Archiv der Kategorie: Fiktion

Poetry und ich

Manchmal mache ich mir Gedanken darüber, warum ich nie an einem Poetry-Slam, an einer Lesung teilnehmen, als Straßenpoet arbeiten könnte. Meistens passiert mir das während dem Versuch einzuschlafen. Denn genau dort brauche ich die Gedanken die mich so sehr anöden, dass ich in den wohligen Sog der aus Tiefschlafphase besteht, gleite.

Es beginnt doch schon bei den Texten. Wenn man sich diese crazy Poetry-Menschen anguckt, woah, was für ein crazy Leben die doch haben. Sie leben in absolut schrägen WGs oder erleben nur auf dem Weg zur Bahn ganze Lowbudget-Kunstfilme. Sie wollen irgendwie immer was. Wollen wachsen und atmen und größer und machen sich Gedanken darüber was sein könnte wenn sie nur endlich mal ihre Finger von der Tastatur lassen könnten. Meine Texte schmalzen oder hassen oder ergeben keinen Sinn wenn man nicht in meinen Kleinhirnkreisen wohnhaft ist. Wenn ich anfangen würde dieses Blog zu rezitieren, voller Elan und dem Willen das Fußvolk mit meinen wohlgewählten und von Alkohol getränkten Worten zu bespaßen, sie würden gucken wie ein Auto und fluchtartig das Kellergewölbe verlassen, in dem wir uns zusammengefunden hätten.

Und dann wie sie sprechen. Diese Poetry-Slammeister unserer Zeit. Sie prügeln jedes Wort in das Mikrofon. Jeder Satz ist wie ein Schuss aus einem dieser lustigen Waffen aus den Ballerspielen. Hektisch fuchteln sie mit ihren Zetteln in der Luft und hämmern ihre Satzgebilde zwischen die Augen der Hörenden und wenn man genau hinhört flüstern sie nach jedem fertigen Satz ein leises „Headshot!“. Ich würde mich verzetteln. Verheddern an dem Papier, mir live auf der Bühne die Pulsadern aufschneiden, stottern obwohl ich nie gestottert habe und spucken. Ich würde so dermaßen viel spucken, dass man ein Katastrophenteam rufen müsste um den Flutmengen die aus meinem Mund sprudeln würden herzuwerden. Ich würde unmenschliche Mengen an Speichel an das gesamte Puplikum verteilen, sodass diese nie wieder duschen müssten, würde man sich heutzutage mit Sputum duschen, statt mit warmem, klarem Wasser aus dem Brauseduschkopf.

Nervös wäre ich. Ich würde zittern. Mein Bein würde hektisch zucken. Minimal-Sounds würde ich trommeln und die Menge würde wohl beginnen zu tanzen weil sie denkt das sei nun der Teil zum Tanzen. Mein Herzschlag würde den Bass darstellen. Tief, laut und viel zu hektisch. Das leuchtende Rot meines Kopfes würde konkurrieren mit den Deckenstrahlern. Oder ich würde damit das schummrige Licht das mich umgibt zerstören. Diesen Moment der dadurch entsteht. Diese Atmosphäre. Ich würde leuchten wie eine betrunkene Diskokugel und wahrscheinlich auch so auf der Bühne herumtorkeln. Alles umwerfen. Mich vielleicht noch einmal am durchnässten Zettel in meiner Hand schneiden. Der wäre durchtränkt von Schweiß und Spucke.

So wäre es. Würde ich Texte lesen vor Menschen. Es wäre ein Meer aus Spucke, Blut und Schamesröte. Und eigentlich wäre es eigentlich auch egal, weil zuhören würde man mir schon lange nicht mehr.


Märchen Saxndi

Ein Märchen wollte ich schreiben. Damals als ich noch voller Ideen war. Es hatte ganze zwei Kapitel. Und bevor die Defragmentier-Ratten Löcher in die Buchstaben knabbern, werfe ich es in das Internet. Weil wir doch alles in das Internet stopfen.

Es war einmal ein Prinzessin Namens Saxndi. Sie war nicht wunderschön wie all die anderen Prinzessinnen von denen sie immer gelesen hatte, aber es reichte zum Prinzessin sein und wie ihr Vater immer so schön sagte „Hauptsache du bist gesund!“ Diese Prinzessin lebte in einem kleinen Land Namens Hempelonien. In Hempelonien sah es immer aus wie Sau weil die Müllabfuhr mehr damit beschäftigt war Kröten gegen die Schlösser der angrenzenden Länder zu werfen. Denn die anderen Länder mochte man nicht. Sie waren meistens größer, hatten schönere Prinzessinnen und auch noch eine bessere Müllabfuhr, was aber wohl wieder daran lag, dass die nicht den ganzen Tag damit beschäftigt war, Kröten gegen Wände zu werfen.

