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Über bodensatz

So throw your diamonds in the sky, we'll stay gold forever.

Dunkelblauer Samt

Sie saß mir schräg gegenüber. Zwei Bankreihen zwischen uns. Ich weiß nicht warum ich sie ansah. Denn eigentlich darf man das nicht. Sich in der Bahn die Menschen genauer angucken. Und wenn man es doch tut, sieht man sofort beschämt aus dem Fenster. Sieht der Welt beim Davonlaufen zu oder mustert sich selbst solange, bis das Gesicht nur noch ein grauer Dreckfleck ist und man von einem “Ausstieg rechts” erlöst wird. Sie war schon alt. Zumindest hatte sie graue lange Haare und die hat man nur wenn man alt ist. Sie trug eine Lederjacke über einem dunkelblauen Samtkleid. Das Gesicht aufgeschwämmt. Vielleicht vom Saufen. Oder einfach nur vom Fressen. Der Bauch größer als die Brüste. Unter dem Kleid eine Jeans. Als sie dann vor mir lief, diese wackeligen und unsichere Schritte, sah ich, dass die Hose hinten diese Löcher hatte die entstehen, wenn man zu klein ist für die Hosen, die man kauft. Ich musterte ihren Kopf als sie so vor mir die Treppe hinunterhumpelte. Dieser klägliche Versuch Ordnung zu bringen in das fransige Grau. Und plötzlich wollte ich sie umarmen. Weil sie mich erinnern und vermissen ließ. Weil ich plötzlich wieder ihr trauriges Gesicht vor Augen hatte mit diesen Wangen auf denen schon tiefe Furchen waren von den vielen Tränenströmen, die aus den Augen schossen. Ich wollte umarmt werden von ihr, weil es fast so gewesen wäre als hätte sie es getan. Ich hätte die Augen fest zusammengedrückt. So sehr, dass ich blinkende Lichter auf den Lidern sehen würde. Ich hätte ihr über den Kopf gestreichelt. Hätte mir vorgestellt wie es wäre wenn alles noch so wäre wie es nunmal war. Ich hätte angefangen zu weinen, weil ich mich dran erinnert hätte, dass ihre sie viel zu selten umarmt habe. Das ich anfange in fremde Frauen in der Bahn das hinein zu projizieren, was ich nun nicht mehr habe. Ich wartete darauf, dass was passieren würde. Irgendwas. Ein Zeichen. Von wem auch immer. Aber alles was passierte war, dass sie nach links ging und ich nach rechts. Ich schaute ihr hinterher. Diese grauen Haare. Wie die ihren. Dieser traurige Hundeblick. Wie ihrer. Dieser Glanz in den kleinen Augen. Der selbe wie bei ihr. Und doch ist es nicht das Selbe. Nur das Gefühl wird es sein.


Kotzrotz

Der Wein verteilt sich gut in deinem Blut. Du sitzt. Guckst in den Himmel und siehst plötzlich Sterne. In Hamburg eher selten. Du diskutierst darüber, was besser sein könnte für dein Leben und für dich und merkst, wie du dich selber herauswindest. Die Argumente des Einen so gut, sodass du nur mit Brüsten kontern kannst, die du demonstrativ vor das Gesicht hältst. Courage haben. Die Courage haben etwas besser zu machen, vielleicht besser werden zu lassen, was doch eigentlich gar nicht so schlecht ist. Sie liegt zertreten zwischen all den Vorstellungen wie es ist erwachsen zu sein. Fühlt sich dort eigentlich ganz wohl. Denn der Irrglaube streichelt es jede Nacht zärtlich in den Schlaf.

 

Hamburg wird immer mehr zu dem Ort der Grenzen. Der inneren Grenzen. Ideen werden Gedanken und Gedanken werden Ideen und Worte und so selten Taten weil es doch so viel leichter ist den immer fetter werdenden Arsch auf der Couch platt zu sitzen, als die Arschbacken zusammenzukneifen.

