Nasendrama

Heute wurde mir wieder einmal eine Unart des Menschens klar und deutlich unter die Nase gehalten und schon allein wenn ich daran denke, kommt mir die Galle hoch. Es sind die Brüder Ignoranz und Intoleranz.

Folgende Begebenheit führt zu meinem Menschenhass, den ich seit heute Nachmittag mit mir herumtrage. Wir kennen uns, der Menschenhass und ich. Trinken ab und zu ein Bierchen miteinander und ziehen über die Menschheit her. Wie Stammtisch. „Und die Menschen, die machen doch sowieso was sie wollen.“ Ihr versteht. Also.

Ich war gerade dabei einen Drucker wieder zum Laufen zu bringen, als eine der dort arbeitenden Personen freudig grinsend in meinen Haaren herumwurstelte und mir zu verstehen gab, wie schön sie es doch finden würde, dass ich wieder „normale“ Haare hätte. Man muss dazu sagen, dass ich einige Monate mit pinken Haaren durch die Lande lief und mich aufgrund von Bewerbungsvorbereitungen für einen neuen Job für einen weniger auffälligen Farbton entschieden habe. Es handelt sich dabei um kackbraun und jeden Tag spiele ich mit dem Gedanken mir doch einfach eine Glatze zu scheren. Als sie fragte wieso ich mich wieder umgefärbt habe, erklärte ich ihr die Situation. Plötzlich fasst sie mir an die Nase und meint „Ja aber da musst du dann auch noch rausnehmen.“ Damit meinte sie meinen Nasenring. Ich erwiderte, dass ich dieses sicher nicht tun werde und sie meinte daraufhin, dass ich SO nie Arbeit finden würde.

Nun stellt sich mir die Frage ob wir heutzutage wirklich immer noch so weit davon entfernt sind über den Tellerrand zu sehen. In Zeiten in denen die Verschönerung des Körpers durch Piercings oder Tattoos an der Tagesordnung ist, weil sich jede kleine Teenie-Göre zum 14ten schon ein Nabelpiercing wünscht (und das auch schon zu der Zeit als ich noch 14 war), ist ein kleiner Nasenring scheinbar immer noch eine Sache, für die man kein Verständnis aufbringen kann. Oder es einfach nicht will. Die Ironie der Sache ist jedoch folgende. Würde meine Nase ein kleiner Glitzerstein zieren, der in meinen Augen aussieht wie ein überdimensionaler Mitesser der ganz dringend getötet werden sollte, wäre das alles kein Problem.

Die momentan angesagte Mode führt dazu, dass junge Frauen mit Ketten um den Hals herumlaufen, die mich eher an Schneeketten mit Glitzer erinnern als an Schmuck. Überdimensionale Glitzerfunkelsteine baumeln an den dünnen Hälsen und werden vervollständigt durch weiteren Herzchenklimbim. Eine auffälliges Gebimmel, das ich persönlich ziemlich hässlich finde. Monströs, peinlich und sicher auch noch total unpraktisch. Meine subjektive Meinung. Da sich dieses Ding aber nicht an irgendeiner Nase befindet und man das ja jetzt so trägt ist das alles halb so schlimm. Ich habe einen kleinen Ring durch die Nasenwand, ich bin unansehnlich, uneinstellbar und nicht zukunftsfähig. Ich kleiner Pseudopunk.

Nochmal zusammengefasst. Nasenstecker ist in Ordnung. Nasenring ist böse. Beide Dinge sieht man, ist ja auch mitten im Gesicht, beide Dinge basieren auf der Tatsache, dass man sich eine Nadel durch die Haut hat rammen lassen, beide Dinge dienen als Schmuck. Jedoch scheint meine Wahl des Schmucks dazu zu führen, dass ich zu einem geht-ja-mal-gar-nicht werde.

Dieselben Leute, die mir vorwerfen, dass ich diesen Ring trage sind oft auch die, die es süß finden, wenn sich kleine zierliche Mädchen einen Glitzerstein über der Lippe hintackern. Unter Kennern nennt sich dieses Piercing „Madonna“ und ich persönlich kenne kein Piercing das dämlicher aussieht.

Aber es glitzert, es ist klein und die Assoziationen die man zu der Sorte Schmuck hat scheinen nur positiver Natur zu sein.

Ich möchte dazu sagen, dass ich es verstehe, wenn man einen Menschen, der beide Oberarme tätowiert und sich sein gesamtes Gesicht mit Metal ausschmücken hat lassen, nicht an den Schalter einer Bank stellen möchte. Bestimmte Berufsbilder verlangen ein gewisses Auftreten, das man mit solch einem Äußeren nicht vermitteln kann. Jedoch sehe ich es nicht ein mich wegen einem popligen Nasenring verstecken zu müssen. Ich sehe es auch nicht ein mir diese schmerzhafte Erfahrung zu entfernen, nur weil man es so von mir erwartet. Ich habe kein Verständnis dafür, dass ich wegen dieser Sache sofort in eine Schublade gesteckt werde in die ich nicht einmal passe. Ich habe kein Verständnis für die offensichtliche Doppelmoral die zu diesem Thema herrscht. Und es macht mich traurig und wütend zugleich, dass wir ach so aufgeklärten Menschen immer noch nicht weiter in unserer Entwicklung fortgeschritten sind, um über solche Äußerlichkeiten hinwegzusehen. Und es macht mich unglaublich zornig, dass ich wirklich mit dem Gedanken gespielt habe mir den Ring für Bewerbungsfoto und zukünftige Vorstellungsgespräche zu entfernen.