Viel gab es nicht zu sehen in Hempelonien. Es gab einen kleinen Laden in dem man alles kaufen konnte, was der gute Hempelonier so brauchte. Drogen, Nutten und auch Schnaps. Jede Woche gab es für die Hempelonier eine Familienpackung Toast und eine Packung Schinken. Wahlweise auch Fischinnereien. Die konnte man sich lecker anbraten und mit dem Toast dann einen gehaltvollen Auflauf machen. Dann gab es noch einen Souvenirladen mit Krims und Krams in dem man die Unmöglichsten Dinge kaufen konnte. Auf allen war ein Körperteil des Königs abgebildet. Am beliebtesten waren die Salzstreuer die die Form eines Penisses hatten. Natürlich dem des Königs nachempfunden. Man hatte aber ein paar Zentimeter hinzugeschummelt. Das wollte der König so. Es gab eine Schule in die die Kinder der Hempelonier jeden Mittwoch und Samstag gingen. Im Sportunterricht lernten sie, wie man Kröten gegen Wände wirft und im Matheunterricht wurde ihnen beigebracht wie viel Kröten man benötigt um eine Schlosswand so richtig schön einzusauen. Es gab auch Kunstunterricht. In dem malten die kleinen Hempelonier immer das Wappen des Landes. Manchmal durften sie Farbe verwenden, meistens mussten sie jedoch mit Dreck zeichnen was dazu führte, dass die Bilder mehr an Matsch erinnerten als an das Wappen. Die Hempelonier waren zufrieden was aber vielleicht auch daran lag, dass sie nichts anderes kannten außer ihr kleines Land.

Eines Tage lud der König alle Gelehrten seines Landes zu einem Brunch bei sich im Schloss ein. Es waren sowieso nur drei, denn alle anderen Gelehrten hatten sich entweder umgebracht oder waren geflohen, weil der König es gar nicht leiden konnte wenn jemand schlauer war als er selbst. Das war aber leider recht leicht da der König ein ziemlicher Dummkopf war und beim Rechnen immer die Finger verwendete. Die drei Gelehrten, die ein alkoholkranker Mathelehrer, ein Geschichtslehrer mit Tourettesyndrom und ein Deutschlehrer der die Kommas immer am Satzanfang setzte waren, machten sich also auf dem Weg ins Schloss. Auf der Einladung stand, man sollte keine Geschenke mitbringen. Doch wie jeder wusste, fand der König Geschenke echt super und wollte es nur nicht zugeben. Das wussten die drei Gelehrten und hatten im Souvenirshop des Landes eine Kleinigkeit besorgt. Denn besonders gern hatte der König Dinge, auf denen er zu sehen war. Er hatte ein ganzes Zimmer voller solcher Dinge. Die Wände waren tapeziert mit Starschnitten von ihm, die Stühle waren bespannt mit Fotos seines Hinterns, so dass man auf seinem Hintern saß wenn man sich auf einen der Stühle setzte. Der Raum war zugemüllt mit Königsouvenirs und wenn man sich in dem Raum befand fühlte man sich so sehr beobachtet, dass man oft mal vergaß zu atmen was dazu führte, dass viele den Raum nicht lebendig verließen.

Als die drei Gelehrten das Schloss erreichten wartete der König schon aufgeregt auf sie. Das merkte man daran, dass er wie ein kleines Kind auf seinem Thron saß und immer hin und her wippte, was einen riesen Lärm machte. Hinter ihm standen zwei Bedienstete und versuchten den Thron festzuhalten weil er immer kurz davor war mitsamt dem König umzufallen.  „Wo wart ihr denn so lange?“ fragte der König nervös und deutete ihnen an, dass sie sich setzen sollten. Das machte er, indem er wie ein Epileptiker auf Speed mit seinem Kopf in Richtung Tisch deutete.  Auf dem Tisch stand ein Tablett und auf diesem lagen genau vier Hawaii-Toasts. Als sie sich setzten und die Geschenke an das Kopfende des Tisches stellten fuchtelte der König wild um sich und klärte die Gelehrten über den wahren Grund ihres Besuches auf.