 

Denke die Tage darüber nach was ich vermisse. Und ich merke es ist die Jugend. Die, um die ich sie alle beneide. Wenn ich beobachte wie sich die Menschen Geschichten von damals um die Ohren prügeln, ist in meinem Kopf die Stille. Nichts dergleichen passierte bei mir. Die fickenden Barbies in der Badewanne des Petra-Hauses das einzige Highlight. Oder vielleicht doch noch der eine Abend an dem ich mich mit voller Inbrunst mit der Begründung ich hätte kalte Hände, an den Typen ranschmiss, den ich doch so unglaublich scharf fand und der dann in Regensburg studierte und dort dann das fand, was ich nie sein konnte.

 

In Gedanken brülle ich Zeitschriften an. Sie sollen ihre Fresse halten mit ihren Schlagzeilen die mich traurig machen. Und eigentlich sollte ich gerade eine Bewerbung schreiben und bin doch so froh endlich wieder Gedanken auf virtuelles Papier bannen zu können.

 

Vor was habe ich eigentlich Angst? Davor, dass ich plötzlich nichts mehr hätte worüber ich mich beschweren könnte?!


Ich werde ein Internetstar

Heute ereilte mich eine wunderbare Mail die ich gerne mit euch teilen möchte. Es ist mir sehr wichtig als lest sie euch genau durch.

Guten Tag,

Mein Name ist Tim Sahl und ich arbeite für Hansen-Mediengruppe. Und wir
sind immer auf der Suche nach interessanten Seiten für eine Kooperation.
Und daher habe ich bei der Recherche Ihre Website bodensatz.wordpress.com
gefunden. Ich bin der Meinung, dass eine Zusammenarbeit vorstellbar ist.
Dies würde ein paar Vorteile und Nutzen nach sich ziehen wie beispielweise
den ein oder anderen zusätzlichen Seitenbesucher oder eine andere Art von
Entschädigung für Sie.
Vielleicht wäre denn ein Gastbeitrag möglich. Was denken Sie?
Besteht Ihrerseits denn prinzipiell Interesse?

Mit freundlichen Grüßen

Ich war begeistert. Aber schlussendlich entschied ich mich zu dieser folgenden Antwort:

Sehr geehrter Herr Sahl,

Sie können sich gar nicht vorstellen wie sehr ich mich über Ihre Email gefreut habe. Postwendend musste ich einen Screenshot Ihrer Mail bei Facebook posten und dies bei Twitter breittreten. Wer hätte jemals gedacht, dass jemand auf meinen kleinen, doch so unwichtigen Blog aufmerksam wird?

Nachdem mir mein Freund riet, den ich sofort zu Rate zog, wie ich weiter vorgehen soll, meinen Blog nicht zu verkaufen, wollte ich ihm Gegenargumente liefern.

Hierzu besuchte ich als erstes mein kleines Blöglein um zu zeigen wie Sie auf meinen Verbalrotz gestoßen sind. Als ich dann die Statistik meines Blogs befragte, legte ich meine Stirn in runzelige Falten. Mit welchen wirren Suchbegriffen Sie wohl dort gelandet sind. War es “Fisch mit gestreiften Socken” oder doch eher eine der Sorte “ficke er sich weg”. Dann entsinnte ich mich, dass dort ja nur die Suchanfragen der letzten beiden Tage dargestellt werden und ich beruhigte mich wieder, da ich sicher bin, dass die Entscheidung mir eine solche Anfrage zukommen zu lassen, einige Tage der Überlegung nach sich zog, nachdem Sie meinen großgeistigen Blog entdeckt haben. Da ich nun meinem Freund handfeste Beweise vorlegen wollte, dass diese Anfrage so gar nicht bei den Haaren herbeigezogen ist, versuchte ich Ihr besagtes Unternehmen, über das seltsamerweise nichts in Ihrer Mail erwähnt wurde, via google ausfindig zu machen. Denn wir wissen wohl beide, da wir scheinbar beide gerne mal im Internet “abhängen”, dass alles was im Netz steht zu 100% der Wahrheit entspricht. Leider musste ich feststellen, dass google Sie nicht fand. Ich hasse google ab sofort. Habe ich beschlossen. So für mich. Auch Xing half mir nicht weiter. Nun bin ich verwirrt. Sollte mein Freund doch Recht behalten und diese Anfrage ist nicht seriös?

