Sterbende Geräusche

Und plötzlich war sie da. Diese Stille.

Es gibt Geräusche im täglichen Leben, die nimmt man nicht mehr wahr. Es sind diese unnatürlichen Geräusche an die man sich irgendwann gewöhnt wenn sie einem dauerhaft in den Gehörgang kriechen. Straßenlärm, der Lüfter des PCs, die ratternde Waschmaschine, wenn sie wie ein angefixtes Kaninchen durch das Bad hopst weil sie den Schleudergang zelebriert. Diese Geräusche findet man nicht schön und sie werden irgendwann einmal herausgefiltert, wie die Gesprächsfetzen des nervigen Banknachbarn zu Schulzeiten. Man blendet sie aus und verdrängt sie sehr gut. Bis zu dem Zeitpunkt an dem dieses Geräusch plötzlich nicht mehr da ist. Man vermisst es plötzlich. Oft weiß man gar nicht was man da vermisst. Es kommt nur dieses Gefühl in einem hoch, dass da etwas nicht stimmt.

Und genau das war der Fall. Plötzlich war es weg. Ein Geräusch das man jahrelang im Unterbewusstsein mit sich herumgetragen hat, war plötzlich weg. Ich wusste sofort was das bedeutet. Es bedeutete nichts Gutes wenn dieses Geräusch weg war. Sobald ich die Haustür aufschloss war dieses Geräusch da. Und dann… nichts mehr. Dieses Geräusch erinnerte sehr an das einer Beatmungsmaschine. Was es in gewisser Hinsicht auch war. Es versorgte jemanden mit Sauerstoff dessen Lungen selbstständig nicht mehr in der Lage waren genügend davon aufzunehmen. Ab und an piepste dieses riesige Gerät das man mit sterilem Wasser befüllen und dessen Filtern man reinigen musste.

In dieser Nacht als ich nach Hause kam war das Geräusch wieder
einmal weg. Ich wusste was dies bedeutete. Das Tablett mit den Salzstangen und den Tablettenresten lag vor der Schlafzimmertür und es war still. Wie ich sie hasste diese Momente an denen ich die Tür aufschloss und vorsichtig horchte. Um zu wissen ob alles gut sei. Es war spät in der Nacht und die restlichen Bewohner schliefen, sodass ich nicht nachfragen konnte was denn wieder passiert sei. Aber ich kannte sie. Diese Prozedur. Es kommt ein Krankenwagen, es kommen zwei starke Männer, denn man sagte ihnen schon am Telefon, dass man starke Männer benötigen wird. Ein Notarzt kommt. Kuckt. Sagt den Männern sie sollen die Person mitnehmen und ich beginne die wichtigsten Dinge zusammenzupacken. Zahnbürste, Zahnpasta, Handtücher, Unterhosen, Hausschuhe, …

Es wurde zur Routine dieses Packen, dieses in Krankenzimmern stehen und nicht wissen was man erzählen soll. Kurz eine rauchen gehen damit man nicht weiter Barbara Salesch dabei zukucken muss wie sie für Recht und Ordnung im deutschen Fernsehen sorgt. Oh die Bettnachbarin muss mal auf den Pott. Ja natürlich geh ich kurz raus. Durchatmen weil man bald wieder fahren darf sonst verpasst man den Bus und kommt nicht mehr nach Hause. Ein schlechtes Gewissen, weil man das Krankenhaus erleichtert verlässt. Dieses widerliche Gebäude vollgestopft mit Krankheiten, Sehnsüchten, Hoffnung und dem Tod.
Intensivstation mit Öffnungszeiten. Klingeln, warten, Namen und Familienstand nennen. Reingelassen werden. Vorbei an den anderen Patienten. Rein in den kleinen Raum und den Maschinen beim maschinieren zusehen weil viel kann man sonst nicht machen. Ein bisschen die Hand berühren die leblos neben der Person liegt und heimlich ein paar Tränen aus den Augen drücken. Schnell wegwischen weil man nicht sicher ist ob es die Person vielleicht doch mitkriegt. Man erzählt von seinem Tag, küsst vorsichtig die Wange, sieht noch einmal besorgt auf die Anzeigen der Geräte die an dem Menschen hängen und geht wieder. Nachts liegt man im Bett und beschimpft Gott. In die dunkle Nacht schleudert man Hasstiraden und verflucht ihn. Auch wenn man gar nicht an Gott glaubt. Man sucht einen Schuldigen und Gott als Sündenbock zu verwenden ist immer der einfachste Weg.

Seit über einem Jahr gibt es das Geräusch nicht mehr. Es verschwand in dieser einen Nacht für immer und wird nie wieder zurückkehren. Am Anfang bildete ich mir noch oft ein, ich würde es hören. Die Gewohnheit schleuste mir Erinnerungen an dieses Geräusch in mein Gehirn und ließ die Maschine wieder atmen. Ich zweifelte kurz an meinem Verstand, schüttelte den Kopf und dann war es auch wieder weg.

Nie vergessen werde ich diese Momente in meinem Leben. Das
Tablett vor der Tür, die letzten Worte die ich mit der Person wechselte und die keine netten Worte waren. Der Montag der alles veränderte und bei dem man wusste, dass dieser Montag kommen würde. Die Fahrt im Bus. Der erste Gedanke als die Nachricht mein Bewusstsein erreichte und der erste Satz den ich von mir gab. In ein paar Stunden ein BigPack weggeraucht, sich über weitere Schritte Gedanken gemacht und rumtelefoniert. Eine Verabredung abgesagt und weitergeraucht.

Und noch heute quälen mich Vorwürfe die ich mir selber mache. Ich war undankbar und ungerecht. Jeden Tag. Und im Nachhinein ist man ja immer um so vieles klüger. Fick dich du Nachhinein. Fick dich und deine altklugen Weisheiten über das Leben!

Ich hätte es gern zurück. Nicht das Geräusch, sondern die Person mit der ich dieses Geräusch verbinde. Doch die Vernunft sagt einem dass es besser so ist. Und so habe ich nichts außer einem Grabstein und dem schlechten Gewissen das ich jeden Tag mit mir herumtrage.

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