„Meine Herren! Bevor wir beginnen zu essen möchte ich sie darüber unterrichten warum ich Sie zu mir ins Schloss eingeladen habe. Meine mittelattraktive Tochter Saxndi erreicht langsam das Alter in dem sie Fragen stellt. „Papa, warum ist die Welt eine Scheibe? Papa, warum fliegen Äpfel nicht in den Himmel wenn sie faulig sind? Papa, warum stinkt es hier so? Papa, müssen alle Kinder lernen wie man Kröten gegen Wände wirft?“ Solche Dinge eben. Und ich habe beschlossen, dass wir sie fortschicken. Sie soll die Welt kennen lernen und Sie meine Herren sollen sie begleiten denn wer wäre besser dafür geeignet, als so kluge Männer wie sie?“ Die Gelehrten starrten den König mit weit geöffnetem Mund an. Der Geschichtslehrer vergaß sogar für einen Moment seine Krankheit und hustete ganze fünf Minuten keine schmutzigen Worte in den Raum, wie er es sonst immer tat, besonders wenn er nervös war, wie bei der Audienz beim König. Noch nie haben sie Hempelonien verlassen und hatten auch keinen gültigen Ausweis und keine Koffer und Reisezahnbürsten und überhaupt fühlten sie sich eigentlich ganz wohl hier auch wenn es den ganzen Tag Toast gab. Der Mathelehrer der Anal von Lysis hieß räusperte sich kurz, denn er musste sich konzentrieren, hatte er doch heute schon eine ganze Flasche Wein getrunken. „Geliebter König. Welch große Ehre sie uns doch zuteil werden lassen. Nichts Schöneres könnten wir uns vorstellen als mit der liebreizenden Prinzessin die Welt zu erkunden, jedoch muss ich gestehen, dass ich mir Sorgen um Ihr Volk mache. Sollten wir das Land verlassen wird die geistige Entwicklung Ihres Volkes stagnieren und wenn wir von unserer Reise zurück kehren müssen wir eine Menge Nachmittagsunterricht veranstalten um das alles wieder aufzuholen.“ „Augenwischerei!“, sagte der König. „Alles Ausreden. Ich will von diesen Einwänden nichts hören. Ihr bereist mit meiner kleinen Torfkugel die Länder und ich werde in eurer Abwesenheit den Unterricht des Volkes übernehmen. So schwer kann das ja nicht sein. Ich bin zwar schon das ein oder andere Mal auf den Kopf gefallen aber ich bin der König. Ich regiere. Wenn das nicht reicht…“ Scheinbar reichte ihm diese Feststellung und er stach zufrieden lächelnd mit einer Gabel in einen der Toasts und schob ihn sich in den Mund. Mit vollem Mund fügte er noch hinzu „Sie müssen wissen. Ich würde meine Tochter ja selber begleiten aber ich habe ein Land zu regieren und wer soll der Müllabfuhr bitte sagen welches Schloss als nächstes dran ist. Sie etwa? Eben!“ Er lehnte sich zurück und streichelte sich genüsslich den Bauch. „Jetzt zeigen sie mir mal die Geschenke die sie mitgebracht haben. Achja… das wär doch nicht nötig gewesen. Sie machen mich ganz verlegen.“ Er beugte sich zu einem seiner Diener und flüsterte ihm zu „War das überzeugend?“ Dieser nickte und der König kicherte freudig als er die Salzstreuer bewunderte die ihm der Geschichtslehrer überreichte.

Nachdem er die Geschenke genug gewürdigt hatte, indem er jedem im Raum mit seinem neuen Salzstreuer Salz auf den Kopf bröselte, gab er den Gelehrten den Auftrag sich jetzt schleunigst ans Packen zu machen. Denn in einer Woche sollte die Reise starten. 


Nacktes Geheimnis

[19.09.2010]

Ich musste mich nie den prüfenden Augen deiner Freunde aussetzen. Wenn man es genau betrachtet hatte es fast den Eindruck, dass du keine Freunde hast. Doch viele Dinge gab es auch, die dagegen sprechen. Wenn du bei mir warst, in unserer Welt die sich aus meinen vier Wänden zusammensetzte, sprachst du nicht viel über dich und noch weniger über mögliche Freundschaften. Doch ab und zu erhieltst du Anrufe. Oft schnapptest du dir kurz darauf deine Klamotten, das Kondom noch auf deinem Schwanz und warst plötzlich weg. Wir wurden nie gemeinsam eingeladen zu Spieleabende mit gemeinschaftlichem Kochen. Ich wurde nie in eins eurer Stammkneipen gezerrt um mich den bohrenden Fragen deiner besten Freundin auszusetzen.