Lieber Tim, ich darf Sie doch Tim nennen!? Wir sind doch Onliner. Wir sind alle per Du. Sollte es vielleicht sein, dass Sie wahllos Menschen anschreiben? Sollte ich wohl enttäuscht sein, weil es nicht meine unvergleichlich schlechte Rechtschreibung und der Tagebuch-Stil meines halbtoten Blogs davon überzeugt haben sollte mir diese Mail zu schreiben? Sollte das alles nur ein dummer Trick sein?

Und jetzt mal Butter bei die Fische. Ich weiß nicht was sich Menschen wie Sie erhoffen wenn Sie solche Mails wahllos an Blogger versenden. Aber ich möchte Ihnen einen Tipp geben. Setzen Sie sich vielleicht erst mal mit dem Content auseinander, der in dem angeschriebenen Blog behandelt wird. Und wenn Sie schon dabei sind könnten, Sie sich auch mal damit beschäftigen wann die letzten Beiträge verfasst wurden. Halbtote Blogs sind nunmal halbtot.

Ich hoffe ich konnte Ihnen mit meiner Email die Augen öffnen. Vielleicht ist es auch das Antibiotikum das aus mir spricht. Ich wünsche Ihnen alles Gute, Jesus liebt auch Sie.

Mit freundlichen Grüßen

Bracka fuckin YEAH!!!

[Like a boss!]


Wein, Weib und ein sterbendes Blog

Ich schreibe nicht. Ich höre keine Musik. Den Fernseher nehme ich wahr als einen Kasten dessen Bilder lustig wackeln, wenn man lange genug darauf starrt. Ich trinke wieder. Mehr, weniger, aber immer ohne Anlass. Und wenn ein Anlass gegeben ist, dann lasse ich es durch mich hindurchlaufen. Ich rauche zu viel und sehe meiner Vergangenheit dabei zu wie sie immer blasser wird. Wenn Menschen sterben, dann nehmen sie die Geschichten mit, die sie einem erzählen könnten. Die Aufmerksamkeitsspanne bei Gesprächen reduziert auf ein Minimum. Supportniveau. Alles über fünf Minuten ist schlecht und schadet dem Durchschnitt den wir halten müssen weil es wichtig ist, dass man viele Gespräche führt. Der Inhalt, egal. Hauptsache die Zahlen sind rund und schön und machen nette Gesichter wenn man sie auf Tafeln projiziert.  Immer öfter tauchen Dinge auf, für die ich noch nicht erwachsen genug bin, mein Umfeld scheinbar schon. Sie heiraten. Dieses Jahr sind es schon zwei. Kinder wollen sie noch nicht kriegen. Nachdem ich gesehen habe wie dieses Kinderkriegen vonstatten geht, will ich das auch nicht mehr. Ich erinnere mich daran, dass man dort sicher oft Nadeln in den Körper gesteckt bekommt um Sachen abzupumpen. Um zu testen ob alles gesund ist. Zu viele Nadeln. Viel lieber will ich Tattoos auf meinen Körper kratzen lassen. Die muss man wenigstens nicht zu Helden erziehen. Tage die stumpf an mir vorbeilaufen, kurz nicken, weitergehen und mich schon vergessen haben, wenn sie über die Straße gelaufen sind. Fremde Menschen die mich angrinsen. Ich grinse zurück, mechanisch. War am Samstag bei Ikea. Wir haben uns über die Namen der Kinder lustig gemacht, die in Küchenabteilungen verloren gehen und aus dem Kinderparadies abgeholt werden wollen. Das habe ich gar nicht bei facebook gepostet. Welch schlechter Zuckerberg-Jünger ich doch bin. Schnell die Chronik aufpolieren und all diejenigen blocken die meinen, durch das Teilen von Bildern würden Spendengelder verschenkt werden. Die innere Firewall blockiert gerade alle Ports. Oft sitze ich nur da. Möchte weinen. Der Grund ein unbekannter und vielleicht beweine ich nur wieder mich, weil ich nun mal selbstmitleidig bin. „Was hast du aus deinem Leben gemacht?“, frage ich mich. Ich blicke in dem Raum herum, der mein zu Hause ist und finde keine Antwort.


