Twitter – eine Welt für dich! Eine Welt für mich?

Ich sollte am Anfang beginnen. Das macht man doch bei Geschichten?! Man beginnt mit dem Anfang.

Also! Anfang! Ich war nie ein Kind des Internets. Chatten kannte ich nur weil ich Freundinnen hatte, mit denen ich ab und zu kichernd vor ihrem heimischen PC saß und wildfremden andren kichernden Teenies CS anbot (es endete übrigens immer damit, dass wir behaupteten ein Junge zu sein, statt einem Mädchen. Ich war Teenie…). Die ganzen Internetportale waren mir ein Rätsel. Gebrannte CDs landeten nur bei mir, wenn sich mal einer die Mühe machte mir ein paar Lieder, die ich fein säuberlich auf einem Zettel notiert habe, runterzuladen.

Als ich dann mit 20 mein Studium begann, fing ich damit an mich bei gewissen Portalen anzumelden, um den Kontakt zu halten. Und so saß ich dann zwischen all dem Studentenpack und tippselte sehnsüchtige Freundschafts- und Liebesbekundungen in die Internetwelt hinaus.

Und jetzt, vor ca. 7 Monaten, kam zu myspace, meinvz, lokalisten und wie sie nicht alle heißen, dieses Twitter dazu. Erfahren habe ich davon durch ein Boulevard-Magazin im Fernsehen (auch ich hatte mal Fernsehen). Es war der Arsch von Demi Moore der mich dazu trieb. Ich wollte meine Sensationsgeilheit befriedigen. Ich wollte diesen Lebensausverkauf live miterleben, den die Promis dort betreiben. Doch schnell wurde es langweilig und ich begann auch den „Normalos“ zu folgen. Ich sah mir das Ganze an und als ich dieses vermaledeite Iphone in meinen Händen hielt, dauerte es nicht lange bis ich ein App fand, das es mir ermöglichte, immer und überall mein geistiges Gewirre in die Welt zu streuen. Und je länger ich es machte, desto mehr Spaß machte es mir. Die ersten Followerfridays waren Momente der totalen Überraschung. Wieso sollte man mich empfehlen? Wieso käme man auf die Idee regelmäßig das zu lesen, was selbst ich mir manchmal nicht anhören möchte, wenn ich es nur denke? Und noch heute kriege ich ein kleines Freudekribbeln am Hinterkopf wenn ich diese Beschreibungen lese, die an ein #ff getackert werden. Und plötzlich waren sie da. 100 Follower! Der erste Tweet wie das erste Wort beim ersten Date. 100 Leute die DAS jetzt lesen? Geht ja mal gar nicht! Die wollen doch sicher Kluges lesen und unterhalten werden.

Weitere Höhepunkte, die ich jetzt eher mit einem Augenzwinkern sehe, war diese Platzierung in den deutschen Favcharts und der erste Tweet der mit 50 Sternchen belohnt wurde. Heute weiß ich, dass mir dieses ich-will-der-Beste-sein nicht liegt. Ich freue mich über jedes angeheftete Sternchen. Ich sehe sie als Bestätigung meiner Aussage. Und jeder mag es, wenn einem lobend ein Keks in den Mund geschoben wird. Wer etwas anderes sagt, der lügt. Aber ich möchte mich langsam distanzieren von diesem Wunsch, nur noch besternbare Aussagen zu treffen. Ich will mir nicht irgendwann überlegen müssen, ob ich diesen Tweet jetzt wirklich abschicke, weil er vielleicht nicht gut genug ist. Auch die Jagd nach Followern habe ich damit unterbunden, den @goodbyebuddy zu enfolgen. Wie schwer es mir manchmal fiel Morgens auf mein Handy zu schauen um zu sehen, dass mich Menschen, denen ich folge „verlassen“ haben. Doch ich möchte mich abwenden von dieser Sinnsuche darin. Denn ich freue mich mehr daran, dass es noch Menschen gibt, die gut finden was ich mache, als die zu betrauern, die meinten ich sei nicht lesenswert. Auch ich verlasse den ein oder andren nach unbestimmter Zeit. Das hat nichts mit dessen Persönlichkeit zu tun sondern einfach damit, dass ich nur ein bestimmtes Pensum an Input vertrage. Und durch dieses Raster fällt manchmal einer. Und so falle auch ich mal durchs Raster, was ich jetzt nicht mehr schlimm finde.

Einer der wunderbarsten Momente war es, von @frauenfuss gemalt und von @silenttiffy genäht zu werden. Menschen, denen ich mit Hochachtung entgegenkomme weil ich das was sie machen fabelhaft finde, haben mich auf ihre Art und Weise verewigt. Wundervolle Frauen mit großartigen Talenten, um die ich sie sehr beneide und sie gerade deswegen sehr schätze.