Ich glaube ich war dein kleines schmutziges Geheimnis. Und lange Zeit störte es mich nicht. Erst jetzt wo du mir wieder die Zeit zum Nachdenken lässt, fällt es mir auf. Und es missfällt mir. Weil ich kein nacktes Geheimnis für dich sein wollte. Ich wollte dein Herz so sehr erweichen, sodass es mir gehörte. Doch das schaffte ich nie. Ich war dein Ort um deinen Trieben freien Lauf zu lassen. Und du wusstest, dass du immer gehen konntest. Weil ich dir nie das Gefühl gab, dass es mir mehr bedeutete. Du machtest mir vor, dass ich etwas Besonderes sei. Und ich machte dir vor, dass es mich nicht interessieren würde. So sind wir quitt. Du und ich.


Vernunft

[17.09.2010]

„Scheiß auf die Vernunft!!!!!“, schriest du. Du brülltest es mir in mein betäubtes Gesicht. Glasige Augen starrten dich an. Meine glasigen Augen. Besoffen vom Gras.  Gelassen drehtest du den zweiten Joint. Meine Finger bohrten sich in meine Socken. Selbstgestrickte, von meiner Großmutter.

Sie ist schon lange tot. Kann mich nicht an sie erinnern. Ein bisschen an ihren Geruch. Zigarettenqualm vermischt mit Kohlsuppe und diesen gammeligen Kirschlikörpralinen. Sie hatten schon immer einen leichten Grauschleier, wenn sie sich diese Kleinode in den fast zahnlosen Mund schob. Hustenanfälle. Die Lungen verklebt mit Teer und Kondensat. Immer wieder erzählte sie mir, wie schick sie sich doch früher fühlte, wenn sie in einer Bar saß, mit ihrem schönsten Kleid, und eine Zigarette rauchte, während ihr alle Herren im Etablissement den Hof machten. Sie übertrieb. Ich wusste es. Doch schön war sie. Damals. Alles verdorrt. Irgendwann. So geht es uns allen. Heute seien die Mädchen, dir rauchend an Bushaltestellen stehen, nur ordinär. Sie würde spucken wie Männer und sich manchmal sogar so anziehen. Meine Großmutter verstand die Welt schon lange vor der Zeit nicht mehr, in der sie von ihr nicht mehr verstanden wurde.

Mit einem spitzen Schrei wecktest du mich aus meinem bekifften Traum von meiner von Würmern und Totengräberkäfern zersetzten Oma in ihrem Mahagonisarg. Du begannst zu singen. Töne, die mehr einer Kreissäge ähnelten, krochen aus deinem Mund. Keine Melodie, doch für dich machte es Sinn. Plötzlich hieltest du inne. Packtest mich mit deinen beiden Händen an den Füßen, an denen ich immer noch verträumt pulte und sahst mir tief in die Augen. Voller Ernst blicktest du mich an. Und die folgenden Worte werde ich wohl nie vergessen. „Die Vernunft, sie wird uns noch alle töten. Es ist wahr, dass wir alle sterben werden. Daran führt kein Weg vorbei. Doch könnten wir unsterblich werden, ließen wir die Vernunft fallen und würden uns nur dem hingeben was wir wirklich wollen.“

Zu diesem Zeitpunkt machten deine Worte für mich keinen Sinn. Als du dich vier Monate danach auf die Gleise gelegt hattest, wusste ich, was du damit meintest. Du hattest all die Vernunft, dein wertfreies Leben voranzutreiben, obwohl du wusstest, dass es nur aus Sackgassen besteht, fallen gelassen. Hast dich fallen gelassen. Und ich fiel mit dir. Doch ich fiel in ein tiefes Loch. Aus Schmerzen, die sich bis ins Mark bohren und einen nachts nicht schlafen und tagsüber nicht leben lassen. Zumindest nicht so leben, wie es verlangt wird. Ich ließ die Vernunft fallen in dem Moment in dem ich dir die Tür öffnete. Die Scherben davon bewahre ich jedoch immer noch auf. Denn man weiß nie, wozu man sie vielleicht noch brauchen könnte.