Emanzenhass der anderen Art

Ich hasse ja so einiges. Weil ich nun mal einer dieser Menschen bin, der das gerne macht. Es ist kein Hobby mehr. Es ist eine Passion. Eine Passion, die ich voller Leidenschaft auslebe und ohne die ich mich furchtbar einsam fühlen würde. Und Hass. Er ist so einfach. Wut zu empfinden, fluchen und wild mit den Händen gestikulieren. Es ist so viel einfacher als dieses … Lieben! *börps*

 

Aber eine Sache, die hasse ich besonders. Es sind diese Pseudo-Emanzen, die jeden Tag meinen Weg kreuzen und denen ich tagtäglich derbe ins Gesicht spucken möchte. Oder ihnen einfach nur in eben dieses rülpsen. Irgendwas davon. Oder zusammen. Beides.

 

Emanzipation ist wichtig. Ich bin Pro-Frau. Frauen sind gut, wichtig und ich finde es noch viel wichtiger, dass sie endlich zu dem Recht kommen das ihnen auch zusteht. Aber es sind diese komischen Frauen die meinen sich aussuchen zu können, in welchem Modus sie sich befinden. Diese Frauen, die gerne mit einem pauschalisierenden „Scheiß Männer!“ um sich werfen und ich mir immer wieder denke „Halt deine Fresse, denn du hast so überhaupt keine verfickte Ahnung!“. Sie regen sich auf. Über Dinge die Männer machen weil sie sie machen, nicht weil sie Männer sind, sondern weil sie das als menschliches Wesen nun mal meinen machen zu müssen. Es sind diejenigen, die in ihren Klischees baden. Die darauf erpicht sind weiterhin als schwaches Geschlecht dazustehen, wenn es ihnen in den Kram passt und dann, wenn es eben nicht passt, einen auf Super-Emanze machen. Sie brauchen keine Männer. Nur wenn es darum geht die Rechnung vom Italiener zu bezahlen. Sie können ganz alleine ihre Billy-Regale bei IKEA in den Kleinwagen pressen aber aufbauen, dazu fehlt ihnen das Handwerker-Gen. Sie beschweren sich darüber, dass sie immer wieder auf Küche, Kind und Bett beschränkt werden, beschränken aber selber Männer auf Auto, Tittengeilheit und Bier.

 

Sie machen sich ihre Welt wie sie ihnen gefällt. Nur dass diese Welt voller Widersprüche ist, das merken sie nicht. Ich kann sie nicht leiden diese Weiber. Ich werde laut wenn sie meinen sich wieder pauschal über Penisträger aufregen zu müssen weil die nicht in ihr Realitätsbild passen. Ich kriege Ekelherpes am Arsch wenn ich mitkriege wie sie ganze 10 Minuten später die „Ich bin so schwach, rette mich“-Karte ausspielen. Sätze die mich zur Weißglut treiben:

 

„Ihr Männer kämt doch gar nicht klar ohne uns Frauen!“

„Männer!“

„Wenn ihr Männer nur einen Tag eine Frau sein müsstet…“

 