Als ich endlich einmal verstand was dieses #ff und #ft hieß, als die Zahl Hundert ihren Schrecken verloren hat, erfuhr ich langsam aber sicher, dass es ein „Draußen“ gibt in dieser Twitterwelt. Ich hörte von Twitterlesungen und Twittertreffen. Ich fand es befremdlich, stellte mir vor, dass da ein Haufen Menschen mit Laptops und Iphones hockt und sich gegenseitig DMs schickt weil ich oft das Bild im Kopf hatte, dass all diese Twitterer zwar nicht unsozial, aber eigenbrötlerisch veranlagt sind. Und nach einem jeden Treffen spürte ich sie. Sie hüllte meine Timeline in rosigen Glitter. Diese Twitterliebe. Sie wollten sich heiraten und küssen und herzen bis unser aller Ende naht. Einerseits machte es mir Angst weil es sektenähnliche Züge annahm. Dieses peace, love and harmony. Und doch beneidete ich sie darum. Sie hatten schöngeistige Menschen getroffen und konnten endlich verstehen was hinter diesen Avataren und Worten steckt, die sie tagtäglich lesen. Und ein Teil von mir wollte das auch. Ich wollte auch verliebt sein in Menschen die zu einem Ritual wurden. Zumindest das Lesen ihrer Gedanken. Und so fasste ich den Plan auch auf eine dieser Frauenfuss-Vernissagen zu gehen. Ich popelte aus allen Ecken diesen Mut, denn ihr müsst wissen, dass ich eher von der feigen Sorte bin. Schon alleine auf ein Klo gehen in einer Lokalität die ich nicht kenne, wird von langer Hand geplant. Gerne warte ich einfach bis ein andres weibliches Wesen auch muss. Dann hefte ich mich an deren Fersen und schaffe es beim nächsten Mal sicher und ohne zielloses Gesuche aufs Klo. Auch dieses Treffen von Fremden. Ein Ding mit dem ich schon nicht klar komme, wenn ich jemanden an meiner Seite habe. Sich beschnüffeln und miteinander reden. Ich bin nicht der Mensch der die Initiative ergreift und fröhlich losplappert. Mir liegt er nicht dieser Smalltalk. Nicht weil ich mich nicht gerne mit jemandem unterhalte, sondern weil ich mir nicht vorstellen kann, dass das was ich sage von großem Wert sein kann. Das ist ein Problem, dass ich allein in den Griff kriegen muss und was viel damit zu tun hat, wie ich mich selbst in diesem Konstrukt Leben sehe. Doch das steht auf einer anderen Seite meines Lebensbuches. Und trotz all der Hindernisse, die ich mir selbst in den Weg lege. Dieser Angst davor Erwartungen nicht zu erfüllen und mich verloren zu fühlen schob ich zur Seite und begann mich seelisch darauf vorzubereiten. Ich suchte Bahnverbindungen heraus, schmiedete Pläne wie ich am besten an einem Samstag aus meinem Kuhkaff flüchten könnte und war mir sicher, dass ich es wagen würde. Weil ich es mir schuldig bin. Weil ich auch einmal den Punkt erreichen muss an dem ich etwas tue was ich sonst nicht tun würde. Weil ich wachsen möchte. Und dann wurde mir ein Strich durch die Rechnung gemacht. Ich wäre in München, würde dort festsitzen bis Sonntag Morgens und wahrscheinlich fast erfrieren da es scheinbar üblich ist, Wartende aus dem Münchner Bahnhofsgebäude zu verscheuchen. Und zu allem Überfluss kam dieser Blogeintrag von @poetin der mich wieder daran erinnerte, dass diese Art von Veranstaltung eigentlich so gar nicht das ist, was meinem Naturell entspricht. Ich wurde wieder daran erinnert, dass ich mit dem Besuch der Vernissage nur versucht hätte wer zu sein der ich nicht bin. Ich komme nicht klar mit diesem Gruppending. Ich bin ein verschlossener Mensch und werde dies wohl ewig bleiben. Sollte ich wirklich mit einem Twittertreffen meine „Therapie“ beginnen nur um mir zu beweisen, dass ich könnte wenn ich nur wollen würde? Dies alles hört sich an als würde ich die Menschen hinter den Avataren nicht kennen lernen wollen. Als wäre es mir egal was diese zu erzählen haben, was hoffentlich den Rahmen von 140 Zeichen sprengt. Dem ist nicht so. Die Neugier welche Menschen hinter diesen Twitter-Ichs stecken ist groß. Menschen wie @DaggyO, @frauenfuss, @mainwasser, @judetta, @IreneKapitaene, @Textzicke, @fitness_oli, @wikipeter, @BinaSchnecke, ach ich könnte ewig so aufzählen. Nicht der Drang deren Lebensgeschichte zu erfahren sondern der Wunsch mir ein echtes Bild von diesen Wesen zu machen ist groß. Doch frage ich mich immer ob ich dazu gemacht bin. Ob ich einer dieser Twitterer bin, der aus seinem Avatar kriechen sollte um mich so zu präsentieren wie ich wirklich bin. Ich dachte auch formspring wäre eine Chance mein wahres Ich klarer zu zeichnen. Den Fokus von diesem Prollgör abzuwenden und ein Bild zu erzeugen, das meiner gesamten Persönlichkeit sehr nahe kommt. Dieses war jedoch in der Praxis ein Trugschluss, wie ich leider bemerken musste. Und so scheue ich das Feuer, ich gebranntes Kind.