Körper

[22.07.2010]

Vielleicht sollte ich mich weniger an den ersten Sex zwischen uns erinnern. Erinnerst du dich noch an unseren ersten Sex? Kannst du dich noch daran erinnern, dass ich währenddessen geweint habe?

Ich hatte Sex mit Männern. Wenn ich ehrlich bin, mit sehr vielen Männern. Mit den unterschiedlichsten Sorten von Männern. Weil ich der Ansicht war, dass man doch alles einmal ausprobieren müsste. Weil das doch verlangt wird. Von diesem Leben. Das man mit offenem Kopf durch die Welt läuft und alle Möglichkeiten die einem geboten werden auskostet. So war es auch mit den Drogen. Und den Frauen in meinem Leben. Alles habe ich ausprobiert. Genossen habe ich es nie. Weil es wie eine Pflichtübung war. Weil ich dachte ich sei es mir selbst schuldig. Weil ich erwartete, dass irgendwann der Moment kommt, an dem ich die Erleuchtung erlange. Während dem Sex. Oder dem Drogenrausch. Oder bei beidem.

Auf Koks ficken ist purer Egoismus. Du siehst niemanden außer dir. Auf Koks ficken vor einem Spiegel, ist pure Masturbation. Du treibst es mit dir ganz allein. Du bist derjenige, der dich zum Schwitzen bringt, zum Schreien und Spucken. Der andere, der, der meist unter dir liegt und dich gierig anblickt, den siehst du nicht. Spürst du vielleicht, aber eigentlich geht es nur um dich. Deinen Fick. Das Koks macht dir keine Flügel. Das Koks macht dich zu Gott. Deinem eigenen kleinen Gott der die Macht hat dich zu zerstören. Eine Line auf der Brust eines 21jährigen Models. Die Reste weggeleckt. Gierig weil das Gefühl Gott zu sein zu groß ist, um es zu vergeuden.

Unser erster Sex war anders. Er war keine Pflichtübung. Es waren keine Drogen im Spiel. Und doch empfand ich mehr als die tausend Male zuvor. Deswegen die Tränen. Weil ich das Gefühl hatte, dass ich mit jedem deiner Stöße der Erleuchtung ein kleines Stück näher zu kommen. Immer tiefer hast du mich hineingepresst in die von dir gewählte Form. Und es fühlte sich richtig an.

Meine Tränen hast du weggeleckt. Und bist dann gegangen. Einfach so. Ohne jedes Wort.

Noch stundenlang lag ich weinend in meinem Bett. Und fühlte mich freier wie nie zuvor.

Kannst du dich erinnern?


“Diebstahl” oder “Ein Anfang”

Es gab Zeiten, da hatte ich ein anderes Blog. Es sollte schmalzig werden. Vernichtend für mich, weil ich Gefühle zeigte, die ich hatte. In mir. Diese Zwischenmenschgefühle. Aber es sollte keiner erfahren. Nun wird aus diesem kopiert. Es sind wenige Einträge. Aber es gibt sie. Und wenn ich fertig bin wird das alte Blog sterben. Denn diese Welt ist mir eine fremde geworden.  [Und doch kenne ich das Gefühl nur zu gut.]

Teil 1 [Zweitblogkopie 16.07.2010]

Männer. Noch nie mein Fall. Menschen allgemein. Zu sehr menschlich, zu laut, zu fordernd. Besonders wenn es um Gefühle geht. Will man nicht teilen. Oftmals nicht mal mit dem Menschen, den man vermeintlich liebt. All die Gefühle fest verschnürt auf den Rücken gepackt. Alles meins. Nur nichts preisgeben. In undurchsichtige Plastikfolie gewickelt um auch wirklich sicher zu sein.

Auch ich trug mein Päckchen. Vor der Brust um sicher zu gehen, dass mir keiner ein Loch in die schwarz glänzende Plastikhaut ritzt. Und dann kamst du. Sahst mir in die Augen, noch viel tiefer hinein, reflektiertest dich an meiner Schädeldecke und verschlangst mich. Mit nur einem einzigen Blick. Deine Augen, so dunkel und undurchdringbar, durchbohrten mich. Und als ich wieder bei Sinnen war und einen Kontrollgriff wagte, nach dem Paket vor meiner Brust, fühlte es sich leerer an. Du hast einen Teil gestohlen. Nervös packte ich jedes Gefühl einzeln aus um herauszufinden, welches den nun fehlt. Doch zu lange hatte ich sie versteckt. Vor mir selbst. Und keine Liste dabei, um das Inventar angemessen zu prüfen. Und so lief ich dir hinterher. Um mein Gefühl zurück zu bekommen. Denn kalt fühlt es sich plötzlich an. Vor der Brust. Dies schreibe ich dir. Damit du dich vielleicht erbarmst. Der Wärme wegen. Und mir zurück gibst, was ich vermisse. Mein Gefühl.