Fuckfuckfuckbullshitfuck!!! Ihr labert Scheiße. Gequirlte Scheiße mit Glitter oben drauf. Nur so als Tipp: Wenn ihr einen Mann an eurer Seite habt, der euch nicht akzeptiert, dann habt ihr was falsch gemacht. Ihr werdet ihn nicht ändern können weil ihr seid nicht die Wunderwaffe, die aus ihm einen anderen Menschen macht. Wenn ihr jeden Monat im PMS-Rausch mit in Benzin getränkten und angezündeten Wattebällchen um euch werft, seid ihr wohl um einiges anstrengender als ein Stehpinkler. Aber ich vergleiche gerade Äpfel mit Bananen. Schaltet einfach mal euer verdammtes Gehirn ein. Ihr seid doch so stolz auf eure Geisteskraft. Dann setzt sie doch auch mal ein. Nicht um sich alle Namen der Casting-Show-Kandidaten und deren Lebensläufe zu merken, sondern um über den Tellerrand zu gucken. Da ist es nett. Wir haben zwar keine Kekse aber eine gute Zeit. Mit Sex und Bier und wenn ihr lieb seid, gucken wir auch ab und an mal mit euch eine Folge Gossip Girl.

 


Fratzen, Wehen, Unwissen

Jeden Tag aufs Neue schlage ich das Buch der Fratzen auf. Dort kann man lesen was die Menschen machen, die einen begleiten oder zumindest kurz begleitet haben. Sie zeigen einem Bilder ihrer polierten Wägen und der Abende voller Suff und dem Wunsch für immer jung zu sein. Beziehungsstatus geändert, Orte angegeben und immer wieder die Frage, warum habe ich eigentlich keine SMS erhalten um dies wunderbare Ereignis zu erfahren, bevor ich es mit 174 anderen „Freunden“ teilen, es aus all dem „WOW!!! Fünfhundertrillionenmal wurde mein Profil angeklickt“-Botschaften herausfiltern muss.

 

Sie heiraten, verloben sich, gebären Kinder. Ich erlebe dies alles mit, aber bin kein Teil mehr davon. Es ist alles nur noch ein weiterer Punkt in der Chronik des Vergessens. Sie sind mir doch so wichtig, ich dachte ich sei ihnen wichtig. Doch Input funktioniert nicht mehr so, dass man spricht. Man postet. Sie sind zu weit weg um sie zu besuchen. Sie leben am anderen Ende von Deutschland. Der Großteil von ihnen. Und sie leben ihr Leben. So wie sie es für richtig empfinden, nur ohne mich. Ich könnte mich kümmern, mich bemühen, nachfragen und Pakete mit Tonnen von Abzügen der Bilder schicken, die ich all die Monate über gemacht habe. Aber ich tue es nicht. Ich drücke auf „gefällt mir“ und die Schuldigkeit wurde getan.

 

Ich schreibe eine Liste derer die plötzlich anfangen zu müssen mit diesem heiraten und Familie planen und Familie konstruieren. Die Liste ist länger als mir lieb ist. Ich grüble über das Alter derer die auf dieser Liste stehen. Sie sind jünger. Viel jünger. Es ist kein Zugzwang der mich packt aber ein Erschrecken darüber, dass mein Leben nicht hineinpasst in diese Form die mir dieses Buch der Fratzen vorgibt. Die Reife, sie fehlt, die Basis, das Verlangen danach, so zu sein wie sie. Und doch dieser Groll im Magen, dass ich es nicht vor Mark Zuckerberg erfuhr. Nur weil wir am selben Tag geboren sind, muss er das doch nicht vor mir wissen.

 

Ich sehe mich um. Die WG leer. Vor den Feiertagen fahren sie alle nach Hause. Ich bin zu Hause. Sie fahren zu ihren Familien. Ein Großteil meiner wahren Familie ist hier, wenn sie nicht mal wieder zu ihrer echten Familie fährt. Will ich eigentlich eine eigene Familie?

 

Ich frage ihn wann er Kinder will. Er weicht mir aus. Weil er mich nicht ängstigen will. Es kommt keine Gegenfrage weil er davon ausgeht, dass meine Frage bedeutet, dass ich dies möchte. Ich konfrontiere ihn damit, dass ich es nicht weiß. Es ist nicht der Zeitpunkt den ich nicht kenne, sondern es fehlt mir an dem Wissen ob ich es überhaupt will. Ob ich mich sehe in diesem Konstrukt Familie als Muttertier mit Eintöpfen und Wechselwindeln.

