Seelenstrip 2.0

Man trifft viele Menschen in seinem Leben. Egal wo man ist, außer in seinen eigenen vier Wänden, ist man umgeben von Menschen (obwohl es mir ja schon mal passiert ist, dass mein Einzimmer-Appartement voll gestopft war mit mir absolut unbekannten Menschen. Einer der Fremden hat mir ein Teelichthalteglasdings geklaut. Wichser!). Ich weiche ab. Wie gesagt, diese Menschen hat man immer um sich und auch im Internet ist man nie allein. Denn auch dort ist immer irgendwer der zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Meinung zu irgendetwas hat. Und diesen Menschen begegnet man. An den meisten läuft man einfach vorbei. Man sieht sie oftmals nicht mal an. Grüßen tut man sie nur, wenn man ein 11jähriges Dorf-Kind ist, das zum ersten Mal in eine größere Stadt kommt. Weil Mama immer sagte, man soll höflich grüßen.

Und dann gibt es die Ausnahme. Die Sorte von Mensch, die, wie man selbst, jahrelang einfach vor sich hingelebt hat, vielleicht von deiner Existenz gewusst hat, aber das hat ihn nicht interessiert. Genauso wenig wie es dich interessiert hat, dass dieser Mensch von deiner Existenz weiß. Denn es gibt nun mal so dermaßen viele von diesen Menschen und sich für jeden Einzelnen zu interessieren wäre wohl eine unlösbare Lebensaufgabe.

Und plötzlich, man weiß gar nicht wann und warum es genau passiert, kennt man eine Person aus diesem Menschenmatschhaufen. Man lernt ihn kennen und weiß gar nicht, was einen dazu getrieben hat, dass man sich plötzlich genau für diesen Menschen interessiert. Vielleicht war es ein Song, ein Gedanke, ein bestimmtes Wort und diese Kleinigkeit war der Auslöser dafür, dass man ins Gespräch kam. Und ohne es zu merken wird dieser Mensch ein Teil deines Lebens. Er schmiegt sich ein, in die Alltäglichkeiten. Er verschmilzt mit dem, was du sonst den ganzen Tag über machst und gehört dann, urplötzlich einfach dazu. .Es entsteht ein Austausch von Eckdaten, von Erfahrungen, von lustigen Anekdoten, die man schon anderen Menschen erzählt hat, weil es einfach zu lustig war, als man im Sangria-Rausch auf dem Bordstein lag, nur weil man ein hinuntergefallenes Feuerzeug aufheben wollte und dann, wegen einem unkontrollierbaren Lachanfall, nicht mehr aufstehen konnte. Man beginnt sich immer mehr auf diesen Menschen einzulassen. Die Gespräche werden ernster, sie handeln von Dinge die einen bewegen und man fängt an, in dem Menschen etwas zu sehen. Er wird wichtig für einen selbst, weil vielleicht genau der Mensch entweder die gleichen Sorgen hat oder dir die, die du hast, weg wischt. Ein Geben und Nehmen entwickelt sich und es macht sich ein Gefühl breit, dass der Mensch allgemein als Freundschaft bezeichnet. Nachdem man das sich gegenseitig beschnuppern hinter sich hat, wird auch der Alltag ein Thema. Man lernt die Menschen kennen, die diese Person in seinem Umfeld hat und fragt nach, wie denn der Tag im verhassten Büro war und schüttelt entsetzt den Kopf, weil der Penner aus dem Nachbarbüro mal wieder Kopien machen wollte, aber nach einem Papierstau den Kopierer einfach unberührt stehen hat lassen. Man bastelt sich kleine Insider, lacht sich über Filmzitate scheckig und gibt Tipps.

Doch warum passiert das? Warum wird aus einem Neutrum aus einer großen grauen schwammigen Masse plötzlich ein Wesen, dass Formen annimmt? Warum ist man nicht dazu im Stande in seinem kleinen einsamen Kosmos zu leben, mit den Büchern, den Filmen, der Musik? Vielleicht schon allein deswegen, weil es dann wahrscheinlich die Bücher, Filme und Musik nicht gäbe. Aber warum hat jeder das Bedürfnis sich an die Fersen eines anderen Menschen zu heften? Woher kommt der Zwang des nicht allein sein wollens? Ist das so eine Muttergeschichte bei der mir die Psychologie erklären will, dass ich durch die neun Monate im Bauch eines Menschen dazu verdammt bin, mich ewig nach menschlicher Bindung zu sehnen? Ist es dieser kalte Schock den Babys erfahren, sobald sie aus dem Mutterleib gepresst und erst mal ordentlich verkloppt werden, der uns dazu bringt, uns nach der menschlichen Wärme zu sehnen? Oder ist es einfach die Unfähigkeit des Menschen sich ohne Input von Außen weiter entwickeln zu können? Und was ist, wenn man anfängt, Angst vor sozialen Bindungen zu entwickeln? Wenn man sich sorgt um Dinge, um die man sich gar nicht sorgen sollte weil sie nicht zur Diskussion stehen? Wenn man Angst davor hat, verletzt zu werden, was so einfach wird, wenn man einen Menschen an sich heran lässt? Was, wenn alles nur darauf hinausläuft, dass gerade der traurige Versuch, sich selbst zu schützen dazu führt, dass man sich selbst am meisten verletzt? Und was, wenn das alles pathetischer Blödsinn ist und der geneigte Leser kein Wort dieser kryptischen Scheiße versteht und dann doch wieder lieber auf Telenovelas schaltet um diesem Blödsinn zu entfliehen?