Büroluftterrorschreibe

Maschinengewehrtastenklackern. Kleine Botschaften im internen Chatdialog. Papierberge mit Klammeraffen. „Können Sie mir die Email ausdrucken, einscannen, kopieren, als pdf, dann wieder an mich senden? Sie sehen so unter… beschäftigt aus.“ Bitches! Kleidungsstil. Das Büro verlangt nach Style. Große Ketten, die klimpernd gegen Tischkanten gedroschen werden. Kurze Röcke, hohe Stiefel. Der Gang Bürostrich. Duftwolken, Handcremes in den Schubladen, damit man den Chef mit der Hornhaut nicht den Schwanz wundwichst.

 

Geschminkte Gesichter. Tausend Lagen. Wegen des Lichts. Die Heizungslufttelefonhörerakne geht um. Die Finger aus dem Gesicht wenn du mit mir redest. Büroalltag = Modelcontest. Stützstrumpfhosen, die den Sitzfleischspeck praller macht. Klackern in den Gängen. Ich, die Kapuzenfrau, deren Teilnahmslosigkeit auf den Teppich tropft.

 

Sie stinken, diese Bürotiger. Nicht nach Arbeit. Nach Mikrowellensuppe, Mittagspausenzigarettenfraß mit Lippenstiftabdrücken auf den weißen Filtern, Angstschweiß, der ihre Pushup-BHs feucht glänzen lässt.

 

Fotos, Kalender, kleine Erinnerungsidiotien die sich auf dem Tisch sammeln. Stapelbearbeitung. Jeder Zettel hat seinen Platz. Je mehr Zettel, desto wichtiger. Ablage, Auflage, Unterlage, Flachleger.

 

Die Abteilungsdiät mit Abteilungswaage, um die Abteilungsschokolade abzuhungern. Darf ich bitte, bitte, bitte rauchen gehen?“ „O“ Kein Punkt und kein „K“, um dem ganzen Sinn zu geben. Die Stunden platt sitzen. Müde werden von… ja von was?

 

Büro ist Krieg. Modekrieg, Papierkrieg, Verbalkrieg, Ich-hau-dir-aufs-Maul-weil-du-einfach-nicht-witzig-bist-Krieg.

 

Hier reden sie ständig über das Essen. Mir wäre Scheiße lieber. Egal ob flüssig, fest, braune oder weiße. Oder Arschficks. Statt „Also gestern abend hatte ich ein Toastie mit Frischkäse und Käse.“, ein „… und als das Gleitgel leer war, rieb ich sie mit Schweinefett ein, um sie zu fisten. Super Alternative zu Margarine. Solltest du auch mal ausprobieren.“

 

Pünktlich den Rechner herunterfahren. Nur nicht länger unter diesen Lampen verweilen, die einem die Augen veröden. Grau wird man in diesem Umfeld. Es fehlen die Zigarren. Denn die Zeit frisst man schon aus den kleinen Müslischüsseln. Man füllt sie mit Produkten auf denen Namen stehen. Meine Milch heißt bn. Deine Milch heißt mo.

 

Blöde Nutte! Aber Geld macht man. Das ist doch die Hauptsache. Auch wenn man manchmal nicht weiß, was man sich darunter vorstellen darf, was man da macht. Aber hauptsache, der Schreibtisch ist am Abend dann sauber aufgeräumt und die Kaffeetasse steht in der Spülmaschine.

 

Ameisendasein im Hamsterrad. Hiphiphure!

 


Fotzenalarm

Hey du, hey du!

(Aufzeichnungen zwischen Telefonterror an der Profiline-Front und Mädchengewäsch der blonden Frau gegenüber.)

Brechende Herzen spielen Gefühlsbulimie. Klumpen in den Händen. Dreck oder Scheiße? Egal. Gefressen muss es werden. Händeringend sucht man den Weg in das Aus. Doch alles was es gibt ist eine Stimme aus dem Off, die einem sagt, dass es mehr als ein Foto braucht, um in der Band zu sein. Immer alles verliehen. Die Schultern tränenschwer. Wundgeweint. Die Ohren vollgestopft mit Phrasen und emotionaler Suizidalität. Die Hände wundgefingert am eigenen Lobpreis. Eigene Erduldung des eigenen Schwachpunkts. Der tiefen Selbsthasstherapie mit dem verdienten „Fuck you“-End.