 

Wechsle zurück auf die Informationsplattform des Buches der Fratzen. Poste ein Bild des einsamen Weihnachtsgewächs. Geschenke davor, die Katzen, die neugierig ins Foto platzen. Trinke meine Flasche Wein leer und frage mich was ich will. Frage mich, ob ich mich vielleicht doch einfach mehr kümmern sollte um nicht alles total verkümmern zu lassen.


Irgendwas mit Wodka

Fremd ist er mir. Trotzdem sage ich ihm, dass ich Angst davor habe Kinder in die Welt zu setzen. Alles falsch zu machen. Er sagt mir, dass man zwei Möglichkeiten hat. Entweder man erzieht einen Kämpfer, oder ein Opfer. Frage was passiert, wenn man das Opfer erschafft. Spüle die Frage mit einer weiteren Portion Alkohol hinunter. Gelangweilt und angestrengt wirkt er. Er sagt mir, er würde zu viel denken. Er kenne die Leute nicht, alles sei verkehrt, die Musik, das Trinken. Ich brülle in sein Ohr, dass ich auch denke, mir das Denken aber wegtrinke.

Und während ich die Worte mit den Lippen forme, widerspricht mir mein Kopf. Nicht des Denkens wegen trinke ich. Der Alkohol soll mich ausradieren. Mein Wissen darüber, dass ich nie die sein werde, die ich so gerne wäre. Wenn die Augen fest verschlossen sind und ich mich selbst nur noch durch einen Nebelvorhang aus Promille sehe, ist die Gestalt, die ich erkenne, von zauberhafter Wunderbarkeit. Makellos und die Zuversicht streckt den Rücken.

Ein kurzer leerer Blick in ein weit entferntes Nichts, ein weiterer Schluck aus irgendeinem Glas und schon sind die lallenden Stimmungsmacherstimmen um so vieles lauter als der Sirenengesamg der großen Sorgen.

“Was wirst du Schlampe dich eigentlich beschweren? Dein Leben ein Ponyhof aus Zuckerwatte. Es läuft doch alles so gut. Undankbares Pack. Hier! Eine Runde Selbstmitleid. Kurze oder gleich die ganze Flasche? Wie das war zu viel? Wie kann das zu viel sein? Dein Leben ist dir zu lebendig? Willst du wieder zurück in deinen Kokon aus Verdrängen und Zukunftsdesinteresse? Ist dir das lieber? Bist du es nicht leid immer wieder an dem Punkt anzukommen an dem du dein Angesicht versteckst, aus Angst jemand könnte deine aufgemalten Sorgenfalten wegwischen? Du sagst doch immer alles sei gut. Wem willst du das mehr einreden? Dir oder den wenigen die dich begleiten?”

Weitertrinken und nicht mehr ich sein. Oder endlich ich sein können, qcohne danach eine Erinnerung zu haben wie ich nun wirklich bin. Der nächste Tag. Die Jacke in der Badewanne, die Haare die schmerzen und die Frage ob ich zum Opfer oder zum Kämpfer erzogen wurde.


Poetry und ich

Manchmal mache ich mir Gedanken darüber, warum ich nie an einem Poetry-Slam, an einer Lesung teilnehmen, als Straßenpoet arbeiten könnte. Meistens passiert mir das während dem Versuch einzuschlafen. Denn genau dort brauche ich die Gedanken die mich so sehr anöden, dass ich in den wohligen Sog der aus Tiefschlafphase besteht, gleite.

Es beginnt doch schon bei den Texten. Wenn man sich diese crazy Poetry-Menschen anguckt, woah, was für ein crazy Leben die doch haben. Sie leben in absolut schrägen WGs oder erleben nur auf dem Weg zur Bahn ganze Lowbudget-Kunstfilme. Sie wollen irgendwie immer was. Wollen wachsen und atmen und größer und machen sich Gedanken darüber was sein könnte wenn sie nur endlich mal ihre Finger von der Tastatur lassen könnten. Meine Texte schmalzen oder hassen oder ergeben keinen Sinn wenn man nicht in meinen Kleinhirnkreisen wohnhaft ist. Wenn ich anfangen würde dieses Blog zu rezitieren, voller Elan und dem Willen das Fußvolk mit meinen wohlgewählten und von Alkohol getränkten Worten zu bespaßen, sie würden gucken wie ein Auto und fluchtartig das Kellergewölbe verlassen, in dem wir uns zusammengefunden hätten.