Als Teeny war ich der Meinung, dass ich niemanden brauche. Ich war auch der festen Überzeugung, dass alle Menschen um mich herum den diabolischen Plan verfolgen mich seelisch zu verkrüppeln, indem sie sich mit mir anfreunden und mich dann einfach verlassen. Das es nicht möglich ist, mich zu mögen, denn mochte ich mich doch am wenigsten. Ich war mir sicher, dass ich nur allein glücklich werden kann und das dieses Pflegen von sozialen Kontakten unnötig ist um ein wertvoller Mensch in der Gesellschaft zu sein. Während sich diese Freunde, die doch eigentlich gar keine Freunde waren, am Wochenende von ihren Eltern auf Dorffeste kutschieren ließen und erste Erfahrungen machten mit Alkohol, dem anderen Geschlecht und vielleicht sogar Drogen, war ich zu Hause. Wenn ich versuche mich zu erinnern, was ich dort gemacht habe, weiß ich es nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich einmal die Woche einen Stapel Bücher in der Bücherei durch einen Stapel anderer Bücher eintauschte. Ich erinnere mich an mein fast krankhaftes Interesse an der NS-Zeit und das Lesen von Garfield-Comics. Ich erinnere mich an den fiesen Alkoholikergeruch des Bibliothekars und an meine Mutter, die sich Sorgen machte und mich dann doch wieder als brav bezeichnete, wenn sie sich mit anderen Müttern austauschte. Ich erinnere mich daran, dass mein Zimmer ein Schweinestall war der bodendeckend mit Zeug dekoriert war mit kleinen Trampelpfaden zu Bett, Kleiderschrank und Balkontür. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter sagte, dass ich, wenn es weiter so aussieht, keine Freunde einladen dürfte und die Tatsache, dass es mir egal war. Ich erinnere mich daran, dass ich mich in der Schulpause im Klo versteckte um den Gesprächen zu entgehen weil ich einfach nie wusste, was ich sagen sollte. Und ich erinnere mich daran, dass es keinem auffiel, dass ich das von der neunten Klasse an bis zur zehnten Klasse durchzog. An das alles erinnere ich mich.

Und plötzlich sollte das anders sein? Das Klokind von damals sollte plötzlich irgendwann den Wunsch entdeckt haben, sich nicht mehr verstecken zu müssen? Vielleicht sehne ich mich insgeheim zurück in die Zeit in der ich mich nur um mich selbst kümmern musste und keine Rücksicht auf die Gefühle anderer nehmen musste weil es da keine anderen gab. Vielleicht wäre eine mehrjährige Therapie eine ratsame Alternative zu dem ziellosen Geblogge.

Leider kann man sich selten gegen die Natur wehren. Der Versuch sich völlig zu isolieren wird einem schon allein durch die Notwendigkeit des Arbeitens gehörig versalzen. Und das Problem ist eben diese Omnipräsenz dieser Menschen. Daher sollte ich es einfach wagen oder besser gesagt mich weiter tummeln, dort wo die Menschen flanieren und ab und zu mit einem dieser Wesen zusammen rumpeln um vielleicht wegen einem Wort, einem Lied oder einem flüchtigen Gedanken mehr über diesen Menschen erfahren zu wollen. Ich sollte wohl aufhören mich immer wieder selber vor Dingen beschützen zu wollen die meistens gar keine Gefahr für mich darstellen. Es wagen in einer Geisterstadt auch mal bei Rot über die Ampel zu gehen. Meine Phobien beiseite schieben und anfangen ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. Denn als solches braucht man, neben gewissen Statussymbolen und einem bestimmten äußeren Erscheinungsbild ein soziales Umfeld. Sonst wird doch nie was aus dem kleinen Klo-Mädchen. Es reicht ja schon, dass es so rüpelhaft mit der Sprache um sich wirft wie kleine Affen mit Kot.

Willst du mein soziales Umfeld sein?

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6 Gedanken zu “Seelenstrip 2.0

  1. „Willst du mein soziales Umfeld sein?“
    Nein, will und kann ich nicht. Aber ich kann dich liebhaben…liebgewinnen.

    Ein vorTREFFlicher Text. Sehr gut gefühlt.
    Ronz

  2. Ja ich will. Und bin es sowieso schon. Zwar auf eine seltsam digitale Art, aber das ist immerhin ein Anfang. Es gibt einen schönen Song von Depeche Mode, der heißt: I feel you. Und genau das tue ich.

  3. Danke, du rawrerin, du Wundertolle.
    Das war schön, sehr schön formuliert, mitten ins Herz, auch mitten in die Fresse bei mir, weil ich so ungefähr zwischen diesen beiden beschriebenen Stadien stecke.
    Gleichheit, wenn sie anders ist, ist immer schön zu entdecken.
    Danke.

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