Dort bin ich Mensch, dort pisse ich mich ein.

Feiertage ein Garant für Krieg. Würgegeräusche. Man denkt, man hätte so viel Substanz zu bieten, doch alles was sich zwischen den trockenen Bröckellippen herauspresst, sind Rülpser die nach Kinderkacke riechen. Eigene Leistung. Ich stinke nach Büropupsluft. Der Atem eine Mischung aus Koffein und Laberflash.

You made my day. Made in China. Maden, die mir an den Beinen hoch kriechen. Eat my sperm-pants.

„Ich will eine Prinzessin sein.“, sagt sie, während sie mit Bedacht ihren Kopf in Ärsche steckt. Doch wie soll sie nun den Speichel lecken der die Gesichter derer bedeckt, die sie geifernd beobachten während sie sich kinderkopfgroße Lollies in den belipglossten Mund schiebt?

Endzeitstimmung. Der Vorhang fällt und erdrückt. Kleine Ratten mit silbernen Schwänzen tanzen für dich in einer Reihe. Jumpstyle gemischt mit Hiphop-Gezappel. Nackte Gesichter mit blassem Charakter. Kapuze darüber und die Klappe des Affen ist tot.

Feierabend! Jetzt eine Line Bahn-Trostlosigkeit und dann heim in den Schoß des absteigenden Asts. Feiere so fest bis du fällst. Blut ohne Gedärme. Die Horror-Peep-Show mit Cumshot-Garantie.


Blind vor Text

Viele kleine Worte pflastern unseren gemeinsamen Weg. Jedes wohl überlegt. Und dann doch wieder diese Moment, wo es einfach passiert. Das Schreiben. Die Kommunikation. Oder sie stockt.

 

Wenn ich nicht ich wäre. Wenn ich für dich ein Stück Literatur wäre, was dürfte ich dann für dich sein?

 

Das epische Gedicht. Ich wäre eine Erzählung von Vergangenem. Etwas worüber du anderen berichtest. Du würdest es ausschmücken. Unser gemeinsames Sein. Unserer Geschichte eine Wichtigkeit verleihen. Sie würden dir lauschen. Deinen großen Worten. Und doch wäre ich Vergangenheit.

 

Oder wäre ich ein Drama. Der Dialog. Jede Unterhaltung mit einer passenden Kulisse untermalt. Ein großes Theater. Ein Schauspiel. Der Applaus der Lohn für die Beteiligten. Blumen werden auf die Bühne geworfen und ich dürfte mich verbeugen. Vor dir und vor deiner Entscheidung mich zu dieser dramaturgischen Figur gemacht zu haben.

 

Vielleicht bin ich auch die Lyrik in deinem Leben. Gemeinsam reimen wir uns etwas zusammen. Kleine kryptische Gedanken die das Denken anregen sollen. Derer, die daneben stehen und uns heimlich beobachten. Viel Gefühl steckt in mir. Und zu viel Reflexion. Fast kitschig. Mit roter Tinte auf weißem Papier läge ich vor dir. Im Schein der Kerze würdest du mich lesen und meine Seiten mit Bedacht anfassen, weil du Angst hättest, du könntest es zerstören.

 

Es könnte aber auch sein, dass ich dir ein Roman bin. Viele Seiten gefüllt mit unzählig vielen Worten. Doch welche Art von Roman? Die Schonkost für die Augen und das Gehirn oder schwerer Stoff der einen fesselt und nicht mehr loslässt?

 

Ein Märchen? Die böse Hexe stirbt am Schluss. Eine Lehre, die du aus dem Ganzen ziehst. Und wenn es nur die ist, dass du dich nicht mit Hexen einlassen solltest.

 

Fabel, Kurzgeschichte, Komödie, Groteske, tragisch, komisch, unbedeutend und keins der Worte wert, die ich auf meinen Körper gemalt habe? Tiefgründig, leichte Kost, untragbar, erregend? Verwirrend, einschläfernd, kritisch?