Und dann wie sie sprechen. Diese Poetry-Slammeister unserer Zeit. Sie prügeln jedes Wort in das Mikrofon. Jeder Satz ist wie ein Schuss aus einem dieser lustigen Waffen aus den Ballerspielen. Hektisch fuchteln sie mit ihren Zetteln in der Luft und hämmern ihre Satzgebilde zwischen die Augen der Hörenden und wenn man genau hinhört flüstern sie nach jedem fertigen Satz ein leises „Headshot!“. Ich würde mich verzetteln. Verheddern an dem Papier, mir live auf der Bühne die Pulsadern aufschneiden, stottern obwohl ich nie gestottert habe und spucken. Ich würde so dermaßen viel spucken, dass man ein Katastrophenteam rufen müsste um den Flutmengen die aus meinem Mund sprudeln würden herzuwerden. Ich würde unmenschliche Mengen an Speichel an das gesamte Puplikum verteilen, sodass diese nie wieder duschen müssten, würde man sich heutzutage mit Sputum duschen, statt mit warmem, klarem Wasser aus dem Brauseduschkopf.

Nervös wäre ich. Ich würde zittern. Mein Bein würde hektisch zucken. Minimal-Sounds würde ich trommeln und die Menge würde wohl beginnen zu tanzen weil sie denkt das sei nun der Teil zum Tanzen. Mein Herzschlag würde den Bass darstellen. Tief, laut und viel zu hektisch. Das leuchtende Rot meines Kopfes würde konkurrieren mit den Deckenstrahlern. Oder ich würde damit das schummrige Licht das mich umgibt zerstören. Diesen Moment der dadurch entsteht. Diese Atmosphäre. Ich würde leuchten wie eine betrunkene Diskokugel und wahrscheinlich auch so auf der Bühne herumtorkeln. Alles umwerfen. Mich vielleicht noch einmal am durchnässten Zettel in meiner Hand schneiden. Der wäre durchtränkt von Schweiß und Spucke.

So wäre es. Würde ich Texte lesen vor Menschen. Es wäre ein Meer aus Spucke, Blut und Schamesröte. Und eigentlich wäre es eigentlich auch egal, weil zuhören würde man mir schon lange nicht mehr.


Tippenlaufen

Kein Ende. Kein Schrecken. Ein dauerhaftes Verstecken. Anecken. Einstecken. Ablecken. Hochstecken und anzecken. Verdecken und dabei immer wieder verrecken. Sich schütteln und verwackelte Bilder schießen.

 

Wie sie alle laufen. Wackelnde Brüste, die zitternde Hände werden von zu schweren Taschen abgeschnürt. Kabel die aus den Ohren wachsen. Klebriger Boden in der U-Bahn und die Zeit die einem im Nacken sitzt.

 

Gespräche über Gott und eigentlich kannst du doch deine Gebete auch an einen Baum richten. Oder einfach mal die Fresse aufmachen und mit mir reden.

 

Möchte mich verstecken hinter der Elfenbeinturmprinzessin und einfach nicht älter werden. Petra Pan.

 

Höre ein Baby weinen und in meinem Kopf ist es plötzlich meins. Ich stehe neben dem Bett. Weiß nicht wohin mit den Händen. Die Stimme, die mitbrüllen möchte, mit Samt und Seite auskleiden um kein Unmensch zu sein. Unterhaltungen darüber, ob man Kinder taufen lassen soll. Abwägen. Ungeborenes und ungeplantes Leben schon jetzt verplanen und verkopfen.