Ich möchte nicht abschließen mit einem bitteren Beigeschmack. Ich möchte danken für all die Anteilnahme an mir, an meinem Leben, an meinen Worten. Und ein Teil von mir will immer noch nach München und erfahren ob es wirklich solch ein Zauber ist, den alle in sich tragen sobald diese Menschen aufeinandertreffen. Doch vielleicht sollte ich mir noch ein bisschen Zeit geben. Und euch! Vielleicht sollte ich erst üben. Lieber kleine Schritte wagen als den großen Sprung.

Hugs an alle, die wissen sollten, dass ich sie meine. ♥

Advertisements

4 Gedanken zu “Twitter – eine Welt für dich! Eine Welt für mich?

  1. Ich freu mich sehr über Deine Neugier auf ein echtes Bild von uns „Wesen“… nimm und gib Dir die Zeit für die kleinen Schritte, die Du brauchst, lass Dich von kleinen und großen Rückschlägen nicht aufhalten, denn Deine Grundidee ist richtig.

    Meine Erfahrung mit RL-Treffen von Internetbekanntschaften ist, daß gar nicht soviele Erwartungen dabei sind. Menschen wirken „in echt“ immer völlig anders als am Bildschirm, und noch nichtmal aus böser Absicht. Man verhält sich einfach anders, wenn einem jemand in die Augen schaut. Manche sind real viel natürlicher und freier. Andere wirken viel distanzierter, vielleicht aus Unsicherheit oder wasweißich. Das Kennenlernen beginnt jedenfalls nochmal ganz von vorne. Wenn man das weiß, wird man garkeine großen Erwartungen mitbringen und kann sich einfach auf die online so vertrauten, im RL aber neuen Menschen freuen.

    Sei einfach Du selbst, dann kann nicht viel passieren. Erstens kennt man diese Rolle eh am besten, zweitens ist keine Kunstfigur so spannend wie ein echter Mensch, und drittens bist Du mit dem was Du bist völlig okay, liebens- und kennenlernenswert. Daß das Prollgör nur eine von vielen Deiner Seiten ist, und gewiß nicht die wichtigste, weiß man doch 😉

    Ich würde mich jedenfalls freuen, Dich mal irgendwann in großer oder kleiner Runde real kennenzulernen, ohne irgendwelchen Unterhaltsamkeitsleistungsdruck, sondern einfach so, unter ganz normalen Menschen. Anders könnte ich selbst das ja auch nicht ertragen.

    Ein Ehrensternchen für den schönen und ehrlichen Blogeintrag. Danke.

    • Im Bezug auf was?
      Ich glaube es wird deutlich, dass es sich hierbei um ein Problem meinerseits handelt. Ein so pervers individuelles Problem, das schon fast mehr mit meinem allgemeinen Leben zu tun hat, als sich nur auf Twitter-RL-Begegnungen zu beschränken.
      Also kann man wohl schlecht von einer möglichen Verallgemeinerung sprechen. Oder?

  2. du schreibst gut, bleib so. ich mag die geschichten, die den kleinen alltag beschreiben, irgendwann wird es wichtig, sich daran zu erinnern, wie an alte fotos. früher fotos – heute getaggtes … früher stamper und tagebuch-heute twitter … twitter ist ein testballon, wie er fliegt, wielange, wohin weiss keiner … twitter, flickr, blip sollte jeder mal gemacht haben, damit er die geh-hilfe benutzen kann, wenn es darauf ankommt. deinen weg halte ich für richtig. ich möchte noch viel von dir lesen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s