aus ihrem Dasein.

Und so werde ich sie weiterhin ansehen und mir vorsichtig gegen das Herz drücken wenn es wieder zu aufgeregt schlägt. Meine innere Stimme wird flüstern das es vorbei geht. Und schon werde ich kurze Zeit darauf wieder zurückkehren zu der Stärke. Die innere Kriegerin wird mich über ihre Schulter werfen. Sie wird beruhigend auf mich einreden und mich wachrütteln. Mir das Gesicht waschen und mir davon erzählen was noch vor mir liegt. Und ich werde sie ansehen und so tun als würde ich ihr glauben.

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4 Gedanken zu “Blauer Bademantel

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