 

In Gedanken Bücher lesen die noch gar nicht geschrieben wurden. Sich selbst als Denker sehen. Nachdenklich dreinblickend vor dem Spiegel stehen und dabei denken und atmen fast vergessen. Die Flausen aus dem Haar zupfen, die einem aus dem Kopf gefallen sind, weil man ihn zu sehr geschüttelt hat.

 

IKEA-Kataloge durchstöbern und sich fragen ob die richtige Ausnutzung von Stauraum wirklich so glücklich macht wie es mir die Bilder vermitteln möchten. Den Fernseher einschalten und nicht mehr verstehen warum man sich immer noch so sehr an diesen Kasten fesselt, voller Hassliebe erfüllt.

 

Fremde Menschen in meiner, unserer Wohnung. „Hier wird gekackt, hier ficke ich, hier fresse ich und in diesem Zimmer dürftest du ficken, fressen aber bitte nicht kacken. In einer halben Stunde rausfinden, ob es passen würde mit diesem Fremden. Warten auf den Gong der mich erlöst und mir das Zeichen gibt, dass ich mich an einen anderen Tisch setzen darf um ein weiteres Mal zu erzählen wo ich kacke, ficke und fresse. Speedmitbewohnersuche. Wo sind die Drogen?

 


Zittergedanken

Möchte alles gut machen. Möchte besser sein und werden. Gewinnen an Haltung. Die Erfahrungen nutzen und lernen daraus. Möchte der beste und rundeste Trauerkloß von allen sein. Allein sein in den Tagen ein Unding. Schlafen und trinken. Mich betrinken und ertrinken in den leeren Worten der Gedanken. Richtig sein, am allerrichtigsten. Die Sonnenstrahlen einsaugen und widerspiegeln. Tage vergehen, Sorgen verdrehen mir die Gelenke und ich wanke durch das „Es muss weitergehen“-Szenario. Auskotzen. Sorgenvolle Blicke von Fastfremden die mich fragen wie es mir geht. Und immer weiß ich nichts zu sagen. Fremde die meine Texte lesen und mir sagen, dass es sie bewegt. Für mich nur ein Ventil und alles was aus mir herausbricht ein Schwall heißer Luft. Das Leben geht weiter, ich sollte wieder hineinspringen in dieses Kümmern und Sorgen und wichtig sein. Für mein Umfeld. Mechanisch führe ich jede Tätigkeit aus. Antrainiert und doch verlernt. Sinnsuchend und eigentlich will ich nur ans Meer und mich ertränken im weiten Blick.

 

„Du musst mehr schreiben.“, sagt sie mir nachdem sie den Buchtext gelesen hat. „Mache ich.“, antworte ich ihr. In dieses Internet. Sie sagt mir es müsse mehr sein. Und nicht dort wo man nach fünf Minuten vergisst und Menschen nachtrauert die man keine fünf Minuten kannte.

 

Die Hände zittern die Worte in die Tastatur. Seit einigen Stunden hört es nicht auf, dieses Zittern. Vielleicht ist es der Hunger oder die Sehnsucht nach Nikotin oder vielleicht auch nur Einbildung.

 

Ich frage ihn ob er mit mir ans Meer fährt. Er sagt wir können das am Samstag machen. Doch eigentlich will ich jetzt dort hin. Sage ihm, dass es Blödsinn ist und plappere weiter. Wie immer.

 

Plötzlicher Wunsch die Elfenbeinturmprinzessin Stunde um Stunde zu umarmen. Ihr in tausendfacher Farbenart zu sagen, dass ich sie liebe. Auf diese Platon-Art. Vielleicht macht dies der Verlust. Vielleicht aber auch nur das Wissen, dass Dinge kaputtgehen. Irgendwann.

 

„Darf ich deine Sorgen sehen? Darf ich in deinen Schädel gucken um mit einem Staubwedel den Dreck zu beseitigen der dir das Denken verklebt!? Ich hole den Schrubber, das Putzzeug, die scharfe Variante, und dann wird grundgereinigt. Ach nein, das geht ja nicht. Stehe nicht auf dem Putzplan. Nächste Woche vielleicht.“

 

 


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