 

Oder vielleicht bin ich auch nur dein Blindtext. Das Vorgaukeln von Inhalt. Ein Platzhalter für das, was wirklich wichtig ist. Bis das kommt, was dich wirklich in den Bann zieht. Ein Akt der durch copy and paste schnell vollzogen ist. Ein bisschen formatieren. Dem Anpassen, was es irgendwann mal werden soll. Und dann liegen lassen. Nur darauf wartend mich entfernen zu dürfen. Um mich durch gehaltvolle Literatur zu ersetzen. Bin ich dein lorem ipsum? Oder reicht es vielleicht doch zum Groschenroman?

 


Boden der Tatsachen

Du! Hey! Du! Ja genau du! Du Mädchen mit den Merkel-Gedächtnis-Mundwinkeln. Ja du, Seitenscheitel-Gör. Hey! Komm mal her. Jetzt zier dich nicht so. Kriegst auch einen Schnaps. Ich muss dir mal was sagen. Na jetzt stell dich nicht so an. Ich will dir schon nicht an die Wäsche. Na geht doch. Setz dich doch. Na dann halt stehen. Als ob du noch wachsen würdest. Vielleicht in die Breite. Höhöhöhö. Naja gut. Also. Ich habe dich schon längere Zeit beobachtet. Nicht diese Stalker-Verliebtheits-Sache. Keine Sorge. Aber du fielst mir auf. Du hattest immer diesen schlurfenden Gang und sobald dich einer länger als fünf Sekunden ansah, hast du ihm einen dieser schnaubenden und todbringenden Blicke zugeworfen. Jaaaaa genau so einen. Jetzt sehe ich den endlich mal aus der Nähe. Echt beängstigend. Also wenn ich nicht wüsste, dass du sowieso zu feige bist um mit mehr als deinen Blicken zu töten.


Was ich von dir will? Also Mädchen. Oder besser gesagt, Frau. Weil das bist du. Auch wenn du vielleicht nicht so aussiehst. In dir drin da bist du eine Frau. Nicht nur wegen den Brüsten und anderen Merkmalen des Erwachsenseins. Du bist 26 Jahre alt, meine Liebe. Andere in deinem Alter, die bauen Häuser, machen Kinder, heiraten und schließen Lebensversicherungen ab. Die suchen nicht mehr nach dem Sinn ihres Daseins. Die haben ihn gefunden. Und jetzt seien wir mal ehrlich Liebes. Du suchst schon über zehn Jahre. Meinst du nicht, dass es irgendwann einmal reichen sollte? Das du irgendwann einmal erkennen solltest, dass es da nichts gibt für dich, was es zu finden gibt. Das du wie all die anderen eine kleine Ameise bist, die auf die Welt gekackt wurde, um Ameisendinge zu machen bis der große Daumen kommt um dich gnädigerweise aus dem Leben zu matschen. Du bist nichts Besonderes. Du wirst nicht irgendwann absolut durchdrehen wie du es immer weissagst. Du wirst weiter leben. Langweilig und öde mit einigen Highlights. Du wirst jeden Tag aufstehen, die Dinge tun die dir aufgetragen werden von deinem Leben und irgendwann wieder einschlafen um am nächsten Tag wieder aufstehen zu können.


Jetzt doch einen Schnaps für die Madame? Warum ich dir das alles sage? Weil ich es nicht mehr ertrage meine Liebe. Jeden Tag muss ich mir dich ansehen. Jeden Tag sehe ich diese schlaffen Schultern, die an einem noch viel schlafferen Körper hängen. Diese Bocklosigkeit, dieses ekelhafte Selbstmitleid das dir aus den Poren kriecht. Immer wieder dieses „Aber was bin ich denn und warum ist das alles nur so?“ Bla! Alles Geschwafel.


Wer ich bin? Woher ich mir das Recht nehme dir das zu sagen? Woher ich das alles wissen will? Weil ich es bin. Der Boden der Tatsachen du dumme Nuss. Ja schon klar. Ich bin dir fremd weil du dich nicht oft auf mir aufhältst. Aber Schätzchen. Ich bin immer da. Und ich beobachte dich. Und es reicht. Ich ertrage das nicht mehr. Also komm doch bitte mal klar. Du musst gehen? Schon klar. Aber hey, nichts für ungut. Nett dich mal von Nahem zu sehen. Biste eigentlich ganz adrett. Ein bisschen Schminke und mit ein paar Promille mehr, würde ich dich sicher flachlegen. Ja, ja, schon gut. Also. Denk mal drüber nach. Joa, mach’s gut.


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