Gescheiterte Existenzen

„Erlebe du erst mal was ich erlebt habe.“

Diesen Satz hört man gerne in verrauchten Kneipen. Schummriges Licht, wacklige Barhocker, der Quotenalki in der hintersten Ecke. Warum man sich selbst in so einem Schuppen befindet liegt entweder daran, dass es in dem Kaff, in dem man lebt, sonst nichts gibt und man für die Bushäuschen-Sessions zu alt geworden ist oder weil es so spät ist, dass sonst nichts mehr offen hat. Und weil man wohlerzogen und hoffentlich auch schon genügend alkoholisiert ist, plaudert man mit den Stammgästen dieser Lokalität. Man hört ja auch immer davon, wie lustig und erfrischend es sein kann sich mit gescheiterten Existenzen auszutauschen. Und oft kommt der Zeitpunkt an dem dieser eine Satz fällt. Meist total aus dem Zusammenhang gerissen. Urplötzlich steht dieser Satz im Raum und will beachtet werden. Meistens ist es ein Versuch des Gesprächspartners, einem seine schwere Lebensgeschichte aufs Auge zu drücken. Man soll für ihn den verständnisvollen Kneipenpsychologen
spielen und ihm vielleicht aus Mitleid oder Dankbarkeit, dass er einem diese
ach so schlimme Geschichte erzählt hat, auf dem Klo einen blasen. Ich weiß es nicht genau.

Üblicherweise ignoriert man ihn. Man bestellt sich einen weiteren Schnaps, zündet sich eine weitere Zigarette an und fragt sich, wann die wohl hier das letzte Mal die Fenster geputzt haben.

Ich habe mir ein einziges Mal die Mühe gemacht auf diese Aussage einzugehen. Ich fragte nicht nach, was so schlimm gewesen sei im Leben meines Gegenübers, sodass er meint so etwas sagen zu müssen. Ich erzählt ihm von dem was ich erlebt habe. Was bisher in meinem Leben passiert ist. Und während ich so erzählte wurde er immer kleiner. Er sah mich mit seinen glasigen Augen an und wusste nicht wie er darauf reagieren sollte. Nicht weil ich ein ach so hartes Leben hatte, sondern weil es jemand gewagt hatte seine These in Frage zu stellen. Als ich fertig war, fragte ich ihn, warum man meint ab einem gewissen Alter jungen Menschen vorhalten zu müssen, dass sie nichts Schlimmes in ihrem Leben erlebt haben. Ist man erst dann ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft wenn man ein gewisses Maß an Schrecklichkeit erleben musste? Gibt es da ein Punktesystem nach dem vorgegangen wird?

„Alkoholkranker Vater“ = 2 Punkte
„Alkoholkranker Vater der einen einmal in der Woche schlägt“
= 10 Punkte
usw.

Ich mag es nicht wenn Menschen damit „angeben“ wie schlecht es ihnen ergangen hat in ihrem bisherigen Leben und einem selbst vorwerfen man habe ja noch nichts erlebt. Ich könnte kotzen wenn ich sehe wie sie selbstmitleidig um Aufmerksamkeit gieren. Ich gestehe jedem seine eigene traurige Lebensgeschichte zu. Jeder hat das Recht darauf sein Leben so richtig schön Scheiße zu finden. Und wer nicht mit einem Bilderbuchleben gesegnet ist hat mein vollstes Mitgefühl. Es scheint jedoch so, als gelte man selber als weniger wert nur weil man nicht das selbe durchmachen musste wie diese Person. Und das macht mich wütend.

Sollte ich jemals als gescheiterte Existenz in einer dieser Kneipen sitzen und mich mit jungen Menschen, die sich dorthin verirrt haben, unterhalten, werde ich ihnen nicht vorwerfen, dass sie nicht das selbe erleben mussten wie ich. Ich werde ihnen von Herzen wünschen, dass ihr Lebensweg auf samtigen Bahnen verläuft. Ich werde ihnen erzählen wie falsch es ist, sein Dasein daran zu messen wie viel Scheiße man in der Hölle Leben schaufeln musste. Werde sie daran erinnern, dass sie es auskosten sollen, diese wohlige Sicherheit die sie hoffentlich jeden Tag empfinden. Und sie werden mich belächeln, sich einen weiteren Schnaps bestellen, eine weitere Zigarette rauchen und sich fragen, wann ich mich denn wohl das letzte Mal gewaschen habe.

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14 Gedanken zu “Gescheiterte Existenzen

  1. Schön sind auch abgewandelte Formen wie „Arbeite erstmal soviel wie ich schon hab!“ oder „Was ich durchgemacht hab, willst du nie erleben.“.

  2. Ich glaube nicht, dass sie das meinen, was sie sagen. Es ist ihnen nur peinlich, dass sie so abgewrackt sind. In dem sie dir vorhalten, dass du viel weniger erleben musstest, suchen sie die Entschuldigung für sich selbst.

    Macht die Sache nicht besser, aber verständlicher! 😉

    Gruss
    k.l.

  3. Kann ja sein, dass es wichtig ist so viel wie möglich Scheiße erlebt zu haben, aber es ist doch mindestens genauso wichtig, so viel wie möglich tolle Dinge erlebt zu haben.

    • Eben nicht. Ich wünsche jedem anderen Menschen ein plüschiges, saftiges und kopfgestreicheltes Leben voller Frohsinn und Freude. Kein Mensch sollte leiden nur um auch mal zu wissen wie das ist. Das macht keinen besseren Menschen aus einem sondern führt nur dazu, dass man verbittert in die Zukunft starrt und sich pathetisch fragt „Wozu der ganze Mist?!“

      • Nö! Fehler machen und negative Erfahrungen sind wichtig für das Leben, weil man daraus lernt. Wer ständig Zucker in den Arsch geblasen kriegt ist am Ende viel unglücklicher, weil er nix auf die Reihe bekommt.

      • Ich muss nicht in Flammen stehen, um zu wissen, dass Feuer gefährlich ist. Ich könnte gut und gerne auf einige Dinge meiner Vergangenheit verzichten. Weil es hat mir rein gar nichts gelehrt.

      • Aber das im positiven Sinn. Brennen vor Leidenschaft und hungrig nach Neuem. Aber nicht brennen vor Schmerz und hungrig nach Erlösung.

  4. man sollte möglichst nicht verbittert in die Zukunft blicken und aufgeben.
    Es ist nicht immer ganz einfach neu anzufangen aber es geht.

  5. Diesem Beitrag kann ich einfach nur zustimmen. Ich hab vielleicht noch nicht viel (wirklich) Schlimmes erlebt- finde diesen Satz, dieses Gefühl dahinter aber genauso schrecklich. Jedem seine Lebensgeschichte, ich hab Respekt davor. Wenn doch nur alle ein kleines bisschen Respekt hätten, vor allen Lebensgeschichten =)

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