Vom Kind bleiben und erwachsen werden

Ich sei ein Kindskopf. Kindisch von Grund auf und die Ernsthaftigkeit müsse man mir wahrscheinlich einprügeln, weil ich es einfach nicht lernen will. So manch einer nennt mich sogar zurückgeblieben. Weil er es einfach nicht anders weiß. Und vielleicht hat er sogar Recht. Sie alle haben vielleicht Recht wenn sie behaupten, dass ich selbst schuld daran bin, dass man mich so selten ernst nimmt, wenn ich denn mal ernst bin.

Das seltsame an der Sache ist jedoch, dass ich wahrscheinlich einer der ernsthaftesten Menschen bin, die auf diesem Planeten herumlaufen. Ich will es nur nicht wahrhaben. Wenn ich sehe wie die Teenies sich heutzutage in langjährige Beziehungen stürzen, von Dingen reden, die sogar mir jetzt noch als zu weit weg erscheinen, dann merke ich, dass hier irgendetwas nicht richtig läuft. Ich beginne mich mit Gleichaltrigen zu vergleichen. Ich packe meinen Lebensstreifen aus und lege ihn neben die ihrigen. Und wenn ich sie so ansehe, diese schmalen Streifen mit den Markierungen, dann bemerke ich, dass da kaum Parallelen zu finden sind. Einzig und allein die Zeit der Einschulung scheinen wir gemeinsam zu haben. Und dann? Was ist dann passiert? Was haben diese Menschen gemacht und was habe ich gemacht? Wann kam der Moment, an dem ich verpasst habe mitzumachen?

Ich muss mir nur mein näheres Umfeld ansehen. Meine Schwester wird dieses Jahr 22 Jahre alt. Sie wird bis dahin ihre Ausbildung als Einzelhandelskauffrau abgeschlossen haben, lebt dann zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahre mit ihrem Freund zusammen, den sie jetzt Verlobten nennt. Sie hat zwar, wie ich, noch keinen Führerschein, doch sie hat schon ein Auto das sie abbezahlt und das sie mit komischen Stickern dekoriert.

Daneben stehe ich. Ich werde dieses Jahr 26. Wenn alles gut läuft, werde ich dieses Jahr meine Ausbildung beenden, hoffentlich erfolgreich. Ich lebe bei meinem Vater weil ich mir keine eigene Wohnung leisten kann und habe keinen Führerschein. Was eine Beziehung anbelangt… lassen wir das lieber. Schon in diesem kleinen Kreis der sich Familie nennt, merke ich, dass irgendwas falsch läuft. Das ich an irgendeinem Punkt in meinem Leben zu lange geschlafen habe. Das ich es versäumt habe mit mitreißen zu lassen, um ein Teil des Einheitsbreis zu werden.

Jetzt ist es nicht nur so, dass ich in allem ein kleiner Spätzünder bin. Es kommt noch hinzu, dass ich mir ein fast krankhaftes kindliches Gemüt bewahrt habe. Wenn man sich in meinem Zimmer umsieht kann man schnell einmal vergessen, dass es sich um das einer erwachsenen Frau handelt, was ich im Grunde bin.

Und so frage ich mich oft, ob ich etwas falsch mache. Oder ob ich es genau richtig mache. Weil ich mir die Zeit nehme, die ich brauche und nicht die, die mir von Normen vorgeschrieben wird. Weil ich es mir eben nicht verbieten lasse, mich an rosa Plüschelefanten zu erfreuen. Weil ich trotz alledem was ich erleben und sehen musste, noch über kleine Albernheiten lachen kann.

Man sagt immer, dass man das Kind in sich nie sterben lassen soll. Und bei vielen Menschen, die mir begegnen, habe ich das Gefühl, dass sie das schon vor Jahren getan haben. Sie leben nur noch dafür, um ihre Ziele zu verfolgen. Es sind meist keine hochgesteckten Ziele. Es fühlt sich eher so an, als würden sie eine Liste abarbeiten. Und wenn sie dann damit fertig sind,… ja was ist dann? Können sie dann beruhigter sterben? Oder machen sie das nur, weil es ihnen so eingetrichtert wurde von ihrem familiären Umfeld? Weil sie es nicht anders kennen.