Wenn man mich nicht einstellen will weil ich ein inkompetenter Trottel bin, verstehe ich das vollkommen. Aber nicht wegen solche einer metallenen Lächerlichkeit. Und ich hoffe mein zukünftiger Arbeitgeber sieht das auch so.

Und zum Schluss ein fabelhaftes Zitat.

„Die Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei ist nur schwer zu ziehen:
Stecken Sie sich einen Ring in ihre Nase, und Se sind eine Wilde; stecken Sie sich zwei Ringe in Ihre Ohren, und Sie sind zivilisiert.“

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6 Gedanken zu “Nasendrama

  1. Letztlich taugt das, so meine Sichtweise, wunderbar als Arbeitgeberfilter (den man sich aber natürlich auch nur erlauben kann, wenn man nicht aus existentieller Not unbedingt /irgendeinen/ Job braucht), denn möchte man wirklich überhaupt für eine Firma oder eine Person arbeiten, die Bewerber aufgrund solcher Belanglosigkeiten ablehnt, die noch dazu privater Natur sind und den Job in der Regel nicht beeinflussen?

    • Das stimmt schon auch. Leider befinde ich mich nicht in der Situation, mir meine zukünftigen Arbeitgeber auf diese Weise auswählen zu können. Das ist das Problem an der Sache. Ich sehe einerseits keinen Sinn darin mich wegen einem engstirnigen Vielleicht-Chef „verbiegen“ zu müssen, andererseits wird es wohl darauf hinauslaufen, dass ich dies tun muss. Weil ich es mir nicht erlauben kann, auf jede sich mir bietende Möglichkeit auf Arbeit, mit einer Trotzreaktion zu reagieren.

  2. 1. Ich dachte das Piercingmodell „Madonna“ würde „Herpespiercing“ heissen, so kann man sich täuschen…
    2. Ich persönlich mag ich Nasenringe und diese Hülsen in den Ohrläppchen, wo ein Bleistift (oder Dinge mit größerem Durchmesser) durchpasst, auch nicht – und ich habe keine Ahnung, warum das so ist.
    3. Was mich bei solchen Marginalien immer wundert: Definiert der kack Ring Deine Persönlichkeit? Bricht Dein Ego zusammen, wenn er weg ist? Oder ist das nur Sturköpfigkeit, weil Du Deine *Andersartigkeit* betonen willst?

    • Dieser Ring definiert eben rein gar nix. Es ist ein popliges Stück Schmuck das ich gerne trage weil es mir gefällt. Es war ein Geschenk. Für mich als Nadel-Phobiker war es zusätzlich eine mit Panik verbundene Aktion. Und ich sehe es nicht ein mir so minimale Veränderungen an meinem Körper verbieten zu lassen nur weil man es nicht gerne sieht. Ich versuche es zu akzeptieren, dass man mit pinken Strähnchen ansehnlich ist, mit einem Kopf voller pinker Haare scheinbar nicht. Ich versuche mich bei der Wahl meiner Kleidung auf die jeweilige Situation einzustellen. Aber nur weil ich einen Ring und keinen Stecker in der Nase trage vorverurteilt zu werden sehe ich nicht ein. Liberal wollen wir alle sein. Aber sobald jemand nicht aussieht wie wir ihn haben wollen ist er verkehrt. Ich bin nicht der einzige Mensch auf diesem Planeten mit nem Ring in der Nase. Der Anblick sollte also kein neuer sein. Und geheuchelte Toleranz geht mir gegen den Strich!

  3. Ich muss vorweg nehmen, dass ich selber auch gern ein Piercing hätte, allerdings an der Unterlippe…
    Aus Gründen der Jobsuche, wie meine Eltern das so schön sagen, is es allerdings der Fall, das die meinen, ich sollte mir das noch mindestens 15 mal überlegen, weil es könte ya doch sein, dass ich in der Bank arbeiten möchte oder Versicherungsvertreterin werde.. was ich allerdings nich so sehe. :S
    Bei solchen Jobs (finde ich zmd) kann man ya noch einsehen, dass die einen nicht einstellen wollen/können weil es einfach zu viele Menschen gibt, die was gegen Piercings und Tattoos haben… Und daher auch nicht mit Gepiercten in berührung kommen wollen.
    Ich versteh aber nich, warum man in stinknormalen Berufen, als Journalist, als Fotograf, als Blumenverkäufer meinetwegen auch, ebenfalls keine Piercings haben sollte. Das gehört einfach zu einem und is, genau wie Ohrringe, NUR ein bisschen Metall das durch ein kleines Loch gestecht wurde! Ohrringe hat doch auch jeder zweite (mindestens) und bei denen heißt es auch nich, sie dürften hier und da nicht arbeiten weil sie einen Stecker in den Ohren haben. Oder schlimmer: Ein Ring! Oh Gott Oh Gott!

    Ich hör nu mal auf, sonst wird das hier zu lang 😉
    Liebe, liebe Grüße! MsSouris (Twitter)

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