Die Stimme

„Barbara!“, sagt diese Stimme. „Das kann nicht alles sein. Du bist mehr als dieses Arbeitsbienchen. Steh zu dem was du bist. Du bist zu etwas anderem geboren als vor dich hinzutrocknen wie die armen Gestalten die sich tagtäglich durch die Talkshows zappen weil sie sich ein bisschen Realität in ihre eigenen vier Wände zu holen versuchen. Du kannst was aus dir machen. Du bist mehr als dieses Hülle aus Fleisch die aufwacht, frisst, scheißt, brüllt und lacht. Du bist gefüllt mit Talenten, du musst sie nur endlich einmal erkennen. Du musst anfangen zu sehen und horchen und aufhören alles kaputt zu trampeln sobald es anfängt schwer zu werden. Senke nicht immer den Kopf sondern wage den Blick in die Ferne denn dort wirst du es sehen, dein Ziel von dem du immer behauptest, dass es vernebelt ist. Trau dir etwas zu. Denn du wirst immer nur so klein bleiben wie du dich selber machst.“

Und dann schweigt die Stimme.

Ich stupse mir an den Kopf, tippe mir auf die Nase und zieh mir die Ohren lang, rubbel mir wie wild die Wangen um die Stimme wieder aufzuwecken die in meinen Gehirngängen ihr Einzimmerappartement mit Einbauküche und Dusche mit WC bezogen hat. Versuche sie zu locken mit süßen Worten, drohe mit Schlägen und entschuldige mich mit den schönsten Düften die die Parfümerien zu bieten haben.

Doch sie schweigt. Das ist alles was sie mir zu sagen hat und ich soll daraus lernen. Soll weiterdenken. Alleine. Selbständig. So wie ich es immer tun musste. Es fehlte schon immer die leitende Hand die mich auf dem Weg begleitete.

Und was bin ich? Zu feige. Zu ängstlich es einfach mal zu wagen mich mit meinem Selbst auseinanderzusetzen. Der Weg des geringsten Widerstands ist so leicht. Dort gibt es Zuckerwatteblumen und kleine pelzige Tierchen die einem Witze erzählen in denen Schildkröten traurig in der Wüste sitzen weil sie keine Förmchen haben und es gäbe doch so viel Sand. Ein lauer Sommerwind umgibt einen und singt von Schönheit und wunderbaren Tagen am Meer. Dort winken einem die Leute die einem entgegenkommen freundlich zu und beglückwünschen einen zu dieser Entscheidung diesen Weg gewählt zu haben. Denn nur hier fühlt man sich geborgen und muss keine Angst haben von der Enttäuschung niedergerungen zu werden, die grummelnd in seiner Höhle wartet. Blumenkränze mit Smarties verziert werden mir um den Hals gehängt. Keine Steine die einem den Weg erschweren. Barfuß kann man auf dem samtigen und saftigen Grün des Weges wandeln. Keine Bienen, Schnecken oder Hundehaufen in die man treten könnte. Sanft der Schlaf der von Elfen bewacht wird die mir zärtlich durch das Haar streicheln bis ich eingeschlafen bin.

Und nun?

Die Stimme. Sie wird es mir immer wieder sagen. Immer wieder das Selbe. Sie wird vielleicht irgendwann andere Worte wählen. Wird wütender und vorwurfsvoller. Weil ich die Chancen die mir gegeben sind so leichtsinnig wegwerfe nur weil ich der Ansicht bin, dass sie mir nichts nützen in dieser Welt da draußen, in der du nur dann eine Gewinnaussicht hast, wenn du brav mitmachst und lächelst wenn man dir ins Gesicht spuckt. Und so werde ich weiterhin versuchen mitzumachen in diesem Zirkus aus fressen und gefressen werden. Werde alle wichtigen Punkte einer 0815-Laufbahn abhaken, den einen früher, den anderen später und werde dann genau dort enden wo alle enden. In der Leere des Todes ohne eine Lehre aus dem gezogen zu haben was sich Leben nennt. Ohne meine Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben weil der Feigling größer war. Weil ich es mir nicht zugetraut habe. Weil ich gar nicht weiß welche Möglichkeiten das sein könnten.

Und am Ende werde ich bitterlich weinen weil die Stimme Recht hatte und ich ihr einfach nicht genau zugehört habe und die leisen Worte zwischen den Zeilen nicht hören wollte.

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Ein Gedanke zu “Die Stimme

  1. Mit Sicherheit ein richtiger Ansatz. Ich hoffe, Ihr bleibt an der Geschichte dran?! Im näheren Umfeld vergeht kein Treffen, wo wir nicht drüber am diskutieren sind. Vielen Dank, Romanus Gabriel

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