Ich habe keine Antwort darauf. Und ich bin mir sicher, dass die Art wie ich mein Leben bewältige auch nicht gerade Nachahmer finden sollte. Jedoch liebe ich es, dass ich mich über Smarties freue, kichernd Jungs auf den Kopf schlage, wenn ich sie voll in Ordnung finde. Und wenn ich in der Kinderabteilung bei H&M Haargummis mit den Powerpuff Girls kaufen will, dann mach ich das. Außer die Sache mit den Snoopy-BHs. Die habe ich überwunden. Heute reichen HelloKitty-Unterhosen.

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5 Gedanken zu “Vom Kind bleiben und erwachsen werden

  1. Also ich sehe da zumindest einige parallen zu mir…ich habe irgendwie auch einiges verpennt(25, drittes Lehrjahr, Wohnsituation) und wahres Spielkind, Kindskopf und habe die Ruhe weg, wobei, jetzt kommt ein Unterschied(!), meine Partnerin(27) dass an mir sehr schätzt. Ich kann auch ernst sein und funktionieren, aber ich bin das nicht gern und Ihr bringe ich das aktuell auch gerade erst wieder bei, diese ganze kleinen aber irgendwie verdammt geilen Dinge, denn sie war auch eher einer dieser kühlen Listenmenschen.

    So, keep it on buddy xD

  2. Wenn ich 26 bin, möchte ich so sein wie du. Nur Hello Kitty ist scheiße. Das Ding hat keinen Mund. Und keine Augenbrauen… Aber sonst ist das, was du schreibst, wundervoll. Wer will schon am Ende seines Lebens sagen: „Endlich geschafft!“ Ich will sagen: „Das war echt ’ne geile Aktion. Das alles.“

    • Niemand braucht einen gradlinigen Lebenslauf, um glücklich zu sein. Deshalb sagt man „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“. Niemand ist vielleicht nicht ganz richtig. Möglicherweise gibt es doch Menschen dort draussen, die brauchen genau das, um zufrieden sein zu können. Andere widerum brauchen die Bestätigung, die sie im Job bekommen. Und wieder Andere finden die Erfüllung in der familiären Idylle, Reihenhaus, Hund, zwei Kinder, genau in der Reihnfolge.

      Zum Glück leben wir in Zeiten und in einer Gesellschaft, in der es größtenteils möglich ist, nach seiner eigenen Vorstellung seelig zu werden. Wer also weiß, wohin der Weg gehen soll, der kann ja dorthin gehen und dabei die Geschwindigkeit selbst bestimmen.

  3. Ich empfinde auch zuweilen einen großen Unterschied, wenn ich sehe, was manche Gleichaltrige bereits geschaffen und geschafft haben.

    Andererseits ist ein geradliniger, zielstrebiger Lebensweg auch nur bei Bewerbungen von Belang. Dort spricht man ja unsinnigerweise von „Lücken im Lebenslauf“, so als habe man im Koma gelegen oder sich in einem Paralleluniversum verlustiert.

    Manche Leute leben halt schneller und haben daher in derselben Zeitspanne mehr Lebensereignisse vorzuweisen, aber auch deren Tage haben nur 24 Stunden, also muss es bei denen doch anderweitig fehlen, zum Beispiel verwenden sie weniger Zeit zum Nachdenken, Reflektieren, Lesen oder einfach zum stillen Das-Dasein-Genießen.

    Bei Karrieremenschen frage ich mich immer, was deren eigentliches Ziel ist. Sie füllen sich die besten Jahre ihres Lebens mit zu viel Arbeit, um später einmal das Leben genießen zu können. Dann aber sind sie alt und von Zipperlein und Verpflichtungen geplagt.

    Im Endeffekt sitzen wir doch alle mit achtzig im gleichen Altersheim. Was gelten dann noch die materiellen Güter und beruflichen Erfolge. Was dann zählt, ist, dass man Spaß am Leben hatte und anderen das Leben nicht vergällte. Dass man neugierig und kreativ war, sich Gedanken gemacht hat und diese mitteilte. Dass man vielleicht in einigen Werken und Ideen weiterlebt, wenn das Materielle längst verwittert ist.

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