Lücke

Heute wage ich es, eine sehr eigenwillige Theorie aufzustellen, die sicher schon von Grund auf mit Fehlern behaftet ist, weil sie einfach falsch ist. Aber da ich in meiner eigenen Welt lebe, in der ich Radiergummis erfinde und allein dadurch schlanker werde, weil ich jeden Tag zwanzig Situps im Bett mache, funktioniert diese Theorie in meinem Kopf. Und das ist doch eigentlich das was zählt, weil man doch mit sich selbst im Reinen sein muss. Sagt man, wird einem gesagt. Jetzt aber zu meiner Theorie.

„Wenn einem etwas fehlt, dann doch nur, weil es eine Lücke hinterlässt, nicht weil man es braucht, sonst hätte man es schon vorher vermisst.“

Als ich kleiner Teenie war, wollte ich immer einen Freund haben. Was ich mit den dann schlussendlich mache, war mir herzlich egal. Ich wollte einfach einen. Leider musste ich mit einer Serie von Misserfolgen kämpfen. Kleine zarte Bande wurden geknüpft. Mein erster „Freund“ war der Dorfoberchecker, hinkte und irgendwie habe ich mich für ihn geschämt. Ich glaube aber er sich auch für mich. Also sind wir quitt. Unsere Beziehung sah so aus, dass wir im Bus nebeneinander saßen und unsere Knie aneinander rieben. Gut, es war weniger ein Reiben als ein nahes Nebeneinander. Händchen halten war nur drin, wenn es keiner sah. Warum ich zu dem Zeitpunkt unbedingt einen Freund wollte war nicht, weil mir etwas fehlte, sondern weil alle ihre ersten Erfahrungen machten. Und weil man nun mal alles will, was Andere haben, wollte ich das auch. Ich zelebrierte meine Wunschvorstellungen mit ewig langen Tagebucheinträgen die von Jungs berichten, mit denen ich unbedingt Händchen halten wollte. Kurzzeitig wurde ich sogar sehr aufdringlich was einen meiner Auserwählten betraf. Ich glaube ich habe noch nie in meinem Leben so viele Schienbeintritte verteilt wie zu dieser Zeit.

Doch irgendwann kam auch für mich die Zeit und ich führte meine echte richtige Beziehung. Mit allem Drum und Dran. Küssen, sich vermissen, „Ich liebe dich!“, „Ich liebe dich noch viel mehr!“, Jahrestag, nackte Tatsachen und Eifersüchteleien. Ich machte irgendwann Schluss. Doch schon war ich infiziert. Ich hatte ihn gespürt, diesen warmen Glibber der mit Samt bezogen um einen gehüllt wird, wenn man verliebt ist und eine Person findet in die man sich fallen lassen kann, wie in einen wohlig riechenden Haufen Stroh. Angefixt von dieser Liebessache vermisste ich es plötzlich. Ich fand es nicht mehr gut, einsam durch die Welten zu wandeln sondern wollte Teil eines Pärchens sein. Jetzt nicht mehr, weil es alle Anderen waren, sondern weil es mir fehlte.

Und so ist es in allen Bereichen des Lebens, aber besonders ausgeprägt auf der zwischenmenschlichen Schiene. Wenn man z.B. auf Menschen trifft, die einem auf eine gewisse Art und Weise ans Herz wachsen, dann war am Anfang nicht der Wunsch, nach einem neuen Freund, einem Kumpel mit dem man sich Insider schnitzen kann und mit dem man die Nächte durchquatscht. Diese Menschen tauchen auf und sind dann halt einfach da. Als wäre es nie anders gewesen und irgendwann vergisst man es sogar, dass es mal anders war, weil es zur Normalität wird. Und wenn dann dieser Mensch, aus welchen Gründen auch immer, plötzlich weg ist, dann vermisst man etwas. Vielleicht ging man im Streit auseinander und verflucht diesen Menschen so sehr, dass ihm eigentlich Blutfontänen aus den Ohren schießen müssten, doch im Hinterkopf oder auch in der Magengegend, irgendwo sitzt so ein kleines Pieksen und das lässt einen nicht los. Es stichelt munter drauf los und lässt sich gar nicht abbringen von seinem Akupunktur-Tripp. Weil man es plötzlich vermisst. Und oftmals ist es eben nicht der Mensch an sich, der einem fehlt, sondern das was man mit diesem Menschen verbunden hat. Dieser Mensch hatte sich eingefügt in das Leben das man geführt hat. Wurde ein Bestandteil davon und wurde einbezogen in die Alltäglichkeiten. Na und wenn er dann weg ist, dann ist da ein Loch. Wie ein Loch im Socken, genau an der großen Zehe. Ein Loch an dem man immer herumfummelt. So eins entsteht und man vermisst. Jedoch ist die Tatsache falsch, dass man denkt, es wäre genau der Mensch den man vermisst. Denn Menschen sind nun mal austauschbar. Auf diesem Planeten laufen sicher zig Barbaras rum, die genau so schlecht Blogs verfassen wie ich, einen miesen Job haben und sich wie ein kleines Kind freuen, wenn sie eine Fernbedienung für den neuen CD-Player der Freundin in die Hand gedrückt bekommen. Wenn ich weg bin, sind da schon viele viele andere Barbaras die liebend gern meinen Platz einnehmen wollen. Man ordnet das Gefühl, das man empfindet falsch ein und bildet sich ein, dass einem nur diese eine Person das geben kann, was man von ihr bekommen hat. In Wirklichkeit vermisst man nur das Gefühl, das einem diese Person vermittelt hat und wenn man ehrlich ist, ist es wie nach einer Beziehung, der man ewig lang hinterher trauert. Ist die obligatorische Phase der Trauerbewältigung überstanden, fängt man wieder an Ausschau zu halten nach dem nächsten Opfer.

Man könnte mir jetzt vorwerfen, dass ich das alles viel zu engstirnig sehe. Das ich mir alles mit meinem Drang nach Rationalität schön reden will, weil ich es nicht wahr haben will, dass ich Gefühle habe.

Aber fragt man ein Kind, das ohne Mutter aufgewachsen ist ob es eine Mutter vermisst, wird es dieses wahrscheinlich bestätigen. Jedoch nicht, weil es eine bestimmte Person vermisst, sondern weil es gelernt hat, dass der Mensch die gewisse Portion an Mütterlichkeit braucht, um frohen Mutes durch das Leben zu wandeln.

Dies ist sie. Meine Sicht der Dinge.

Und das nächste Mal erkläre ich euch, warum alte Menschen so langsam gehen und von Krankheiten geplagt werden.

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7 Gedanken zu “Lücke

  1. Mh. Wow.
    Mein Respekt.
    Ich glaube, ein Stück weit teilen wir da die Ansichten. Nur das ich’s wohl nie gepackt hätte das so treffend zu Formulieren.
    Gut Geschrieben. Gut Argumentiert. Gut halt.
    Regards,
    Aruoka

  2. I like.
    „Es ist leichter, etwas nie besessen zu haben, als etwas, das man schon immer hatte, zu verlieren(?).“ – twitterte ich afaik vor einiger Zeit.

  3. Diese Theorie funktioniert auch im echten Leben. Nur will sie leider keiner hören. Rationalität wird zu oft mit Gefühlskälte verwechselt.

    Gut geschrieben.

  4. Du sprichst mir aus der Seele. Ich plage mich seit Wochen damit rum, mit dem Gefühl des „Vermissens“ – danke, dass du es (für mich) in Worte gefasst hast. Ich konnte es nicht.

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